Digitales Familiennamenwörterbuch

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18.12.2015

Digitales Familiennamenwörterbuch

Erste Etappe eines Langzeitprojekts

Das Forschungsprojekt „Digitales Familiennamenwörterbuch Deutschlands“ (DFD) der TU Darmstadt, der JGU Mainz und der Mainzer Akademie der Wissenschaften und der Literatur erschließt den aktuellen Familiennamenbestand der Bundesrepublik und stellt die Ergebnisse im Internet zur Verfügung. Das Projektteam plant, rund 200.000 der in Deutschland vorkommenden Familiennamen lexikografisch zu erfassen, zu kartieren und auf ihren Ursprung hin zu untersuchen.

Prof. Dr. Andrea Rapp (li.) und Andrea Rapp (re.), Institut für Sprach- und Litereaturwissenschaft der TU Darmstadt. Bild: Stefan F.Sämmer / JGU Mainz
Die Professorinnen Nina Janich (li.) und Andrea Rapp vom Institut für Sprach- und Literaturwissenschaft betreuen an der TU Darmstadt das Forschungsprojekt. Bild: Stefan F. Sämmer / JGU Mainz

Der Familienname Darmstadt – dies wird niemanden besonders überraschen – findet sich vor allem in der Region um Darmstadt. Dass er auf die Herkunft seiner Träger hinweist, liegt nahe. Prof. Dr. Andrea Rapp präsentiert einen Auszug aus dem Digitalen Familiennamenwörterbuch Deutschlands (DFD). Das DIN-A4-Blatt vor ihr auf dem Tisch zeigt die Umrisse der Republik und als Farbtupfer einen großen roten Kreis um die Stadt. Nur wenige kleine Punkte weisen dagegen auf den Namen Darmstadt in anderen Regionen hin. „Überall sonst ist der Name eher selten.“

Bei den Darmstädtern, Darmstättern oder Darmstaedtern allerdings sieht das schon etwas anders aus. Prof. Dr. Nina Janich holt ein zweites Blatt hervor. „Die Darmstädter sind den Rhein entlang gewandert.“ In Mannheim und Ludwigshafen finden sie sich, aber auch flussabwärts über Mainz, das Ruhrgebiet und bis an die holländische Grenze ziehen sie ihre Kreise.

„Außerhalb Hessens heißen Darmstädter dann häufiger Hessen, Hesse oder Hess“, ergänzt die Germanistin. Dazu allerdings weist das DFD noch keine Karte auf. Das Wörterbuch ist noch im Entstehen. Über die kommenden Jahre werden laufend neue Familiennamen hinzukommen.

Das auf 24 Jahre angelegte Gemeinschaftsprojekt der TU Darmstadt, der Johannes Gutenberg-Universität Mainz und der Mainzer Akademie der Wissenschaften und der Literatur wurde im Jahr 2012 aus der Taufe gehoben. Seit einigen Monaten sind die ersten Früchte für jeden zugänglich im Internet zugänglich.

Fokus auf Digital Humanities

Prof. Dr. Andrea Rapp, Institut für Sprach- und Litereaturwissenschaft der TU Darmstadt. Bild: Stefan F.Sämmer / JGU Mainz
Professorin Andrea Rapp. Bild: Stefan F. Sämmer / JGU Mainz

Janich und Rapp vertreten die Darmstädter Seite des Langzeitprojekts. „Unser Schwerpunkt liegt auf den Digital Humanities“, erklärt Rapp. Die Wurzeln der digitalen Geisteswissenschaften reichen zurück in die 1950er-Jahre. Es geht im Grunde darum, die Quellen der Geistes- und Kulturwissenschaften mit den Mitteln der Informatik zu erschließen.

„Die Digital Humanities sind die Schnittstelle zwischen IT und Geisteswissenschaften, aber auch zwischen den einzelnen geisteswissenschaftlichen Disziplinen“, so Rapp. „Hier arbeitet die TU Darmstadt als Brückenbauer.“ Die JGU bringt ihre Expertise in der Familiennamenforschung ein. „Wir ergänzen uns sehr gut und haben uns in den letzten Jahren stark aufeinander zubewegt“, meint Janich. „Wir sind ein gutes Team geworden.“

Am Ende sollen rund 200.000 Namen im DFD zu finden sein. Damit wird es einzig dastehen in der Familiennamenforschung – aber eben nicht als dicker Wälzer, der im Regal verstaubt, sondern für jeden frei verfügbar im Internet.

„Ich bin ein großer Verfechter von Open Access“, betont Rapp. „Durch die Digitalisierung geben wir der Bevölkerung etwas zurück.“ Die Germanistin war unter anderem beteiligt, als die Universität Trier 1990 begann, das Wörterbuch der Brüder Grimm für das Internet zu erschließen. „Dadurch rückte wieder ins Bewusstsein einer breiteren Öffentlichkeit, dass die Grimms nicht nur Märchen sammelten.“

Einfache Bedienung

Prof. Dr. Nina Janich, Institut für Sprach- und Litereaturwissenschaft der TU Darmstadt. Bild: Stefan F.Sämmer / JGU Mainz
Professorin Nina Janich. Bild: Stefan F. Sämmer / JGU Mainz

Eine breitere Öffentlichkeit interessiert sich nun auch für das DFD. Jeder kann sich die Karten mit den Familiennamen anschauen, kann sich über die Herkunft eines Namens informieren. Die Handhabung ist denkbar einfach. „Wir haben damit eine neue Qualität in die Namensforschung gebracht“, sagt Janich. „Wir Forscher waren gezwungen, uns genau zu überlegen, welche Informationen wir wie ins Netz stellen. Was ist nötig für einen Artikel über einen Familiennamen, was nicht? Wie lassen sich die Artikel so standardisieren, dass jede neue Mitarbeiterin, jeder neue Mitarbeiter sofort mit der Namen-Datenbank arbeiten kann?“ Zwei Jahre dauerte es, bis klar war, wie das Wörterbuch im Netz nun genau aussehen soll.

„Ein wichtiger Punkt war die Zitierfähigkeit“, ergänzt Janich. Das DFD wird verschiedensten wissenschaftlichen Disziplinen als wertvolle Quelle dienen. „Aber es verändert sich ständig. Wir können einen Irrtum etwa im Beitrag zur Etymologie eines Namens schnell korrigieren. Das ist eine Stärke.“ Doch wenn jemand nun in seiner Arbeit eine ältere Version des DFD zitiert und nichts davon ist geblieben, nichts nachprüfbar? „Gemeinsam mit der Digitalen Akademie Mainz, die ebenfalls ihr IT-Know-how einbringt, arbeiten wir an einem Konzept, dass jede Version des Wörterbuchs eine eigene Adresse bekommt“, berichtet Rapp. So kann die Editionsgeschichte nachverfolgt werden und jedes Zitat bleibt verifizierbar.

Rapp könnte sich auch noch eine Citizen Science-Komponente für das Wörterbuch vorstellen: Alle Nutzer könnten ihr Wissen einbringen und darüber diskutieren, was sie vorfinden. Das allerdings ist noch Zukunftsmusik. „Wir müssten schauen, wie wir so etwas sinnvoll kanalisieren.“

Klar ist jetzt schon: Das Digitale Familiennamenwörterbuch Deutschlands wird im Internet Teil eines immer weiter wachsenden, engmaschiger gestrickten Netzes werden. Es wird zitiert werden, Querverweise werden zu anderen digitalen Quellen führen. „Darüber haben wir keine Kontrolle mehr“, so Rapp.

„Die Digital Humanities sind eine Brücke“, betont die Germanistin. Jeder kann sie betreten und herabschauen auf den Strom der Informationen. Dass er ihn entziffern und nutzen kann, dafür haben die Darmstädter jahrelang gearbeitet – und sie arbeiten weiter daran. Denn so ein Wörterbuch im Netz ist im Grunde nie vollendet.

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