Zerstörte Synagogen digital rekonstruiert

Zerstörte Synagogen digital rekonstruiert

Digitale Rekonstruktion einer Kölner Synagoge. Bild: IKA/TU Darmstadt
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Digitale Rekonstruktion einer Kölner Synagoge. Bild: IKA/TU Darmstadt

Wo immer ihre Forschungsergebnisse gezeigt werden – in Berlin, Tel Aviv, New York, Detroit – lösen sie starke Gefühle aus. Sie wecken schmerzliche Erinnerungen und erzeugen tiefes Bedauern über die vor Augen geführten großen kulturellen Verluste. Das Fachgebiet Informations- und Kommunikationstechnologie in der Architektur an der TU Darmstadt rekonstruiert an Computern originalgetreu und in faszinierenden Bildern bauhistorisch wertvolle Gebäude und Anlagen, die Menschen im Laufe von Jahrhunderten in aller Welt zerstörten. Im Zentrum steht die Visualisierung der in der NS-Zeit dem Erdboden gleichgemachten Synagogen in Deutschland. So bilden die neuen Informationstechnologien eine neue Form des kulturellen Gedächtnisses.

Mehrere Dutzend Studierende der TU Darmstadt haben seit 1995 mit großem Einsatz und Erfolg an dem äußerst aufwändigen Projekt gearbeitet. So ist unter der Leitung von Professor Manfred Koob und Dipl.-Ing. Marc Grellert ein interaktives öffentliches Internetarchiv entstanden – mit Grundinformationen zu mehr als 2200 deutschen und österreichischen Synagogen. Jeder Nutzer kann weltweit Kommentare, Bilder, Links und Zeitzeugenberichte eigenständig hinzufügen.

Eine neue Art von Museum

Außenansicht der digital rekonstruierten Synagoge Dortmund. Bild: IKA/TU Darmstadt
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Außenansicht der digital rekonstruierten Synagoge Dortmund. Bild: IKA/TU Darmstadt

Aus der Dokumentation der TU Darmstadt ist längst eine Ausstellung für das Holocaust Memorial Center in Farmington Hills bei Detroit entstanden. Die Schau mit großformatigen Projektionen von dreidimensionalen CAD-Bildern und Erläuterungen zum Arbeitsprozess der digitalen Rekonstruktion gastiert künftig in Museen großer US-amerikanischer Städte.

Dem Wissenschaftler Manfred Koob lag viel daran, Menschen in neue Welten eintauchen zu lassen: Er hat die Baugeschichte des Moskauer Kreml virtuell ebenso verständlich gemacht wie die der Abteikirche Cluny, des Tempels der Khmer, des Petersdoms in Rom und der Kaisergräber aus Chinas alter Hauptstadt Xian. Koobs Werk eines „Digitalen Virtuellen Olympischen Museums“, ein Beitrag zu den Wettkämpfen in Peking 2008, könnte der Prototyp eines Museums des 21. Jahrhunderts werden.

„Wir Deutsche haben uns unserer Geschichte gestellt. Und wir lassen in unserem Ringen mit ihr nicht nach. Ich bin froh, dass gerade auch junge Menschen weiter Fragen stellen. (…) In Darmstadt haben Studenten der Technischen Universität zerstörte Synagogen aus vielen deutschen Städten am Bildschirm rekonstruiert und die Bilder und Pläne im Internet zugänglich gemacht – als Informationsquelle und als virtuelles Denkmal. Ungezählte Beispiele wie dieses zeigen: Die Erinnerung an die Schreckensherrschaft der Nationalsozialisten und das Gedenken an die Verfolgten und Ermordeten sind lebendig bei uns.“

Bundespräsident Horst Köhler, Rede zum Tag des Gedenkens an die Opfer des Nationalsozialismus am 27. Januar 2009