Die Technische Hochschule im „Dritten Reich“

26.01.2010

Die Technische Hochschule im „Dritten Reich“

Präsidium beschließt wissenschaftliche Aufarbeitung der NS-Zeit

Feierstunde zum 100-jährigen Jubiläum der TH Darmstadt am 28. Mai 1936 in der Städtischen Festhalle Darmstadt. Foto: TU Darmstadt, Universitätsarchiv, Nachlass Richard Vieweg.
Feierstunde zum 100-jährigen Jubiläum der TH Darmstadt am 28. Mai 1936 in der Städtischen Festhalle Darmstadt. Foto: TU Darmstadt, Universitätsarchiv, Nachlass Richard Vieweg.

Die Technische Universität Darmstadt wird ihre Geschichte in der Zeit des Nationalsozialismus umfassend und systematisch wissenschaftlich aufarbeiten.

Dazu hat das Präsidium der Universität ein Forschungsprojekt ins Leben gerufen, das die Rolle der ehemals Technischen Hochschule Darmstadt in der NS-Zeit und den Umgang mit ihr in der Zeit danach analysieren und in einer Gesamtdarstellung zusammenfassen soll.

„Um das Verhalten der damals handelnden Personen fair und fundiert bewerten zu können, ist eine gewissenhafte Aufarbeitung unabdingbar“, erklärte der Präsident der Technischen Universität Darmstadt, Prof. Dr. Hans Jürgen Prömel. Die TU folge damit dem guten Beispiel anderer Universitäten und Wissenschaftsorganisationen, die ihre Rolle in der NS-Zeit grundlegend aufgearbeitet haben.

„Es geht nicht um Enthüllungen vermeintlicher Sensationen, sondern um Antworten und Erklärungen: Wie war das, was geschah, möglich?“, berichtete der Projektleiter Prof. Dr. Christof Dipper vom Institut für Geschichte. „Drei erkenntnisleitende Schwerpunkte stehen im Fokus: Die von Anfang an freiwillige Selbstmobilisierung der Wissenschaftler und Studierenden, die aktive Beteiligung am militärisch-industriell-wissenschaftlichen Komplex und die Selbsterforschung der Hochschule zu Kontinuitäten und Brüchen nach 1945.“

Das aus Eigenmitteln finanzierte und zunächst auf zwei Jahre angelegte Forschungsvorhaben wird die Jahre zwischen 1930 und 1960 umfassen. Damit setzt es bereits zu einem Zeitpunkt ein, an dem die NSDAP zur Massenbewegung aufstieg, und nimmt ebenfalls die Entnazifizierung, Wiedergutmachung und Berufungspolitik an der TU in der Nachkriegszeit in den Blick.

Das Projekt wird begleitet von einer wissenschaftlichen Kommission aus Professoren der TU, sowie einem wissenschaftlichen Beirat, für den namhafte externe Wissenschaftshistoriker gewonnen werden konnten.

Die Forschung in Darmstadt maßgeblich vorantreiben werden mit Melanie Horn und Isabel Schmidt zwei junge Historikerinnen der TU, die im Rahmen des Projekts promovieren. Das Hauptaugenmerk ihrer Arbeiten wird auf dem wissenschaftlich-militärisch-industriellen Komplex an der TH Darmstadt in der NS-Zeit liegen.

Weiterhin ist vorgesehen, anhand von Personalakten und Nachlässen aus den Archiven der TU sowie der Stadt Darmstadt die Vertreibung von Wissenschaftlern und Studierenden in der NS-Zeit zu dokumentieren. Zu speziellen Sonderaspekten ist geplant, am Institut für Geschichte verschiedene Bachelor- und Masterarbeiten zu vergeben.

Umfangreiche Vorarbeiten

„Es gibt schon eine ganze Reihe von Erkenntnissen und wissenschaftliche Sondierungen, aber noch keine systematische Aufarbeitung“, so Prof. Christof Dipper. Als Beispiele seien die 1998 herausgegebene, sechsbändige Geschichte der TU Darmstadt ebenso zu nennen wie die Dokumentationen der Ringvorlesungen zum Thema aus den Wintersemestern 1986/87 und 2003/04 sowie vom Sommersemester 2008. Die Dokumentation zur letzten Ringvorlesung ist unter dem Titel „Selbstmobilisierung der Wissenschaft“ soeben bei der Wissenschaftlichen Buchgesellschaft Darmstadt erschienen. „Die Ergebnisse, die am Ende publiziert werden, können mit Sicherheit nicht als Besserwisserei von Nachgeborenen in moralisch-anklagendem Ton missinterpretiert werden“, steht für Dipper bereits fest.

Zum Thema

Forschungsprojekt: TH und Nationalsozialismus

Vollständige Pressemeldung vom 27.01.2010

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