Tongji-Partnerschaft: Geschichte der Partnerschaft

Geschichte der Partnerschaft

Seit 1980 besteht die Kooperation der TU Darmstadt mit der Tongji-Universität in Shanghai. Bild: Archiv TU Darmstadt
Seit 1980 besteht die Kooperation der TU Darmstadt mit der Tongji-Universität in Shanghai. Bild: Archiv TU Darmstadt

Am 21. November 1980 geht die TH Darmstadt in die Geschichtsbücher der deutsch-chinesischen Beziehungen ein: Der Präsident der TH Darmstadt und der Rektor der Tongji-Universität Shanghai unterzeichnen eine Rahmenvereinbarung zur Förderung der Wissenschaft in Forschung und Lehre. Es ist die erste Kooperation einer Universität in der Volksrepublik China mit einer Technischen Hochschule in der Bundesrepublik – und der Auftakt für eine Fülle neuer Kontakte und gemeinsamer Projekte.

Aber die Beziehungen zwischen beiden Hochschulen reichen viel weiter zurück. Chinesische Studenten bringen ab 1916 bis zum Ende des Zweiten Weltkrieges ein wenig internationales Flair nach Darmstadt. Zugleich wagen deutsche Wissenschaftler den Schritt nach Ostasien und lehren an der Tongji-Universität. Zu ihnen gehört Erich Wilfried Reuleaux (1883-1967), Professor für Ingenieurwesen der TH Darmstadt und im Studienjahr 1931/32 Rektor der Hochschule. 1934 nimmt er eine Professur an der Tongji-Universität an. Er wird Dekan der ingenieurwissenschaftlichen Abteilung und berät die chinesische Regierung. Den Wissenschaftler interessieren das chinesische Eisenbahnwesen sowie Verkehrsprobleme großer Räume.

Zurück in die Heimat

Li Guohao zu Gast bei der Familie Reuleaux. Bild: Archiv TU Darmstadt
Li Guohao zu Gast bei der Familie Reuleaux. Bild: Archiv TU Darmstadt

Als er 1937 an die TH Darmstadt zurückkehrt, folgen ihm mehrere Studenten der Tongji-Universität, auch der frisch diplomierte Bauingenieur Li Guohao (1913-2005). Aufgrund herausragender Leistungen wird Li unmittelbar zur Promotion zugelassen. 1940 wird Li mit einer Arbeit über die „Praktische Berechnung der Hängebrücken nach der Theorie II. Ordnung“ bei Professor Dr. Kurt Klöppel promoviert.

Da im Krieg eine Rückkehr nach China unmöglich ist, setzt Li seine Forschungen an der TH über Brückenbau und Statik fort. 1943 ist die Habilitation abgeschlossen. Gemeinsam mit der deutschen Zivilbevölkerung erleben die Chinesen in Darmstadt die Folgen des Bombenkrieges. In Darmstadt zweimal ausgebombt, heiratet Li in Würzburg seine Verlobte und gelangt nach Kriegsende zusammen mit dem in Marseille geborenen Sohn über Saigon in die chinesische Heimat. Dort wird er 1946 Professor an der Tongji-Universität und steigt bis 1956 zum Prorektor auf.

Und Reuleux? Politisch weitgehend unbelastet, wird er 1945 der erste Nachkriegsrektor der TH Darmstadt und bleibt so ein wichtiger Ansprechpartner für die weiterhin in Deutschland gestrandeten chinesischen Studenten. 1946 legt er sein Amt im Konflikt um die Beschäftigung entlassener Hochschulangehöriger nieder.

Die ersten Schritte zur Kooperation

Besuch der deutschen Expertendelegation an der Tongji-Universität, 1979. Bild: Dietrich Blankenburg
Besuch der deutschen Expertendelegation an der Tongji-Universität, 1979. Bild: Dietrich Blankenburg

Die chinesische Kulturrevolution unterbricht 1966 jäh die fruchtbare wissenschaftliche Arbeit von Li Guohao. Er wird als „reaktionäre wissenschaftliche Kraft“ verfolgt und zur Umerziehung verpflichtet. 1977 erfährt er Genugtuung und wird Rektor der Universität. Ihm obliegt die Umgestaltung der Tongji-Universität und die Wiederherstellung der partnerschaftlichen Kontakte zu deutschen Hochschulen. Im März 1979 besucht er 17 Städte und mehr als 30 Institutionen in der Bundesrepublik, bevor er ein halbes Jahr später eine deutsche Expertendelegation in Shanghai begrüßt.

In einem gemeinsamen Abschlussprotokoll bekräftigen der Darmstädter Archäologieprofessor Dr. Heiner Knell und Rektor Li ihre Kooperationsabsichten. Im Jahr darauf kommen mit Professor Gao Tingyao am Institut für Wasserversorgung, Abwasserbeseitigung und Raumplanung und Dozent Ding Shi-Zhao am Fachgebiet Informationsverarbeitung im Bauwesen die ersten Gastwissenschaftler aus Shanghai an der TH Darmstadt an. Gao wird 2010 mit der Ehrensenatorwürde der TU Darmstadt ausgezeichnet.

Die Partnerschaft heute

Das Projekt „Semizentral“ im „Urban Planet“ Pavillon, Expo 2010 Shanghai. Bild: Cosalux
Das Projekt „Semizentral“ im „Urban Planet“ Pavillon, Expo 2010 Shanghai. Bild: Cosalux

Für seine wissenschaftlichen und wissenschaftspolitischen Verdienste erhält Li, seit 1984 Ehrenrektor seiner Alma mater, zahlreiche Auszeichnungen. 1985 wird er Ehrendoktor der TH Darmstadt. Die Kooperation zwischen Darmstadt und Shanghai entwickelt sich seit den 1980er Jahren mehr als stürmisch: Architekten, Maschinenbauer, Elektrotechniker und Mathematiker, Sozial- und Geisteswissenschaftler, Bauingenieure für Verkehrsplanung und erdbebensicheres Konstruieren treiben den Austausch in Forschung und Lehre voran.

Heute ist die Partnerschaft zwischen TU Darmstadt und der Tongji Universität lebendiger denn je. Sie erstreckt sich auf viele Fachbereiche und umfasst alle Ebenen vom einzelnen Studenten über den Doktoranden bis zum Professor: Zwei Beispiele von vielen: Seit 1997 ist der Darmstädter Experte für Unternehmensführung und Logistik Professor Dr. Hans-Christian Pfohl als Professor am Chinesisch-Deutschen Hochschulkolleg an der Tongji-Universität tätig. Wichtige Grundlagenwerke von ihm werden übersetzt und prägen die Entwicklung einer betriebswirtschaftlichen chinesischen Fachsprache. Im Jahr 2010 betreten die Partner gemeinsam die Bühne auf der Weltausstellung: Hier das Fachgebiet Abwassertechnik unter Leitung von Professor Dr. Peter Cornel, das ressourcenschonende Kreislaufsysteme zur Wasserversorgung und Abwasser- und Abfallbeseitigung für Mega-Cities untersucht. Dort das Institute of Environmental Science der Tongji-Universität. Sie stellen ihr Projekt für eine lebenswerte, gerechte Zukunft auf der Expo 2010 Shanghai vor.

[Text übernommen von der Webseite Geschichte und Persönlichkeiten der TU Darmstadt]

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