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Dr. Marc Münch

Marc Münch, Bild: Astrid Ludwig
Marc Münch, Bild: Astrid Ludwig

Marc Münch war in führender Position bei der Feuerwehr am Flughafen Frankfurt, hat in Flüchtlingslagern gearbeitet und nach 15 Jahren auch noch seine Doktorarbeit mit Auszeichnung bestanden.

Es war einer dieser ungewöhnlichen Einsätze, die lange im Gedächtnis bleiben: Marc Münch erinnert sich noch genau an den Tag, als im Bauch der Frachtmaschine beim Entladen auf dem Frankfurter Flughafen diese Kiste aufging – die eigentlich nicht aufgehen sollte. Ihr Inhalt: Schlangen. Egal was passiert auf dem Großflughafen, »die Feuerwehr wird immer als erste gerufen«, sagt der 45-Jährige. Bei der Fraport-Feuerwehr arbeitete Marc Münch damals und war unter anderem mit der Sonderaufgabe Tierrettung betraut.

Kniffliges Einsatzszenario

Doch wie fängt man entwischte Schlangen? Einfach anfassen und einpacken, ging schlecht. Die Spezialausbildung, die er und seine Kollegen zuvor im Frankfurter Zoo absolviert hatten, zahlte sich in diesem Moment aus. Mit einem Schlangenhaken, einer langen Stange mit Haken am vorderen Ende, fingen sie die Reptilien wieder ein. »Die Schlange fühlt sich wie auf dem Ast eines Baumes, um den sie sich ringeln kann, so war es ganz leicht«, sagt er. Bei der Erinnerung daran, muss Münch schmunzeln. Die Schlangen blieben nicht das einzige »tierische« Einsatz-Szenario. Von Kükenschachteln über Falknerhandschuh und Hebegeschirr bis zum Tigerkäfig ist die Flughafenfeuerwehr auf alle Tierein sätze vorbereitet.

Der gebürtige Frankfurter ist Alumnus der TU. In Darmstadt hat er von 1989 bis 1995 Bau-Ingenieurwesen studiert und seither gleich mehrere Karrierewege eingeschlagen – bei der Feuerwehr auf dem Frankfurter Flughafen, bei Daimler in Stuttgart, beim Katastrophen-Einsatzteam des Technischen Hilfswerks in Ruanda und im Kosovo. 2001 kehrte Marc Münch sogar für einen Lehrauftrag an seine Alma Mater zurück. 2011 machte er sich selbstständig mit der Ingenieurgesellschaft für Risikomanagement und Sicherheit mbH in Mainz. Und im April 2014 schließlich hat er seine Doktorarbeit abgeschlossen – mit magna cum laude.

Doktorarbeit: Optimale Rettung von Passagieren

Das Thema stammt aus seiner Zeit am Flughafen: »Untersuchung des Zusammenhangs von Einsatzkräfteanzahl und Einsatzerfolg bei Flughafenunfällen mit kybernetischer Risikoanalyse«. Oder kürzer gesagt: »Lassen sich mit mehr Feuerwehrleuten mehr Passagiere retten?«, fasst Münch zusammen. Eine Frage, die ihn reizte, »weil am Flughafen so selten große Unfälle passieren, dass niemand wirklich Erfahrung damit hat. Wenn aber etwas passiert, hat das gleich weitreichende Folgen«.

Von 1997 bis 2008 arbeitete Münch am Frankfurter Airport, zunächst als Aufgabenleiter Sicherheitsplanung, später in der Stabsstelle für den Brandschutz. Eigentlich kam er auf Umwegen nach dem Studium dorthin. Als kleiner Junge hat er zwar davon geträumt, Feuerwehrmann zu werden, dann aber diesen Beruf für 20 Jahre aus dem Auge verloren. »Ich war auch nie bei der Freiwilligen Feuerwehr vorher«, sagt er. Ein Trainee-Programm für Fach- und Führungskräfte führte ihn zu Fraport. Die Brandschutz-Stelle erwies sich als Glücksgriff. »Technik zum Anfassen, körperlicher Einsatz und zugleich viele planerische Aspekte. Eine Mischung aus Ingenieurwesen und Einsatzgeschehen. Das gefiel mir«, sagt Münch. Und wer träumt nicht davon, mit Blaulicht in einem Feuerwehrauto übers Rollfeld zu rasen.

Theorie und Praxis verband der 45-Jährige auch bei seiner Doktorarbeit. Die Realität kannte er. Münch war bei vielen Einsätzen auf dem Flughafen-Gelände dabei. Rauchentwicklung im Cockpit, an gekündigte Notlandungen, die dann doch harmlos ausfielen oder mal ein blockiertes Fahrwerk aufbocken. Den Alltag unterfütterte er mit theoretischen Analysen. Für seine Dissertation simulierte er in zehntausendfachen Varianten Unfallszenarien, Anzahl der Einsatzkräfte und Passagiere, Schadenslage und Einsatzerfolg am Computer. »Die Rahmenbedingungen zu modulieren, war eine Herausforderung«, sagt er. Fazit seiner Analyse: Es gibt eine kritische Zahl. »Viel mehr Einsatzkräfte bringen dann nur kaum noch mehr Erfolg.«

Durchhaltewillen

Viele Jahre hat Marc Münch nebenher an seiner Doktorarbeit geschrieben. In dieser Zeit absolvierte er die Ausbildung zum Brandassessor, wechselte die Stelle, wurde Leiter der Werksfeuerwehr bei Daimler in Untertürkheim, heiratete, bekam zwei Kinder. »Ich hätte nie gedacht, dass es so lange dauert«, lacht er. Doch er blieb zielstrebig. »Wenn ich mir etwas vorgenommen habe, ziehe ich das durch«, sagt er und ist stolz, es geschafft zu haben.

Der Doktortitel könnte hilfreich sein. Das Team seiner Mainzer Firma hat unter anderem eine Software entwickelt, die kurzfristig auf den Markt kommen soll. »Eine Art Wikipedia für Feuerwehr- und Rettungskräfte«, erläutert er. Eine digitale Plattform, auf der Fachinformationen abrufbar, aber auch ergänzbar sind – sei es über Chemieunfälle, Feuerwehr- und Rettungsdiensteinsätze, Notfallmedikament, Einsatztechnik und natürlich Tierrettungsfragen. Es gab bereits mehrere erfolgreiche Testläufe mit Anwendern.

(Stand: Juli 2014)

Astrid Ludwig