Um die Ecke gedacht

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13.01.2017

Um die Ecke gedacht

TU-Forscher stellen sich Herausforderung automatischer Metaphernerkennung

An der TU Darmstadt arbeiten Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler verschiedener Disziplinen an automatisierten Verfahren zur Metapherndetektion. Hinter dem Wort verbirgt sich Grundlagenforschung. Die Funktionsweise von Metaphern ist ein altes Rätsel für die an Textinhalten arbeitenden Geisteswissenschaften wie auch für die Linguistik. Neue algorithmische Verfahren eröffnen hier Chancen, die es zuvor nicht gab – und bringen die Informatik und die Geisteswissenschaften zusammen. Die Philosophie-Professorin Petra Gehring schildert die Herausforderungen.

Prof. Dr. Petra Gehring, Institut für Philosphie. Bild. Katrin Binner
Prof. Dr. Petra Gehring. Bild: Katrin Binner

Kurze Erinnerung: Was war das noch einmal, eine „Metapher“? Richtig: Ein sprachlicher Ausdruck, der eigentlich falsch, nämlich regelwidrig verwendet wird. Just so aber wird auf besonders gewitzte Art etwas gesagt. So kann uns jemand zurufen, der neue Film von Woody Allen sei ein Hammer, und wir verstehen sofort (obwohl wir nicht erwarten, dass ein Film einen Nagel in die Wand schlagen kann). Oder, um ein etwas komplexeres Beispiel aus der Wissenschaftssprache zu wählen: Wenn der Philosoph Adorno ein Museum als Naturalienkabinett des Geistes bezeichnet, um dann anzumerken, Museen verwandelten Kunstwerke in eine Hieroglyphenschrift der Geschichte, wird hier offensichtlich auf raffinierte Weise indirekt geredet. Worte funktionieren um die Ecke herum (auch das mit der „Ecke“ ist jetzt übrigens wieder eine Metapher gewesen).

So weit so gut. Die vielschichtigen Botschaften, aber auch das verzwickte Funktionieren von Metaphorik wird – keine Übertreibung – seit Jahrtausenden untersucht. Wichtige Metapherntheoretiker waren Aristoteles (gut 300 v. Chr.) und Quintillian (95 n. Chr.). Heute arbeiten Literatur- und Bildwissenschaften, Kognitions- und Sprachforschung an Metaphern. Und natürlich auch die Philosophie.

Ebenfalls seit Jahrtausenden gibt es dabei ein Problem. Metaphern entwischen linguistischen Kategorien. Sie lassen sich nicht anders als durch menschliche Lektüre finden – eben weil sie irreguläre Phänomene sind, weil ihr „Kontext“ sie kalibriert, weil gerade die originellen Stellen aus kaum mehr als aus einem „Kontextbruch“ bestehen. Automatische Metapherndetektion ist daher bislang nicht möglich. Daher kommt die Metaphernforschung nicht über von Einzelforschern Gelesenes und Gesammeltes, über Small Data, hinaus. Insbesondere eine vergleichende Metaphernforschung über große Textmengen hinweg wäre für die Geisteswissenschaften so etwas wie der Traum vom Fliegen (dies war jetzt übrigens keine Metapher, sondern ein Vergleich). Und wohlgemerkt: Es geht nur ums Finden von Metaphern – nicht etwa darum, Metaphern interpretierend zu verstehen. Allein schon das Findenkönnen ist, was die sogenannte „originäre“ (also die gewitzte, noch uneingespielte) Metaphorik angeht, aber auch in populärer Sprache – etwa in den blumigen Reden eines Präsidentschaftswahlkampfs – ein Riesenproblem.

Computergestützte Metapherndetektion als große Chance

Dass algorithmische Verfahren inzwischen immer geschmeidiger werden, ist für die Metaphernanalyse eine große Chance. Nun lassen sich halbautomatische Verfahren zur Detektion auch neuer, origineller, sogar singulärer Metaphern in großen Datenmengen erforschen und erproben. Wenn Sprachtechnologie und Textforschung hinreichend eng zusammenarbeiten, könnte das Jahrtausendproblem schrittweise lösbar werden – und dies so, dass auch die schwierigen Forschungsfragen der interpretierenden, also inhaltsorientierten Wissenschaften, die sich mit anspruchsvollen Texten auseinandersetzen, betrachtet werden können. Zum Beispiel in der Philosophie.

Verlangt wird gerade von der Informatik eine Menge. Auf der Basis einer hinreichend feingranularen Metapherntheorie müssen komplexe (nämlich vom Kontext ausgehende), dabei lernende und ganz unterschiedliche Textbeschaffenheiten berücksichtigende Methoden geschaffen werden, die man zugleich auch auf konkrete Forschungsfragen „einstellen“ (also z.B. pragmatisch kombinieren) kann. Dies sollte versucht werden: auf interdisziplinärem Weg, materialnah, zielstrebig. Und bis zum – Achtung, Metapher! – Durchbruch!

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