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07.11.2016

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FabSpace 2.0 Lab startet an der TU Darmstadt

Am Institut für Geodäsie der TU Darmstadt ist heute (07. November) das EU-Projekt „FabSpace 2.0“ vorgestellt worden. Im Mittelpunkt steht an der TU als Konsortialpartnerin das FabSpace 2.0 Lab – ein Ort, an dem Nutzerinnen und Nutzer von innerhalb und außerhalb der Universität Zugang zu Satellitenfernerkundungsdaten des europäischen COPERNICUS Programms ermöglicht wird.

Im FabSpace 2.0 Lab wird eine Entwicklungsumgebung samt notwendiger Hard-und Software zur Verfügung gestellt. Ergänzt durch die Fachkenntnisse der wissenschaftlichen Mitarbeiter sollen damit neue Ideen für kreative Anwendungen der Erdbeobachtungsdaten entwickelt und implementiert werden. Das FabSpace 2.0-Projekt wird von der EU im Rahmen des Themenbereiches „Innovative Schemes for Open Innovation and Science 2.0” mit 3,5 Millionen Euro gefördert. Als eines von sechs solcher Zentren in Europa soll es in der Verbindung von Universität und „cesah“, dem Business Incubation Centre der ESA in Darmstadt, ein offenes Zentrum für Innovationen bilden.

Es zielt als Netzwerk darauf ab, Universitäten zu gesellschaftlich relevanten, datenbasierten Innovationszentren in der Region zu machen, um mit innovativen Ansätzen zur Bewältigung der Herausforderungen des globalen Wandels beizutragen. Insbesondere sollen durch Wettbewerbe Existenzgründungen initiiert und unterstützt werden. Das Kernstück des Konzeptes ist das FabSpace Lab, das in den letzten Monaten an der TU eingerichtet wurde und ab November in Betrieb gehen wird.

An diesem frei zugänglichen Ort in der Universität können Studierende, Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler sowie externe Personen eine Datenplattform benutzen, um ihre eigenen Anwendungen zu implementieren und zu testen. Sie können Methoden zur Fernerkundung, Satellitenaltimetrie, Photogrammetrie und Bildanalyse anwenden, oder Daten der Globalen Satellitennavigationssyteme nutzen. Dafür steht im FabSpace Lab ein Serversystem mit einem dedizierten geographischen Informationssystem zur Verfügung. Zudem werden im Lab Beratung, Betreuung und Lehrveranstaltungen angeboten.

Im Interview erläutert Professor Dr.-Ing. Matthias Becker, Leiter des Fachgebiets Physikalische Geodäsie und Satellitengeodäsie, das Konzept FabSpace Lab:

Das Konzept „FabLab“ kennt man bislang vor allem aus Bereichen, in denen Geräte – etwa 3D-Drucker – für die Produktion von Prototypen Entwicklerinnen und Entwicklern zur Verfügung stehen, die sonst keine Chance hätten, innovative Ideen voranzutreiben. Wie findet dieses Konzept im „FabSpace“-Lab und im Bereich Geodäsie Anwendung?

Professor Matthias Becker. Bild: privat
Professor Matthias Becker. Bild: privat

Das Konzept ist hier im FabSpace Lab ganz ähnlich, nur dass bei uns statt spezieller Hardware Toolboxen, Erdbeobachtungsdaten und Know-How zur Nutzung der Geo-Daten bereitgestellt werden. Die Geodäsie als Wissenschaft der Messung, Modellierung und des Monitorings von Erde und Umwelt ist dafür hervorragend geeignet. Angesichts der enormen verfügbaren Datenmengen ist es wichtig, das Potenzial der Daten beurteilen zu können und die richtige Strategie zur ihrer Nutzung zu wählen. Dazu werden die Mitarbeiter des FabSpace Lab beraten und informieren. Die FabSpace Lab Online-Plattform und andere lokale Online-Plattform geben den Nutzern kostenlosen Zugang zu den Erdbeobachtungsdaten, mit denen Anwender ihre eigene Applikation erstellen können.

Wer kann das FabSpace Lab nutzen?

Das Konzept ist auf eine breite Nutzergemeinde ausgerichtet. Wer neue Ideen hat, wie er die Terabyte an neuen Erdbeobachtungsdaten nutzen kann, soll hier einen Anlaufstelle haben. Universitäten, Behörden, Organisationen der Zivilgesellschaft, Forscher und Studenten, Industrie und Business-Support-Organisationen sind willkommen. Die Projektkonzeption sieht mit der Kombination von einem universitären und einem wirtschaftlich orientierten Partner die aktive Mobilisierung von jungen Gründern und Unternehmern vor. Unser Projektpartner cesah hier in Darmstadt wird durch eine ganze Reihe von Events und Maßnahmen, wie Challenges, Bootcamps, themenorientierten Kursen und anderes, deren Interesse wecken und ihr Potential heben.

Haben Sie konkrete Beispiele für Projekte, die für das FabSpace Lab angedacht oder bereits in Vorbereitung sind?

Da das FabSpace Lab noch nicht eröffnet ist und wir noch keine Werbung dafür geschaltet haben, gibt es bis jetzt noch keine externen Anfragen oder Ideen. Allerdings haben wir im Rahmen unserer Forschungsarbeiten Fragestellungen, die im FabSpace Lab angegangen werden sollen. Beispiele sind die Nutzung der Radar-Daten der Sentinel-1-Satelliten zur Detektion von Änderungen in der Landnutzung. Wegen der hohen Wiederholrate von sechs Tagen können hier schnell Veränderungen entdeckt und klassifiziert werden.

Ein weiteres Thema ist die Nutzung der Veränderungen in den Radarbildern zur Aufdeckung von Höhenänderungen. Speziell im Gebiet des Oberen Rheingrabens, wo viele anthropogene Veränderungen auftreten, können so Änderungen im Zentimeter-Bereich detektiert werden und Risiken durch Überflutungen oder großräumige Hangrutschungen schneller und besser abgeschätzt werden. Sentinel-2-Daten können für die Klassifizierung der Landbedeckung verwendet werden. Hier besteht zum Beispiel großes Interesse von Seiten der Landwirtschaft.

Warum ist das Institut für Geodäsie der TU eine gute Umgebung für ein FabSpace Lab?

Das Institut für Geodäsie hat eine lange Tradition in der Nutzung der Satellitendaten. Es bestehen enge Kontakte zur ESA und dem ESOC in Darmstadt und auch zu den Instituten des DLR in Oberpfaffenhofen, zur Weiterentwicklung der Erdbeobachtungstechniken in gemeinsamen Forschungsarbeiten. Insofern ist Erfahrung und Know-how vorhanden.

Neben der Geodäsie sind auf der Anwenderseite in unserem Fachbereich Bau- und Umweltingenieurwissenschaften vielfältige Fragestellungen aktuell, die durch die neuen Satelliten bearbeitet werden können. Das betrifft die Erdsystemmodellierung, Fragen der Stadtentwicklung und der Smart Cities, Landentwicklung von brachliegenden Flächen, Wasserressourcen und Naturgefahren und vieles mehr. Insgesamt ist natürlich auch die gute Einbindung der TU in einem starken und etablierten regionalen Netzwerk aus Industrie, Politik und Gesellschaft ein wichtiger Punkt für den Erfolg des Projektes.

Wie wird die geodätische Forschung und Lehre an der TU vom Fab Space Lab profitieren?

Das FabSpace Lab wird in die Lehrveranstaltungen eingebunden und kommt damit unseren Studenten und Mitarbeitern zu Gute. Durch die Ideen und Anforderungen der neuen Nutzer erhoffen wir uns auch Impulse für neue Forschungsfragen und notwendige Entwicklungen neuer Verfahren und Modelle. Wir gehen davon aus, dass durch die interdisziplinären Fragestellungen auch die Forschungskooperationen mit andere Fachbereichen und Instituten erweitert werden.

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