Die AfD auf dem Weg zur Volkspartei?

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06.09.2016

Die AfD auf dem Weg zur Volkspartei?

Einschätzungen von Professorin Cornelia Koppetsch

Nach seinen Erfolgen in anderen europäischen Ländern ist der Rechtspopulismus nun auch in Deutschland auf dem Vormarsch. Ein neuerlicher Beweis dafür ist das starke Abschneiden der AfD bei der Landtagswahl in Mecklenburg-Vorpommern. Die Darmstädter Soziologieprofessorin Cornelia Koppetsch beleuchtet in ihrem Debattenbeitrag Gründe für den Aufstieg – und erklärt, warum Zuwanderung und Islam dabei zu Sündenböcken werden.

Porträt von Professorin Cornelia Koppetsch. Bild: Jan-Christoph Hartung
Professorin Cornelia Koppetsch. Bild: Jan-Christoph Hartung

„Lange Zeit schien die Bundesrepublik gefeit gegen die Versuchungen des Rechtspopulismus. Der Aufstieg und die enormen Wahlerfolge der AfD bei der Europawahl 2014 und ihr fulminantes Abschneiden in Mecklenburg-Vorpommern am letzten Sonntag sind nicht nur für die CDU, sondern für die liberale Gesellschaftsordnung im Ganzen eine schallende Ohrfeige.

Dabei folgt Deutschland einem in soziologischer Hinsicht durchaus vorhersehbaren Pfad: Rechtspopulisten sind in solchen Ländern Westeuropas am stärksten, in denen einst starke Wohlfahrtssysteme existierten, die für Ausgleich und soziale Integration zwischen den Klassen sorgten, die im Zuge neoliberaler Reformen jedoch ausgehöhlt worden sind.

Nur hat man dies in Deutschland bisher so nicht gesehen, da hier alle Zeichen auf Wachstum stehen und Deutschland zu den größten Volkswirtschaften der Welt gerechnet wird. Doch eine Gesellschaft, die trotz stetigen Wirtschaftswachstums, gigantischer Steuereinnahmen und sinkender Arbeitslosigkeit wachsende Teile der Bevölkerung ökonomisch ausbeutet, wird auf Dauer wenig Zustimmung erlangen.

Eine beträchtliche Anzahl von Menschen muss Jobs akzeptieren, die ihrer Qualifikation nicht entsprechen oder die nicht existenzsichernd sind. Auch Bildung ist längst keine Garantie für sozialen Aufstieg mehr. Frustrierte Teilhabe- und Aufstiegschancen führen bei vielen Menschen zum Gefühl, von den herrschenden Institutionen und Eliten im Stich gelassen worden zu sein.

In den neuen Bundesländern kommt noch hinzu, dass sich nicht nur die Arbeitsplätze, sondern nahezu alle gesellschaftlichen Bindekräfte aus dem Gesellschaftskörper zurückgezogen haben. Millionen Menschen haben das Land seit 1990 verlassen. Schulen, Läden, Kitas und Arztpraxen müssen schließen. Buslinien werden nicht mehr befahren. Häuserzüge verwaisen und Dörfer werden zu Geisterstätten.

Rechtspopulismus ist erfolgreich, wenn ein spezifisches Rollenspiel in Gang gesetzt wird: Populistische Wortführer liefern einen politischen Deutungskontext für soziale Kränkungen, bieten zentrale „Wutpunkte“ zur Entladung von Frustrationen und artikulieren ein Gesellschaftsbild, das sich konträr zum Gesellschaftsentwurf der Etablierten profiliert.

Das Flüchtlingsthema, das den Ausschlag für den Wahlerfolg der AfD in Mecklenburg-Vorpommern gegeben hat, bietet zu beiden Punkten reichhaltiges Material, da hier die Überzeugung vieler Bürger zum Ausdruck gebracht wird, dass für Flüchtlinge mehr getan werde als für Einheimische. Die Furcht, in der sozialen Konkurrenz um Lebenschancen und Ressourcen zu unterliegen, bekommt in Form eines Stellvertreterkonflikts eine sozial akzeptierte Gestalt.

Die Übertragung sozialer Kränkungen auf den Sündenbock „Islam“ und Flüchtlinge wäre in einem Bundesland wie Mecklenburg-Vorpommern, das nur wenige Asylbewerber aufgenommen hat, ohne die dramatisierende Berichterstattung in den Medien allerdings nicht möglich gewesen.

Ereignisse wie die Terroranschläge von Paris oder die erhitzten Debatten über die sexuellen Übergriffe in Köln und anderen Städten wirken hier wie Katalysatoren, da sie in den Medien immer wieder und über einen langen Zeitraum auf dramatisierende Weise dargestellt und in ihren Konsequenzen ausgemalt wurden.

Gesellschaftliche Spaltungen sind ja im Prinzip nichts Neues. Neu ist jedoch, dass die großen Volksparteien, die bislang eine Brücke zwischen den beiden Polen bildeten, diese Mittlerrolle aktuell nicht mehr erfüllen, weil sie sich auch kulturell von den volkstümlichen Schichten entfernt haben. Die Sozialdemokratie hat sich in eine Sackgasse verrannt, weil sie sich mit der Agenda 2010 den neoliberalen Marktkräften angedient hat.

Anderseits fühlen sich auch traditionell-konservative Wähler durch die Globalisierung in ihren angestammten Lebensformen im Stich gelassen und finden immer weniger eine Heimat in der CDU, die sich unter Merkel liberalen Werten geöffnet hat.“

Zur Person

Prof. Dr. Cornelia Koppetsch ist Professorin für Soziologie an der TU Darmstadt. Sie forscht schwerpunktmäßig zu den Themen Bildung, Geschlechterverhältnisse und Gegenwartsdiagnose. Zuletzt erschienen „Wenn der Mann kein Ernährer mehr ist“ (edition Suhrkamp, mit Sarah Speck) und „Die Wiederkehr der Konformität. Streifzüge durch die gefährdete Mitte“ (Campus). Beiträge zum Thema Rechtspopulismus sind in Vorbereitung.

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