Nützliche Plagegeister?

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07.11.2016

Nützliche Plagegeister?

KIVA-Projektwoche: Studierende untersuchen Mücken als Impfhelfer

Blutsaugende Insekten als Überträger von Impfstoffen oder Medikamenten? Mit dem Thema „Fliegende Doktoren“ befassen sich seit heute Vormittag Studierende der Biologie, der Philosophie und der Soziologie im Rahmen der KIVA-Projektwoche. Die Arbeitsgruppen sind interdisziplinär zusammengestellt und werden betreut von Professorinnen und Professoren der verschiedenen Fächer sowie einem Tutorenteam.

Eine Mücke auf einem Handrücken. Bild: Katrin Binner
Können blutsaugende Insekten nützlich sein? Bild: Katrin Binner

Über Thema und Herausforderungen der diesjährigen Projektwoche spricht Prof. Dr. Heribert Warzecha, Fachbereich Biologie:

TU Darmstadt: Mücken als fliegende Impfhelfer – wie realistisch oder revolutionär ist das Szenario, das in dieser Aufgabe bearbeitet wird? Wo sind die „Knackpunkte“?

Heribert Warzecha: Ganz neu und revolutionär ist die Idee nicht. Es gab schon mal Forschungsarbeiten zu diesem Thema. Eine Realisierung könnte an vielen Punkten schwierig werden oder gar unmöglich sein. Das mögen technische Schwierigkeiten, medizinische, ethische, ökologische oder auch kulturelle Unwägbarkeiten sein.

Zum Beispiel: Darf ich überhaupt ohne die Zustimmung der Impflinge solch eine Behandlung durchführen? Und wenn ja, unter welchen Voraussetzungen? Ein Ziel ist es eben auch, den Studierenden zu zeigen, dass eine Disziplin alleine diese Fragen nicht klären kann.

Porträt von Prof. Heribert Warzecha. Bild: Sandra Junker
Prof. Heribert Warzecha. Bild: Sandra Junker

Welche Aspekte oder Anteile sollen die einzelnen Disziplinen, aus denen Studierende teilnehmen, zur Lösung beitragen? Passen Biologen, Soziologen und Philosophen zusammen?

Natürlich passen Biologen, Soziologen und Philosophen zusammen, sie ergänzen sich sogar ganz prima. Abhängig von der Stärke der Fraktion bekommen die Disziplinen unterschiedlich umfangreiche Teilaspekte zu bearbeiten. Die Biologen die mehr technischen Details der Umsetzung, die Philosophen und Soziologen die gesellschaftlichen Aspekte sowie die Technikfolgenabschätzung und ethischen Fragen. Letztendlich darf man sogar zu dem Schluss kommen: technisch machbar, aber aus darlegbaren Gründen nicht durchführbar.

Ein komplexes Thema mit möglicherweise konkretem Nutzen und globalen Implikationen – inwiefern können nach Ihrer Erfahrung Menschen am Anfang ihres Studiums eine solche Herausforderung bewältigen und davon profitieren?

Bewältigen ist relativ. Natürlich wird in dieser Woche nicht die Welt gerettet. Aber den Studierenden wird vor Augen geführt, welche Aufgaben in Zukunft auf sie warten könnten, und welches Rüstzeug es braucht, um sie zu bewältigen. Die Komplexität ist gewollt und soll die Teilnehmer auch einmal an ihre Grenzen führen. Viele hat das in der Vergangenheit stark motiviert, sich eingehender mit den Themen zu beschäftigen. Und mit der Interdisziplinarität ist es wie mit einer Fremdsprache: Sie lernt sich leichter, wenn man noch ganz jung ist und auch seine eigen „Sprache“ noch perfektionieren muss. Schwieriger wird es, wenn man schon perfekt ist und nochmal eine neue Sprache dazu lernen muss.

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Film: KIVA – ein Einblick

Studierende unterschiedlicher Disziplinen arbeiten an einer gemeinsamen Problemstellung: Die KIVA-Studieneingangsprojekte sind ein Markenzeichen der TU Darmstadt. Wie läuft das in der Praxis ab? Der während der Vorbereitung zur eben gestarteten Projektwoche entstandene Film gibt Einblicke.

KIVA-Studieneingangsprojekte

Mit ihren interdisziplinären „Ingenieurprojekten“ gleich in der Startphase des Studiums hat die TU Darmstadt vor Jahren bundesweit Maßstäbe gesetzt: Was im Bauingenieurwesen und Maschinenbau begann, inspiriert an der TU Darmstadt immer mehr Fachbereiche zu einer Vielfalt von fachbereichsübergreifenden Studienprojekten mit großer thematischer Breite. Gebündelt werden diese Veranstaltungen im Teilprojekt KIVA-Studienprojekte unter dem Dach des Projekts KIVA (Kompetenzentwicklung durch interdisziplinäre Vernetzung von Anfang an). Die erfolgreiche Verbesserung von Studienbedingungen und Lehrqualität durch KIVA werden durch die Folgeförderung im Qualitätspakt Lehre bis 2020 anerkannt.

Im Studienjahr 2016/17 laufen sieben Projekte mit 22 Partnern und rund 2400 Studierenden in der Studieneingangsphase. Die Studierenden erarbeiten in fächerübergreifend gemischten Gruppen Lösungskonzepte für komplexe, praxisnahe Aufgaben – intensiv betreut von Lehrkräften und versierten Fach- und Teambegleiterinnen und -begleitern. Dabei geht es um innovative Lösungen, aber auch darum, teamorientiert zu arbeiten und soziale wie kommunikative Kompetenzen zu erwerben.

Wie später im Berufsleben müssen die Studierenden Brücken zwischen Fächern mit oft ganz unterschiedlichen Anforderungen, Vokabular oder Arbeitsweisen schlagen. Erfahrungen aus den Vorjahren haben gezeigt: Die Freude an der Interdisziplinarität, die in den Studieneingangsprojekten geweckt wird, hält lange an und motiviert zu weiteren Studienerfolgen.

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