„Das brachte Licht in mein Dunkel“

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06.07.2016

„Das brachte Licht in mein Dunkel“

TU Darmstadt und „Scholar Rescue Fund“ unterstützen syrischen Wissenschaftler

Der Ingenieurwissenschaftler Dr. Salim Jallouf floh mit seiner Familie aus Syrien – und hat an der TU Darmstadt, auch dank des Scholar Rescue Fund und der Organisation „Scholars at Risk“, seine wissenschaftliche Karriere fortsetzen können. Ein Porträt.

Dr. Salim Jallouf (li.) und Prof. Dr.-Ing. Matthias Oechsner. Bild: Claus Völker
Dr. Salim Jallouf (li.) und Prof. Dr.-Ing. Matthias Oechsner. Bild: Claus Völker

Als Salim Jallouf ahnte, dass seine Zeit an der Universität von Aleppo bald vorbei sein würde, fing er an, E-Mails zu schreiben. An Freunde, die bereits vor dem syrischen Bürgerkrieg ins Ausland geflüchtet waren oder seit Jahren dort leben. Und an Kollegen, die er während seiner Jahre als Gastwissenschaftler an der Universität Metz kennen gelernt hatte.

Im Jahr 2013 war das, in Aleppo fielen seit Monaten die Bomben, auf den Straßen wurde gekämpft. Dschihadistische Kämpfer hatten Jalloufs Frau Rana Jabbour mehrfach mit Tod oder Entführung gedroht, wenn sie ihre Kinderarzt-Praxis nicht schließen würde. Die christliche Familie – Salim, Rana und die beiden kleinen Töchter – traute sich kaum noch aus dem Haus.

Bis endlich eine Nachricht aus Metz kam, die ihnen Mut machte: Eine Organisation namens Scholar Rescue Fund helfe verfolgten Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern ins Ausland und vergebe auch Stipendien. So schrieb jener Professor, der Jalloufs Promotion betreut hatte. Und weiter: Dass er sich für ihn bei Kollegen im italienischen Bari einsetzen würde.

So landete Dr. Salim Jallouf, bis dahin Assistenzprofessor am Institut „Industrial Engineering“ mit dem Fokus Luftfahrt sowie Beauftragter für Qualitätsmanagement bei einer Druck- und Verpackungsfirma in Aleppo, am Politecnico di Bari. Nicht per Direktflug allerdings: Das Rote Kreuz hatte die Familie aus der Stadt hinaus und in den Libanon gebracht. Von dort aus beantragten die Jalloufs ihre Visa und reisten aus.

Aufnahme in Darmstadt

Dr. Salim Jallouf floh mit seiner Familie aus Syrien und hat an der TU Darmstadt seine wissenschaftliche Karriere fortsetzen können. Bild: Claus Völker
Dr. Salim Jallouf im Gespräch. Bild: Claus Völker

„Das war der erste wichtige Schritt“, blickt Jallouf zurück. Die Familie konnte durchatmen, und weil Jallouf fließend Italienisch spricht, hielt er am Politecnico gleich Vorlesungen. Doch bald musste er schon wieder Mails schreiben – denn der Aufenthalt in Bari war auf ein Jahr begrenzt. Rund 100 Professoren schrieb er an, nachdem er sich auf den Internet-Seiten der jeweiligen Institute umgesehen hatte.

Eine der wenigen Antworten kam aus Darmstadt: von Professor Matthias Oechsner, Leiter der Materialprüfungsanstalt und des Instituts für Werkstoffkunde. „Aus der Mail wurde deutlich, dass sich Dr. Jallouf gezielt mit dem beschäftigt hatte, was wir hier in Darmstadt tun. Veröffentlichungen und Lebenslauf waren überzeugend. Ich sah also die Möglichkeit, einem Kollegen in einer schwierigen Situation zu helfen“, sagt Oechsner. Eine Entscheidung, für die Salim Jallouf zutiefst dankbar ist: „Das Angebot von Professor Oechsner brachte Licht in mein Dunkel.“

Wissenschaftlich wieder Fuß fassen

An der MPA lebt Jallouf wieder den Alltag eines Forschers. Statt mit Anfeindungen und alltäglichen Gefahren beschäftigt er sich mit den mechanischen Eigenschaften und der Lebensdauer von Werkstoffen. Zu seinem Spezialgebiet – der Beschreibung der Werkstoffzuverlässigkeit mittels probalistischer Methoden – hat er gerade drei Publikationen in Vorbereitung. Viel Arbeit, sagt Jallouf, zumal er nach dem Arbeitstag noch einen Sprachkurs besucht. Aber er ist froh, sein eigenes Geld zu verdienen.

Über den Scholar Rescue Fund bekommt Jallouf ein Jahresstipendium von gut 22.000 Euro. Die MPA legt (so die SAR-Vorgabe) nochmals die gleiche Summe drauf. Von diesem Gehalt deckt Jallouf die Miete, private Krankenversicherung und den Lebensunterhalt seiner Familie.

Im November 2016 läuft auch das zweite Stipendienjahr ab. Jallouf schreibt schon Bewerbungen, er sucht eine Perspektive außerhalb der Uni, am liebsten in Darmstadt. Die Kolleginnen und Kollegen an der MPA wird er vermissen. Nicht nur, weil alle so pünktlich und gut organisiert sind. Sondern weil sie sich gekümmert haben, allen voran Dr. Ing. Petra Bender, die Leiterin der Verwaltung an der MPA. Sie war es, die für die Töchter Autokindersitze aufgetrieben hat, die immer wieder bei Übersetzungen und amtlichen Schreiben hilft – und die sogar Schokolade für die Kinder in jener Wohnung deponiert hatte, in der die Familie nach der Ankunft aus Italien zunächst unterkam. „So etwas vergisst man nicht“, sagt Salim Jallouf.

Scholars at Risk

Die TU Darmstadt ist seit April 2016 Mitglied der Organisation Scholars at Risk (SAR). SAR unterstützt Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler, die in ihren Heimatländern aus politischen Gründen unter Druck stehen, die bedroht oder verfolgt werden. SAR vermittelt sie an Hochschulen im Ausland, damit sie dort frei, ohne Angst und Einschüchterung forschen und lehren können.

Derzeit berät und hilft SAR 350 Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler pro Jahr, und ständig gehen neue Gesuche ein – derzeit vor allem aus Syrien, Iran, Irak und der Türkei. Um die Auslandsaufenthalte zu finanzieren, vergibt Scholars at Risk Stipendien und arbeitet dafür auch mit Partnern wie dem Scholar Rescue Fund zusammen. Von der gastgebenden Universität (bzw. Institut) wird eine Ko-Finanzierung in derselben Höhe erwartet.

Die TU Darmstadt setzt mit ihrem Beitritt zu Scholars at Risk ein politisches Zeichen: Die akademische Freiheit ist ein hohes Gut, für die wir uns weltweit einsetzen müssen. Im Rahmen von Scholars at Risk kann dies über die zeitlich befristete Aufnahme von verfolgten Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern, durch die Teilnahme an Konferenzen und Workshops von SAR, durch das Engagement für das Projekt „Scholars in Prison“ geschehen.

An der TU Darmstadt hält das Welcome Centre im Dezernat VIII (Internationales) die Verbindung zu SAR, bahnt die Aufnahme von Stipendiatinnen und Stipendiaten an und steht jenen Instituten, die in direktem Kontakt zu verfolgten Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern stehen, mit Rat und Tat zur Seite.

Bislang haben sich in Scholars at Risk mehr als 400 Hochschulen aus 39 Ländern zusammengeschlossen. Das Netzwerk hat seinen Sitz in New York. Zu den deutschen Mitgliedern zählen außer der TU Darmstadt unter anderen die FU Berlin, die Unis Göttingen, Köln, Nürnberg-Erlangen, Tübingen, die Katholische Universität Eichstätt und das KIT Karlsruhe.

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