TU Darmstadt ermutigt Wissenschaftlerinnen

11.03.2009

TU Darmstadt ermutigt Wissenschaftlerinnen

Eigenes Initiativprogramm zur Förderung von Forscherinnen und Professorinnen

Forscherin im Labor am Stereo-Mikroskop. Bild: Katrin Binner
Ziel des Initiativprogramms ist es, mehr Professorinnen und Forscherinnen für die TU Darmstadt zu gewinnen. Foto: Binner / TU Darmstadt

Die Technische Universität Darmstadt sieht die punktuelle Förderung von Frauen in der universitären Forschung und für Spitzenpositionen der Wissenschaft mit Skepsis. Sie schlägt daher einen eigenen Weg ein.

„Wir haben ein besonderes Initiativprogramm aufgelegt, das die Berufungspolitik grundlegend verändert und mit dem wir mehr Professorinnen gewinnen werden“, sagte der Präsident der TU Darmstadt, Professor Dr. Hans Jürgen Prömel, bei der Vorstellung des Programms.

Mit ihren forschungsorientierten Gleichstellungsstandards greift die TU Darmstadt Anregungen der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) auf. Sie will aber über die DFG-Richtlinien und ein laufendes Förderprogramm des Bundesbildungsministeriums für die Länder hinausgehen.

„Das Grundprinzip unseres Ansatzes lautet, nicht mehr in Einzelfällen die Vergabe von Professuren an Frauen zu honorieren oder gesonderte Fördertöpfe einzurichten, sondern stattdessen nachhaltig Prozesse zu verändern. Wir wollen alle regulären Berufungsverfahren umgestalten“, erläuterte die Vizepräsidentin der TU Darmstadt, Professorin Dr. Petra Gehring.

Damit würden „Anreize für Transparenz, Aufmerksamkeit und Verantwortung aller Universitätsmitglieder“ geschaffen. Von symbolischer Politik hielten gerade die weiblichen Universitätsmitglieder zu Recht nicht viel. „Zu einer Technischen Universität passt es, jenseits von Lippenbekenntnissen und guten Absichtserklärungen möglichst konkret zu werden.“

„Es ist seit langem bekannt, dass es zu wenig Forscherinnen und Professorinnen an Universitäten gibt“, sagte die Frauenbeauftragte der TU Darmstadt, Dr. Uta Zybell. Der Professorinnenanteil betrug 2007 im Bundesdurchschnitt 14 Prozent (ohne Junior-Professuren.) An der TU Darmstadt beträgt er aktuell 10,2 Prozent (10,8 Prozent mit Junior-Professuren). „Langjährige Anstrengungen in der individuellen Frauenförderung haben bei weitem nicht die beabsichtigte quantitativ sichtbare Wirkung gezeigt“, so Zybell. „Spätestens in der Promotions- und Postdoc-Phase ist der Frauenanteil in allen Fächern viel zu gering. Ich bin optimistisch, dass wir dies mit dem Initiativprogramm an der TU Darmstadt ändern können.“

Schritte zur Kandidatinnenfindung schon vor einer Ausschreibung

Ein zentraler Ansatzpunkt, insbesondere – aber nicht nur – für die technischen Disziplinen: Schon vor der Ausschreibung von Professuren müssen Schritte zur Findung von Kandidatinnen getan werden: Sind exzellente Nachwuchswissenschaftlerinnen national und international bekannt? Wie steht es im gesuchten Kompetenzfeld um die Kontaktpflege Richtung Industrieforschung? Lassen sich Besuche von Talenten arrangieren? Im Hinblick auf die in den Ingenieurdisziplinen üblichen Qualifikationswege in der Industrie wird künftig im Vorfeld von Berufungsverfahren stärker auf Recruiting und Head-Hunting gesetzt. Die Fachbereiche können zur internationalen Recherche und externen Beratung auf zentrale Mittel zugreifen.

Namen von potenziell geeigneten Kandidatinnen oder aber der Nachweis, dass international keine Kandidatinnen zu finden sind, sind an der TU Darmstadt künftig Voraussetzung für die Freigabe einer Professur. Gezielte Findungs-Aktivitäten müssen in allen Berufungsberichten dokumentiert sein. Eine stimmberechtigte Wissenschaftlerin gehört jeder Berufungskommission an. Kommissionsvorsitzende und Senatsbeauftragte achten auf die Gleichstellung. An der Begutachtung von Berufungslisten werden Gutachterinnen beteiligt. In Berufungsverhandlungen wird auf Lösungen für Dual Career Couples geachtet.

Traditionell ist auch der Wissenstransfer in männlicher Hand. Die TU Darmstadt erweitert vorhandene Netzwerke durch Frauen aus Industrie und außeruniversitärer Forschung. Gelingt es nicht, die Quote von Honorarprofessorinnen signifikant zu steigern, wird eine Quotierung erwogen. Die überdurchschnittliche Anzahl von Promotionen von Frauen wird im Rahmen der Mittelzuweisung an die Fachbereiche honoriert.

Die TU Darmstadt bietet Seminare für Dozentinnen und Dozenten zu Themen wie Diversity Management und Mentoring-Kompetenz an und stellt Mittel für Stipendiatinnen aus dem Ausland und während der Elternzeit von Wissenschaftlerinnen sowie für den „Nichtausstieg“ von Nachwuchswissenschaftlerinnen bereit.

Entscheidungs- und Aufsichtsgremien wie Senat und Hochschulrat sowie Forschungsverbünde der TU Darmstadt verpflichten sich selbst zu einer höheren Frauenrepräsentanz. Ein neuer Preis soll schließlich an der TU Darmstadt auf allen Ebenen, von Studentinnen bis Professorinnen, Best-practice-Modelle für das Recruting von Frauen prämieren.

Der Hintergrund dieser Maßnahmen sind neuere Studien zum Kern des Problems: Frauen zögern, wie aktuelle Untersuchungen zeigen, sich auf das Berufsbild der Wissenschaftlerin bzw. Professorin festzulegen. Im Rahmen der Promotionsbetreuung ist der Faktor Ermutigung ebenso wichtig wie das rechtzeitige und offene Ansprechen des Themas Lebensplanung.

Um junge Wissenschaftlerinnen nach der Promotion zum Verbleib in der Wissenschaft zu motivieren, sind Förderangebote in der PostDoc-Phase bzw. nach der Habilitation entscheidend. Neben der Juniorprofessur bietet die TU Darmstadt (als Alternative zu den an verschiedenen Stellen vorgehaltenen „Wiedereinstiegsstipendien“) Teilzeit-Arbeitsverhältnisse – im Sinne einer „Nicht-Ausstiegs-Option“ trotz Schwangerschaft und Kinderphase – an.

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