„Extremer Neid“

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29.11.2016

„Extremer Neid“

Zeithistorische Masterarbeit an der TU Darmstadt mit hochaktuellen Bezügen

Die oftmals vertretende These von der raschen und harmonischen Integration von Flüchtlingen und Vertriebenen in der Stadt und im Landkreis Darmstadt nach 1945 ist ein Mythos. Vielmehr war die erste Nachkriegsdekade geprägt von Neid, Verteilungskampf, Konkurrenzdenken und Ressentiments. Das belegt der Historiker Kristof Lukitsch in seiner Masterarbeit an der TU Darmstadt.

Der Historiker Kristof Luktisch untersuchte für seine Masterarbeit die Integration der Vertriebenen im Raum Darmstadt in der Zeit von 1945 bis 1961. Bild: Claus Völker
Der Historiker Kristof Lukitsch untersuchte für seine Masterarbeit die Integration der Vertriebenen im Raum Darmstadt in der Zeit von 1945 bis 1961. Bild: Claus Völker

Die gegenwärtigen Flüchtlingsbewegungen weltweit, in Europa und Deutschland, haben bei Kristof Lukitsch eine Frage reifen lassen: Wie war das eigentlich in den späten Kriegsjahren und nach 1945, als rund acht Millionen deutschstämmige Flüchtlinge, Heimatvertriebene und Vertriebene in das heutige Gebiet der Bundesrepublik strömten? Vollzog sich die Integration dieser Menschen wirklich so reibungslos wie es so manche Studie später weismachen wollte?

Der TU-Geschichtsstudent suchte nach einem Thema für seine Masterarbeit und fand es in der noch nicht erforschten „Integration der Vertriebenen im Raum Darmstadt 1945-1961“. Dieses Kapitel war in der regionalen Geschichtsschreibung bisher keineswegs erschöpfend und differenziert untersucht worden, so Lukitsch, und zudem ein Feld, das noch zu oft den Betroffenenverbänden selbst überlassen worden war.

„Reibungen und aggressive Gegenwehr“

Das wollte der heute 28-Jährige ändern. „Ich wollte gezielt das Phänomen der Eingliederung untersuchen ohne die Sichtweise von Interessensverbänden zu übernehmen. Ich wollte analysieren, inwieweit ein möglicher fehlender sozialer Frieden der Integration im Wege stand.“ Lukitsch tauchte ab in die Archive und stieß in der Tat auf wenig Schmeichelhaftes. „Es gab sehr viele Reibungen und aggressive Gegenwehr.“

1946 lebten in der Stadt Darmstadt 76.000 Einwohner, davon 1.600 Kriegsflüchtlinge. Im damaligen Landkreis waren es 78.000 Menschen, davon 9.000 Vertriebene. 1950 steigerte sich die Einwohnerzahl im Stadtgebiet auf 95.000, davon waren 7.000 Flüchtlinge. Im Landkreis lebten unter 83.000 Menschen 13.000 Flüchtlinge. In der Stadt und auf dem Land standen sich zwei Personengruppen gegenüber, deren Verhalten durch einen massiven Verteilungskampf um Wohnraum, Arbeit und anfänglich auch Nahrungsmittel geprägt war. Die Stadt Darmstadt war zur Hälfte kriegszerstört, die Innenstadt sogar zu 80 Prozent. Im Landkreis waren die Zerstörungen wesentlich geringer, weswegen dort mehr Flüchtlinge und Vertriebene aus Schlesien, dem Sudetenland, Ostpreußen, Rumänien, Russland oder Ungarn unterkamen.

Gefühl der Entmündigung

Gelenkt wurden diese Ströme von deutschen Behörden und der amerikanischen Militärregierung. Es gab Einweisungen in Wohnungen, „weshalb sich viele entmündigt vorkamen und das Gefühl hatten, keine Verfügungsgewalt mehr über ihr Eigentum zu haben“, berichtet Lukitsch. Beide Gruppen wähnten sich benachteiligt und die jeweils andere bei der Verteilung von Wohnraum, Arbeit und Essen bevorzugt.

In den Archiven und auch in Leserbriefen des „Darmstädter Echo“ stieß der Historiker auf Aussagen, die einen massiven sozialen Unfrieden belegten. Eine „emotional aufgeladene Situation“, so Lukitsch. Eine Frau aus Griesheim beklagte etwa, dass ein Teil der Bevölkerung Kuchen backe, während andere noch nicht einmal Brot für die hungernden Kinder hätten. 1946 kritisierte der Interessenverband Darmstädter „Fliegergeschädigter“, dass sich die Stadt für Ostflüchtlinge einsetze, jedoch nichts für sie getan habe. Ein Oberregierungsrat bezeichnete Flüchtlinge gar als „meist asoziale und kriminelle Elemente“. Das Klima war so aufgeheizt, dass der hessische Regierungspräsident Ludwig Bergsträßer im Februar 1947 angesichts der Flut an täglichen Beschwerdebriefen an sein Präsidium die Bevölkerung aufforderte, „endlich den Neid abzustellen und produktiv mitzuwirken“.

„Kein Zusammenrücken“

Der oftmals „extreme Neid“ fiel auch dem jungen Historiker auf. Zahlreiche Fälle landeten sogar vor Gericht. Viele Einheimische in Stadt und Landkreis weigerten sich, Flüchtlinge aufzunehmen. Für Lukitsch war das nach dem Kriegsende „kein Zusammenrücken“. Vielmehr bot sich das Bild einer gleichermaßen materiellen wie sozialen Trümmergesellschaft, deren Einstellung durch die Kriegs- und aggressive NS-Propaganda geprägt war, „die auf Exklusion, Vorurteilen und Ressentiments aufbaute“, sagt er. Die Flüchtlinge wurden oftmals nicht als „Deutsche“ wahrgenommen, sondern als „Ausländer“ abgelehnt. Das änderte sich erst, als sich im Laufe der 1950er Jahren und mit dem „Wirtschaftswunder“ die Situation auf dem Wohnungs- und Arbeitsmarkt massiv entspannte. Von da an verlief die Integration dann tatsächlich erfolgreich.

Quellen in Frankfurt am Main

Bei seiner monatelangen Recherche sichtete Kristof Lukitsch nicht nur die Quellen der statistischen Ämter von Stadt und Land, sondern wurde auch beim Frankfurter Institut für Sozialforschung fündig. Dessen Soziologen hatten in den Nachkriegsjahren eine „Gemeindestudie“ sowie Nachfolgestudien erarbeitet, die sich explizit mit Darmstadt und dem Umland als hessische Beispielregion befasste und Fragen nach der Flüchtlingsunterbringung und dem sozialen Klima beantworten sollte. „Ein Glücksfall für meine Arbeit“, sagt der Historiker, der für seine bei Professor Dieter Schott eingereichte Masterarbeit die Note „sehr gut“ erhielt. Unterdessen ist er wissenschaftlicher Mitarbeiter im Darmstädter Graduiertenkolleg KRITIS, das sich mit Infrastrukturfragen befasst. Dort arbeitet er an seiner Doktorarbeit.

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