Portrait_Messari-Becker

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Prof. Dr.-Ing. Lamia Messari-Becker

Univ.-Prof. Dr.-Ing. Lamia Messari-Becker, Bild: Enrico Santifaller
Univ.-Prof. Dr.-Ing. Lamia Messari-Becker, Bild: Enrico Santifaller

Prof. Dr.-Ing. Lamia Messari-Becker leitet den Lehrstuhl Gebäudetechnologie und Bauphysik an der Universität Siegen. Dabei bringt sie die Erfahrung aus über fünfzig Bauprojekten ein, die sie als Partnerin eines international agierenden Ingenieurbüros realisieren konnte. Ab 1. Juli 2016 berät sie die Bundesregierung als Mitglied des Sachverständigenrat für Umweltfragen.

Im Jahr 1992 kam Lamia Messari-Becker von Marokko nach Deutschland, um Bauingenieurin zu werden. „Das Bauwesen verbindet Theorie und Praxis auf phänomenale Art und Weise. Und man sieht die Zeugen der eigenen Arbeit: Gebäude, Brücken, Straßen etc. die gebaute Umwelt eben“, begründet sie die Wahl ihres Studienfachs an der Technischen Universität Darmstadt. An Deutschland reizte sie, sich eine vollkommen fremde Sprache und Kultur zu erschließen. Ihre Eltern dagegen befürworteten Länder mit einem ähnlichen Bildungssystem und einer vertrauten Sprache, die idealerweise auch das marokkanische Abitur anerkannten. Nichts davon war in Deutschland gegeben, dennoch respektierten sie die Entscheidung ihrer Tochter und bestärkten sie in ihrer Eigenständigkeit.

So besuchte die gebürtige Marokkanerin nach einem Intensivsprachkurs zunächst das Studienkolleg der Johannes Gutenberg Universität Mainz. Ihre Begeisterung für die neue Sprache machte ihr das Lernen leicht. „Deutsch hat die Gabe, Wörter leicht erfinden zu können, indem Grundwörter aneinander gereiht werden, solange dies einen Sinn ergibt. Nehmen Sie z.B. das Wort Wasserdampfdiffusionswiderstandszahl: Es besteht aus fünf Grundwörtern und ergibt sogar einen Sinn!“.

An der TU Darmstadt studierte und promovierte Lamia Messari-Becker. Von rund zwanzig Jahren in Deutschland verbrachte sie elf Jahre an der TU Darmstadt. Die Diskussion zur Umbenennung von der TH in die TU Darmstadt, die Debatte um die Autonomie und auch die Entwicklung im Rahmen der Exzellenzinitiative fielen in diese Zeit. „Wenn ich an die TU denke, ist sie für mich die beste Heimatuniversität der Welt“, schwärmt sie. „Ich erinnere mich an meine KommilitonInnen und wie oft wir über kulturelle Unterschiede diskutiert haben. Wie viel beide Seiten voneinander lernten.“ Trotz unterschiedlicher privater und beruflicher Entwicklungen, steht die Alumna auch heute noch mit einigen ihrer WeggefährtInnen in Kontakt.

Durch Spezialisierung in der Wirtschaft gefragt

Das wissenschaftliche Interesse von Messari-Becker gilt den Zukunftsthemen Energieeffizienz und Nachhaltigkeit im Bauwesen, das sie in über vierzig Publikationen eindrucksvoll belegt. Diese Spezialisierung kam ihr für Tätigkeiten in der Wirtschaft zu Gute. 2009 übernahm sie Aufbau und Leitung der Abteilung Nachhaltigkeit und Bauphysik bei Bollinger + Grohmann Ingenieure, einem renommierten, international agierenden Ingenieurbüro. Ihre besten MitarbeiterInnen fand sie u.a. im Hochschulumfeld, wo sie nach wie vor durch Lehraufträge tätig war. Wichtige Kriterien für die Mitarbeiterauswahl waren „nebst den Leistungen insbesondere auch der Wille, am Aufbau der neuen und zukunftsträchtigen Planungsbereiche mitzuarbeiten“.

Neben der fachlichen Kompetenz wusste Lamia Messari-Becker Team wie Auftraggeber für ihre Themen zu begeistern, erfolgreich zu akquirieren, Kontakte zu internationalisieren, Verbindungen für spätere Kooperationen herzustellen. In interdisziplinärer Zusammenarbeit wurden herausfordernde Projekte zu Erfolgen:

  • das Hybridhouse IBA Hamburg,
  • die weltweit ersten monolithischen Passiv-Mehrfamilienhäusern in Frankfurt,
  • die ersten Gebäude nach Hessischem Standard „CO2-neutrale Landesverwaltung“ wie das Seminarhaus Westend der Goethe Universität Frankfurt,
  • die mit dem DAM-Preis ausgezeichneten Autobahnkirche,
  • die pilothafte BNB-Zertifizierung des Hessischen Ministeriums der Finanzen,
  • das viel beachtete Klimaschutzkonzept für die Stadt Riedstadt

u.v.m.

Auch gehörte das Team um die engagierte Bauingenieurin zu den Gewinnern internationaler Wettbewerbe wie Transitlager Basel und Yenikapi Istanbul. Bereits nach zwei Jahren wurde Messari-Becker Partnerin bei Bollinger + Grohmann Ingenieure. Doch sie meistert noch weitere Rollen:

Erfolgreich durch Networking und Diversity

Die exzellente Netzwerkerin betrachtet den sogenannten „Community Service“ (Reviewer-Tätigkeit, Mitwirkung in fachlichen Arbeitskreisen und Verbänden, Initiativen und positive Lobbyarbeit) als Basis, um die Kompetenz eines Unternehmens nach außen darzustellen und mit anderen Mitstreitern im Gespräch zu bleiben. Ihre aktiven Mitgliedschaften im Afrika-Verein der Deutschen Wirtschaft oder in der Deutsch-Arabischen Industrie und Handelskammer halfen dabei, Bündnisse zu gestalten. „Die Planungs- und Baulandschaftsstruktur in Deutschland ist klein- bis mittelständig geprägt. Bei der Tendenz, internationale Projekte immer größer auszuschreiben und kompakter zu vergeben, besteht daher das Risiko unterzugehen. Hier müssen wir handeln, um unsere Leistungen im Ausland wirksam zu platzieren.“

Als Frau, Afrikanerin, Muslimin und Bauingenieurin in einer männerdominierten Branche kann Messari-Becker sehr gut mit Vorurteilen umgehen. In Marokko wuchs sie in einem sehr aufgeklärten Umfeld auf, wurde von Spielfreundschaften zu andersgläubigen Kindern – z.B. von Flüchtlingsfamilien aus dem Spanien unter Franco – geprägt. „Ich kenne die Welt nur bunt“, sagt sie. Lange schon ist es ihr eine Herzenssache, sich gesellschaftlich und sozial zu engagieren.

Messari-Becker plädiert dafür, Diversität als bestes gelebtes Ergebnis einer demokratischen Gesellschaft wertzuschätzen: „Mehrsprachigkeit und multikulturelle Kompetenz sichern die erfolgreiche Erschließung neuer Märkte und neuer Kunden. Für uns Deutsche wird es zunehmend wichtig, diese Ressourcen international gezielt einzusetzen.“ Mittlerweile erhält sie Einladungen der Botschaft der Vereinigten Staaten von Amerika oder auch des deutschen Bundespräsidenten, um besondere Anlässe als Botschafterin mitzugestalten.

Als Mutter zweier Töchter möchte die erfolgreiche Ingenieurin auch ihrer Familie gerecht werden. Wie bringt man all dies unter einen Hut? „Bildlich geantwortet, muss der Hut stabil sein“. Lamia Messari-Becker und ihr Ehemann treffen Entscheidungen partnerschaftlich. Ihre Familie ist ihr eine starke Stütze. „Es ist nicht einfach, alles zu vereinen", meint sie und wünscht sich auch in der Geschlechterfrage in Bezug auf Beruf und Führung mehr Diversität. „In der besseren Vereinbarkeit von Beruf und Familie liegt ein großes Potential für Wirtschaft und Wissenschaft“.

Bereit für entscheidende Zukunftsfragen

Seit 2014 ist Prof. Dr.-Ing. Messari-Becker Leiterin des Lehrstuhls Gebäudetechnologie und Bauphysik im Department Architektur der Universität Siegen. „Während die Praxiswelt Impulse aus der Forschung braucht, muss letztere durch die Rückkopplung mit der Praxis ‚geerdet’ werden“, erklärt sie ihren Wechsel zu Lehre und Forschung, begreift diesen jedoch auch als Chance, den Anteil des Bauwesens in entscheidenden Zukunftsfragen mitzugestalten. „Zukunftssicheres Bauen ist aktueller denn je und muss stets auf gesellschaftliche Veränderungen unter Einbindung des technologischen Fortschritts reagieren. Wir müssen den Blick von Gebäude hin zu Gebäudeclustern und Stadträume erweitern. Zentral ist dabei die Haltbarkeit unseres Tuns, ressourcenschonend zu bauen und zugleich die gebaute Umwelt im ästhetischen und baukulturellen Sinne zu gestalten“, so die Botschaft der Ingenieurin.

Eine Haltung, welche auch die Bundesregierung zu schätzen weiß. Zum 1. Juli 2016 wurde Prof. Dr. Lamia Messari-Becker für den Bereich Bauingenieurwesen / nachhaltige Stadtentwicklungin den Sachverständigenrat für Umweltfragen berufen, welcher den Auftrag hat, die Umweltsituation in Deutschland zu bewerten und Handlungsempfehlungen zu aktuellen Fragen der Umweltpolitik zu geben.

(April 2014, aktualisiert im Mai 2016)