Prekärer Pflegemarkt

15.06.2016

Prekärer Pflegemarkt

Studie der TU Darmstadt analysiert Situation von Arbeitsmigrantinnen

Pflegearbeiten in deutschen Familien werden zunehmend von Arbeitsmigrantinnen übernommen. Ihre prekäre Situation analysiert jetzt eine Studie der Arbeits- und Organisationssoziologie der TU Darmstadt.

Dr. Karina Becker. Bild: Katrin Binner
Dr. Karina Becker. Bild: Katrin Binner

Betreuung, Pflege und Fürsorge im eigenen Heim: Für „Care-Verpflichtungen“ in der Familie, die früher überwiegend weibliche Angehörige übernommen haben, werden heute zunehmend Arbeitsmigrantinnen aus Mittel- und Osteuropa engagiert – weil ein Pflegeheim nicht in Frage kommt oder viele die Aufgabe nicht selbst übernehmen können oder wollen. Die Betroffenen beziehungsweise deren Angehörige sparen durch das Personal aus Rumänien oder Polen Kosten und sichern sich vielfach eine 24-Stunden-Pflege, sieben Tage in der Woche.

Wie viele Arbeitsmigrantinnen derzeit in deutschen Haushalten im Einsatz sind, weiß niemand genau. „Die Dunkelziffer ist hoch“, sagt Karina Becker, Wissenschaftlerin am Institut für Soziologie der TU Darmstadt. Die Expertin hat sich die Situation der Pflegekräfte im Rahmen ihrer Studie „Migrantische Pflegekräfte in deutschen Haushalten zwischen struktureller Machtlosigkeit und individueller Primärmacht“ genauer angeschaut, insgesamt 27 qualitative Interviews in neun Haushalten mit Pflegekräften, Pflegebedürftigen und Angehörigen geführt und die Expertise von Fachleuten aus Beratungsstellen eingeholt.

Kaum Verhandlungsspielraum

„In allen Fällen gab es eine erhebliche Machtasymmetrie zu Lasten der Pflegekräfte“, berichtet sie. In der Mehrzahl seien die Arbeitszeiten nicht geregelt und der Gesundheitsschutz und die Arbeitssicherheit nicht gewährleistet. Aufgrund fehlender Regulierung müssten die Pflegekräfte ihre Arbeitsbedingungen selbst aushandeln. Gleichzeitig etablierten sich in den vor öffentlicher Kontrolle geschützten Privathaushalten Standards wie ständige Verfügbarkeit oder die Erwartung, den Job für wenig Geld, aber „mit Herzblut“ zu machen – Standards, die nicht mehr hinterfragt würden. Verhandlungsspielraum bleibe den Betroffenen kaum, weil sie aufgrund des hohen Arbeitskräftepotenzials ersetzbar seien.

„Arbeiten und verhalten sie sich nicht, wie es die Familien von ihnen erwarten, werden sie wieder nach Hause geschickt“, beobachtet Becker. Die Expertin identifiziert in ihrer Studie vier Arten von prekären und unregulierten Beschäftigungsverhältnissen: illegal Beschäftigte; vermeintliche Haushaltshilfen, die im Rahmen der Arbeitnehmerfreizügigkeit nach Deutschland kommen, tatsächlich aber in der „Grauzone Pflege“ arbeiten; Frauen, die von einer Dienstleistungsagentur im Ausland geschickt werden, und Scheinselbstständige.

Die letzte Gruppe nimmt nach Beckers Worten zu. „Es gibt aber keine handlungsmächtigen rechtlichen Hebel, um Haushalte zu kontrollieren, in denen Selbstständige arbeiten“. Weil es derzeit auch keine „wirkmächtigen“ Institutionen gibt, welche die Interessen von Arbeitsmigrantinnen vertreten, empfiehlt die Soziologin den Betroffenen, sich stärker zu vernetzen.

Nachhaltig lösen lässt sich das Problem nach ihrer Überzeugung aber nur, wenn es öffentlich gemacht wird und Arbeitsmigrantinnen in Deutschland eine Lobby bekommen. Hierzu soll auch ihre Forschung beitragen: „Wir müssen dieses Thema aus der Nische holen.“

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