Samurai in Teilzeit

12.11.2015

Samurai in Teilzeit

TU-Studierende waren bei der Kendo-WM in Japan dabei

Vier Angehörige der TU Darmstadt haben an der diesjährigen Kendoweltmeisterschaft in Tokio teilgenommen – Mitte November stehen die Deutschen Mannschaftsmeisterschaften an. Ein Bericht über ihre Erfahrungen aus Japan und über das Leben als Teilzeitsamurai und Vollzeitstudentin und Student.

Im Vordergrund eine Kendomaske, dahinter sitzen Hiroyuki Ohno und Lissa Meinberg an einem Tisch. Bild: Jannes Lüdtke
Bringen Kampf und Studium unter einen Hut: Hiroyuki Ohno und Lissa Meinberg. Bild: Jannes Lüdtke

Es klingt nach großem Abenteuer, nach einem Kindheitstraum. Im fernen Japan messen sich die besten Kämpfer aller Nationen im traditionellen japanischen Schwertkampf und drei Studierende aus Darmstadt sowie ein TU-Absolvent sind mittendrin: Marina Hokari (Architektur), Lissa Meinberg (Wirtschaftsingenieurwesen mit Schwerpunkt Bauingenieurwesen), Hiroyuki Ohno (Wirtschaftsingenieurwesen mit Schwerpunkt Elektrotechnik) studieren an der TU Darmstadt und Roberto Kumpf (Elektrotechnik) hat sein Studium an der TU kürzlich mit dem Diplom abgeschlossen. Alle vier sind Teil des deutschen Kendo-Nationalkaders und waren auch für die diesjährige Weltmeisterschaft nominiert, die im Sommer in Tokio stattfand.

„Es war auf jeden Fall ein besonderes Erlebnis“, erinnert sich Hiroyuki, für den es die erste Weltmeisterschaft war. Hierzulande ist Kendo eine eher unbekannte Randsportart, in seinem Herkunftsland Japan ist es hingegen Volkssport. Die Hallen sind bis auf dem letzten Platz ausverkauft und etwa 20.000 Zuschauer fiebern bei jedem Kampf mit. „In Japan ist alles viel größer“, pflichtet auch Lissa bei.

Obwohl sie schon seit 2010 (zunächst im Jugendkader) für die Nationalmannschaft kämpft und reichlich Erfahrung bei Welt- und Europameisterschaften sammeln konnte, war Tokio für sie nochmal eine Steigerung. Für die Damen endete das Abenteuer zwar im Viertelfinale gegen Korea und für die Herren gar in der Vorrunde, doch angesichts starker Gegner mit Korea bei den Damen und Brasilien als Gruppengegner der Herren – Japan und Korea machen Gold und Silber stets unter sich aus und Bronze ist meist für Brasilien reserviert – ist auch dies als sportlicher Erfolg, vor allem aber als wertvolle, aufregende Erfahrung zu verbuchen.

Auf die Frage, was Kendo für sie so besonders macht, antwortet Lissa: „Kendo ist ein sehr höflicher und traditioneller Sport. Es gibt klare Regeln wie man sich zueinander verhalten soll und der Respekt vor dem Gegner steht immer im Mittelpunkt.“

„Man sagt auch: Jeder Kampf beginnt mit einer Verbeugung und endet mit einer Verbeugung.“, ergänzt Hiroyuki. In der Tat wird beim Kendo Tradition großgeschrieben. Anders als beispielsweise beim Fechten gibt es keine elektronischen Hilfsmittel, sondern insgesamt drei Schiedsrichter entscheiden über die Punkteverteilung.

Weltmeisterschaft in Japan: "Im Japan ist alles viel größer"
Weltmeisterschaft in Japan: „Im Japan ist alles viel größer“

Nicht allein der Treffer zählt

Es zählt auch nicht allein der Treffer. So muss der Gegner zum Beispiel mit der richtigen Stelle des Shinai, einem Schwert aus vier durch Leder zusammengehaltenen Bambusstreben, getroffen werden. Zufallstreffer werden nicht gewertet, sondern nur gezielte und korrekt ausgeführte Schläge. Insgesamt fünf Faktoren ziehen die Schiedsrichter für ihre Entscheidung zurate. Nur wenn mindestens zwei der drei Unparteiischen ihre Fahne heben, kann der Treffer gewertet werden.

Sowohl für die Sportler als auch für die Zuschauer ist Kendo also ein sehr anspruchsvoller Sport. Das ist sicher einer der Gründe, weshalb der Kampfsport in Europa wohl Randsportart bleiben wird, denn das traditionelle Regelwerk verhindert beispielsweise auch, dass der Sport eine olympische Disziplin wird. Ob das Vor- oder Nachteil ist, darüber wollen sich die vier Darmstädter/innen kein Urteil erlauben.

Ein Nachteil ist sicherlich, dass es keinerlei Förderung von Verbänden gibt und die Nationalkämpfer die teure Ausrüstung aus eigener Hand bezahlen müssen. Außerdem ist es dadurch schwieriger, den Sport mit dem Studium zu vereinen, da man nicht wie andere Leistungssportler auf die Zusammenarbeit zwischen dem Deutschen Olympischen Sportbund und der Hochschule zählen kann.

„Andererseits ist es auch sehr familiär“, wendet Hiroyuki ein, „man sieht oft die gleichen Leute und so hat man einen großen Freundeskreis und Freunde in ganz Deutschland und Europa oder vielleicht sogar in Brasilien.“

Die vier Darmstädter Samurai, die allesamt beim gleichen Frankfurter Kendoverein kämpfen, wollen jedenfalls noch viele Abenteuer zusammen erleben. Mitte November steht der nächste wichtige Wettkampf an: die Deutschen Mannschaftsmeisterschaften. Dafür geht es allerdings nicht nach Tokio, sondern nach Hanau – weniger abenteuerlich, aber dafür um die Ecke.

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