„Grüne Chemie ist neue Chemie“

12.05.2015

„Grüne Chemie ist neue Chemie“

Paul T. Anastas zu Gast an der TU Darmstadt

Der US-amerikanische Chemiker Paul T. Anastas, Preisträger der Emanuel-Merck-Vorlesung 2015, war zu Gast an der TU Darmstadt. Der „Vater der Grünen Chemie“ hielt am Dienstag (12. Mai) einen öffentlichen Vortrag im Kekulé-Hörsaal am Fachbereich Chemie. Drei Fragen an den Preisträger.

Chemiker Paul T. Anastas (m.) im Gespräch. Bild: Claus Völker
Paul T. Anastas (m), Preisträger der Emanuel-Merck-Vorlesung 2015, gilt als „Vater der Grünen Chemie“. Bild: Claus Völker

Paul T. Anastas, Professor an der Yale University in New Haven (USA) und Direktor des dortigen Center for Green Chemistry and Green Engineering, gilt als „Vater der Grünen Chemie“. Die TU Darmstadt und das Chemie- und Pharmaunternehmen Merck zeichneten den Chemiker jetzt mit der Emanuel-Merck-Vorlesung 2015 aus.

TU Darmstadt: Professor Anastas, Sie haben zwölf Prinzipien für eine Grüne Chemie aufgestellt. Hat die Industrie das Konzept angenommen?

Paul T. Anastas: Es hat bereits gewaltige Fortschritte gegeben, etwa in der Abfallreduktion oder beim Energiesparen oder bei der Abbaubarkeit von Stoffen. Einzelne Gebote sind nicht so schwer zu verwirklichen. Die große Herausforderung bleibt die Umsetzung des Gesamtkonzeptes. Was wir schon beobachten ist – neben den vielen wissenschaftlichen Innovationen – ein genereller Meinungswechsel in der Industrie.

Es heißt nicht mehr, Grüne Chemie koste mehr oder funktioniere nicht so gut. Tatsächlich laufen grüne Prozesse oft besser und sind profitabler. Deswegen setzen führende Unternehmen darauf. Alle Errungenschaften bislang zeigen aber nur einen winzigen Bruchteil des Potenzials der Grünen Chemie. Es bleibt also spannend.

Welche Hürden muss die Industrie noch bewältigen?

Hürde Nummer eins ist das mangelnde Bewusstsein dafür, was heute alles schon möglich ist. Dazu folgendes Beispiel: Der Hersteller eines sehr bekannten Fensterputzmittels forderte einen Zulieferer auf, einen bestimmten bedenklichen Inhaltsstoff wegzulassen, und zwar binnen eines Jahres. Darauf erwidert der Zulieferer, man könne den Stoff innerhalb einer Woche weglassen. Warum habe man ihn nicht früher darum gebeten?

Aber auch Trägheit ist ein Problem. Wenn Sie einen Experten, einen wirklichen Experten auf seinem Gebiet, davon überzeugen möchten, Dinge anders zu machen als bisher, dann ist das keine Kleinigkeit.

Sie sprechen lieber von „Grüner Chemie“ als von „Nachhaltiger Chemie“. Warum?

Wenn Sie etwas grundlegend ändern möchten, spielt Sprache immer eine wichtige Rolle. In den 1980er- und 1990er-Jahren dachten viele Leute sofort an „Gift“, wenn sie die Worte „Chemie“ oder „Chemikalie“ hörten. Daher sorgte der Begriff „Grüne Chemie“ für Aufmerksamkeit und regte Gespräche an.

„Grün“ steht für die Natur und unsere Umwelt, aber in den USA ist es auch die Farbe des Geldes. Und es gibt noch eine dritte Bedeutung: Grün bedeutet jung, frisch, neu. Genau darum geht es bei der Grünen Chemie. Grüne Chemie ist eben nicht nur ein bisschen effizienter und erst recht nicht nur das kleinere Übel – Grüne Chemie ist neue Chemie.

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