Das Präsidium der TU Darmstadt hat eine Projektgruppe zur wissenschaftlichen Aufarbeitung der Geschichte der TH/TU Darmstadt während und nach dem „Dritten Reich“ ins Leben gerufen und Prof. Dr. Christof Dipper, Institut für Geschichte, mit der Leitung beauftragt. Das Projekt begleitet eine Wissenschaftliche Kommission aus Professoren der TU Darmstadt.
Ein Wissenschaftlicher Beirat, bestehend aus namhaften deutschen Wissenschaftshistorikern, wurde zur Beratung und Unterstützung gewonnen. Seine Mitglieder wollen mit ihren Kontakten und Erfahrungen der Darmstädter Aufarbeitung zur Hand gehen.
Im Zentrum dieses Projektes stehen zwei Dissertationen, die Entwicklungen an der Technischen Hochschule Darmstadt in verschiedene Fragestellungen der Wissenschaftsgeschichte unter Einbeziehung neuer und übergreifender Forschungsansätze der letzten Jahre einordnen sollen.
Melanie Hanel
Die Arbeit beschäftigt sich mit der Darmstädter Hochschule in der Zeit des Nationalsozialismus. Nach dem momentanen Arbeitsstand werden drei Themenkomplexe unterschieden, die es zu bearbeiten gilt: Dazu zählt die Politisierung von Studenten und Dozenten wie auch der Einfluss des NS-Staates auf die Hochschulpolitik. In diesem Zusammenhang müssten z. B. die Einführung des Führerprinzips an der TH und die Entlassung von „rassisch“ oder „politisch unerwünschten“ Professoren untersucht werden, ebenso das Verhalten der jeweiligen Rektoren bei der Umsetzung der staatlichen Vorgaben.
Hinzu kommt die Bedeutung von „kriegswichtiger“ Forschung, die in Darmstadt etwa durch die Beteiligung vieler Wissenschaftler an der Entwicklung der V2-Rakete geleistet wurde. Die aktuelle Forschung unterstreicht die „Selbstmobilisierung“ der Forscher. Die Wissenschaft war keinesfalls gleichgeschaltet und wurde vom Staat kontrolliert, sie diente sich dem Regime als Kooperationspartner an und verfolgte ihre eigenen Ziele. In diesem Kontext gilt es zu klären, welche Disziplinen sich für die Ziele des NS-Staates zur Verfügung stellten. Zugleich rückt die Forschung zunehmend von der These einer „Wissenschaftsfeindlichkeit“ des nationalsozialistischen Regimes ab. Daran schließt sich die Frage an, welche Institute von staatlichen Stellen finanziell gefördert wurden.
Isabel Schmidt
Durch die neuen Forschungsergebnisse zu Hochschulen und Universitäten während des „Dritten Reiches“ wird eine kritische Aufarbeitung zur Rolle der wissenschaftlichen Institutionen nach 1945 unumgänglich.
Die Identifizierung eines militärisch-industriell-wissenschaftlichen Komplexes in dessen Rahmen sich Wissenschaftler in unterschiedlicher Weise mit dem Regime eingelassen haben, macht eine Auseinandersetzung mit der nach 1945 erfolgten Neujustierung des Verhältnisses von Wissenschaft und Politik notwendig.
Im Mittelpunkt der Untersuchung steht die Frage nach dem institutionellen, personellen und in Teilen auch fachwissenschaftlichen Übergang der TH Darmstadt in die Nachkriegszeit. Unter anderem werden Themen wie Entnazifizierung, Wiedergutmachung und die allgemeine Hochschulpolitik Eingang finden.
Neben einem solchen institutionengeschichtlichen Ansatz soll auch die Frage nach dem akademischen Umgang mit dem Erbe des Nationalsozialismus einen Schwerpunkt bilden.
Maßgeblich wird hierfür die Frage, wo die TH Darmstadt im allgemeinen, erinnerungspolitischen Rahmen der Bundesrepublik eingeordnet werden kann. Dazu sollen Phasen oder Kategorien der akademischen Vergangenheitspolitik identifiziert oder entwickelt und mögliche Handlungsspielräume, Chancen und Grenzen ins Blickfeld genommen werden.
Ein Forschungsbeitrag des kompletten Projektes soll außerdem eine Annäherung an die Frage nach den möglichen Unterschieden zur Geschichte von Technischen Hochschulen und Universitäten während und nach dem „Dritten Reich“ sein.