Neue Töne vom Darmstädter Glockenspiel

02.05.2011

Neue Töne vom Darmstädter Glockenspiel

Erstmals seit 1951 können alle 102 Lieder im Laufe eines Jahres erklingen

Die Technische Universität Darmstadt hat die Sanierung des Darmstädter Glockenspiels endgültig abgeschlossen – seit Anfang Mai ertönt vom Residenzschloss das traditionelle Programm aus insgesamt 102 Liedern in neuer Interpretation. Die neue Steuerung macht es außerdem erstmals möglich, innerhalb eines Jahres das gesamte Liedprogramm erklingen zu lassen.

Seit Anfang Mai erklingt das Liedprogramm des Darmstädter Glockenspiels in neuer Interpretation. Foto: Theo Bender / TU Darmstadt
Seit Anfang Mai erklingt das Liedprogramm des Darmstädter Glockenspiels in neuer Interpretation. Foto: Theo Bender / TU Darmstadt

Seit dem Wiederaufbau des Glockenspiels 1951 ist es eine Darmstädter Tradition: Jeweils zur vollen Stunde erklingt vom Residenzschloss ein geistliches Lied, zur halben Stunde ein weltliches Volkslied. Für jeden Monat sowie für die Adventszeit, Weihnachten, Ostern und Pfingsten sieht das Programm drei bis vier zur Jahreszeit und zum Kirchenjahr passende Stücke vor. Da die TU Darmstadt im vergangenen Jahr nicht nur die Glocken selbst saniert, sondern auch eine neue Anschlagssteuerung angeschafft hatte, konnten die Experten der niederländischen Glockengießerei Petit en Fritsen die insgesamt 102 Lieder nun neu einspielen. Als Vorlage dienten ihnen die handschriftlichen Originalnoten der Darmstädter Komponisten Wilhelm Borngässer und Friedrich Noack aus dem Jahre 1951. „Die neuen, anschlagempfindlichen Hämmer erlauben es, die Glocken nicht mehr einfach immer gleich stark, sondern differenzierter und nuancenreicher anzuschlagen. Ähnlich wie bei einem Klavier können die Glockenspieler die Musikstücke dadurch individuell interpretieren – es sind also noch die alten Lieder, sie klingen jetzt aber deutlich besser“, erklärt Dr. Silvia Uhlemann von der Universitäts- und Landesbibliothek, die für das Glockenspiel zuständig ist.

Gleiches Liedprogramm, mehr Abwechslung

Die neue Steuerung macht es außerdem möglich, das Programm abwechslungsreicher und spannender zu gestalten. Zu jeder vollen und halben Stunde wird dazu per Zufallsprinzip eines der für den Monat vorgesehenen Lieder ausgewählt und gespielt. Erstmals seit 1951 wird das Glockenspiel damit im Laufe eines Jahres alle 102 Lieder des Programms intonieren. Bisher war jeweils ein Liederpaar ausgewählt worden, das den ganzen Monat über gespielt wurde – es dauerte also vier Jahre, bis dasselbe Lied wieder zu hören war.

Darmstädter Glockenspiel erklingt seit 1671

Das Darmstädter Schloss verfügt bereits seit dem Jahr 1671 über ein Glockenspiel. Im Zuge des Wiederaufbaus der Residenz nach dem Dreißigjährigen Krieg beauftragte Landgraf Ludwig VI. von Hessen-Darmstadt den Uhrmacher Pieter van Call aus Nimwegen und den Glockengießer Pieter Hemony aus Amsterdam, ein Glockenspiel mit 28 Glocken für seinen neu errichteten Schlossturm zu bauen. Fortan ließ das Darmstädter Glockenspiel über 250 Jahre lang alle 30 Minuten unterschiedliche Kirchenlieder erklingen. Erst ein alliierter Luftangriff auf Darmstadt im Zweiten Weltkrieg ließ die Glocken im Jahr 1943 vorübergehend verstummen.

Bereits 1949 begannen die Darmstädter, den Wiederaufbau des Glockenspiels zu planen. Ein prominent besetzter Glockenspielausschuss appellierte ab Anfang 1951 an die Spendenbereitschaft der Bevölkerung und organisierte Sammlungen und Benefizveranstaltungen. Auch wenn das ursprüngliche Ziel verfehlt wurde, die 28 Glocken des zerstörten Vorbilds wiederherzustellen, brachten Stadt, Bürger und Unternehmen rund 25.000 DM auf, womit immerhin 21 neue Glocken bestellt werden konnten. Diese trafen unter großer Anteilnahme der Darmstädter Bevölkerung am 29. November 1951 in Darmstadt ein und konnten am 16. Dezember erstmals vom inzwischen wieder hergerichteten Glockenturm erklingen. Seitdem besteht die Tradition, zur vollen Stunde ein geistliches und zur halben Stunde ein weltliches Lied zu spielen, wobei die geistlichen Lieder jeweils zum Zeitpunkt des Kirchenjahres, die weltlichen zur Jahreszeit passen.

Spenden ermöglichten Sanierung des Glockenspiels

Heute besteht das Glockenspiel aus 30 Glocken: 1960 kamen aus Mitteln des Landes Hessen zunächst sechs Glocken hinzu, 1981 spendete der Darmstädter Heinerverein drei weitere Glocken. Die größte der 30 Glocken besitzt einen Durchmesser von 990 mm und wiegt 565 kg, die kleinste Glocke umfasst lediglich 237 mm, die leichteste Glocke wiegt 9 Kilogramm. Die TU Darmstadt hatte das akustische Wahrzeichen Darmstadts im vergangenen Jahr umfassend saniert: Die Haube des Glockenturms wurde generalüberholt, die Aufhängung verstärkt, die Glocken nachgestimmt und mit neuen, anschlagempfindlichen Hämmern versehen. Ermöglicht wurde die Sanierung durch die Zusage des Rotary Clubs Darmstadt und der Kurt und Lilo Werner RC Darmstadt Stiftung, für das Glockenspiel 40.000 Euro zur Verfügung zu stellen. Die TU Darmstadt wendete weitere rund 35.000 Euro auf, um zeitgleich Teile der Turmhaube zu sanieren.

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