Der Computer als Freund und Helfer

24.10.2012

Der Computer als Freund und Helfer

Neue Möglichkeiten für Geisteswissenschaften dank Digitalisierung

Professorin Dr. Andrea Rapp lehrt seit Ende 2010 an der TU Darmstadt. Zwischen ihren Forschungsschwerpunkten klafft auf den ersten Blick eine zeitliche Lücke von 500 Jahren. Dennoch lässt sich ihre Arbeit über die mittelalterliche Literatur und Sprache mit Methoden der digitalen Geisteswissenschaften verbinden.

Prof. Dr. Andrea Rapp, Professorin für germanistische Computerphilologie an der TU Darmstadt. Bild: Katrin Binner
Prof. Dr. Andrea Rapp erforscht und lehrt digitale Geisteswissenschaften an der TU Darmstadt.

Mit Blick auf die enorme Zahl an Büchern, die es weltweit gibt, bietet das Urteilsvermögen eines Geisteswissenschaftlers eine sehr eingeschränkte Sicht der Dinge: Denn selbst der fleißigste Leser schafft es nicht, in seinem Leben mehr als einige tausend Bücher zu studieren. Wie wäre es aber, mit einem Schlag mehrere tausend Bücher für die eigene Forschungsarbeit auswerten zu können, ohne sie zunächst gelesen zu haben?

Die Professorin Dr. Andrea Rapp setzt sich in der germanistischen Computerphilologie mit Methoden und Techniken des computergestützten Arbeitens in der Sprach- und Literaturwissenschaft auseinander. Ihre Forschung ist Teil der noch jungen und international wachsenden Disziplin Digital Humanities, was so viel bedeutet wie Digitale Geisteswissenschaften.

Seit November 2010 lehrt Rapp als Professorin an der TU Darmstadt, seit April 2012 ist sie zudem geschäftsführende Direktorin des Instituts für Sprach- und Literaturwissenschaft. Sie studierte Germanistik, Kunstgeschichte und Ethnologie an der Universität Trier, wo sie zudem promovierte. Von 2003 bis 2004 übernahm sie die Leitung des Göttinger Digitalisierungszentrums an der Niedersächsischen Staats- und Universitätsbibliothek Göttingen. Im Anschluss führte sie bis zu ihrem Wechsel an die TU Darmstadt die Geschäfte des Kompetenzzentrums für elektronische Erschließungs- und Publikationsverfahren in den Geisteswissenschaften an der Universität Trier.

Mittelalterliche Schriften digitalisieren

Prof. Dr. Andrea Rapp, Professorin für germanistische Computerphilologie an der TU Darmstadt. Bild: Katrin Binner
Bei der Lehre am Institut für Sprach- und Literaturwissenschaft: Prof. Dr. Andrea Rapp.

Ein Arbeitsschwerpunkt ihrer Lehre in Darmstadt ist nun die Vermittlung und Weiterentwicklung der Digital Humanities. Die Auseinandersetzung mit Schriften des Mittelalters (Mediävistik) ist ihr zweites Arbeitsgebiet. Der eher traditionelle Fachzweig und das junge, computergestützte Forschungsfeld schließen sich jedoch nicht aus, sondern bedingen sich vielmehr gegenseitig: „Durch den Aufbau digitaler Forschungs- und Publikationsressourcen ergeben sich völlig neue Ansätze für die wissenschaftliche Arbeit“, erklärt die 49-Jährige. Sowohl an der TU als auch an der Universität Trier habe sie beispielsweise mehrere Jahre an der digitalen Bereitstellung und Erschließung alter Handschriften mitgearbeitet.

Konkret bedeutet das: Die Dokumente werden gescannt und nach verschiedenen Kriterien statistisch erfasst. Die gesammelten Metadaten stellen die Forscher über das Internet der Öffentlichkeit zur Verfügung. „Jeder kann darauf zugreifen und die Daten für seine Zwecke nutzen“, sagt Rapp. Bereitet man digitale Volltexte literarischer Werke auf, können etwa die Zahl der Attribute, stilistische Auffälligkeiten oder der Redeanteil bestimmter Figuren für die eigene Arbeit relevant sein. Eine weitere Möglichkeit sei, solche Metadaten zu visualisieren, um bestimmte Themen besser verdeutlichen zu können, erklärt die Professorin.

Seit 2006 gibt es an der TU den Master-Studiengang Linguistic and Literary Computing, in dem die Studierenden neben dem Erwerb klassischer sprach- und literaturwissenschaftlicher Kompetenzen lernen, mit virtuellen Forschungsumgebungen, Software und Diensten wie TextGrid oder XML-Print umzugehen. „Das disziplinübergreifende Denken und Zusammenarbeiten ist in den digitalen Geisteswissenschaften stark ausgeprägt“, sagt die gebürtige Rheinländerin. Als Praxisseminar angelegt, will die Forscherin in diesem Wintersemester mit Studierenden eine Informationsplattform entwickeln, die erklärt, was in dem Fachgebiet eigentlich gemacht wird. „Unser Ziel ist es, auf der kommenden Hobit Anfang 2013 das Projekt vorzustellen.“

Langer Atem erforderlich

Neben der Lehre ist Andrea Rapp in weitere Forschungsprojekte eingebunden, die längerfristig angelegt sind: DARIAH-DE (Digital Research Infrastructure for the Arts and Humanities) ist der deutsche Beitrag einer europaweiten Kooperation, an der 17 Partner beteiligt sind. Es sei Ziel, eine komplette Forschungsinfrastruktur für die Forschung und Lehre in den Geistes- und Kulturwissenschaften aufzubauen, erklärt Rapp.

Das zweite Großprojekt, an dem die Professorin beteiligt ist, erfordert einen langen Atem: An der Mainzer Akademie der Wissenschaften und Literatur startet ab diesem Jahr die Erarbeitung eines digitalen Familiennamenwörterbuches, bei dem erstmals der komplette Grundbestand der derzeit in Deutschland vorkommenden Familiennamen (auch der fremdsprachigen) lexikographisch erfasst, kartiert und mithilfe des Kartenbefunds etymologisiert wird. Geplante Laufzeit des Projekts: 24 Jahre. „Da bin ich längst in Ruhestand“, kommentiert Rapp lachend. Aber dann hat sie wenigstens wieder mehr Zeit für ihre Hobbys, zu denen sie im Moment wenig kommt: Yoga, Wandern, guter Wein – und ein neuer Terry-Pratchett-Roman als Bettlektüre.

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