Kein Stoff für Konflikte

18.02.2016

Kein Stoff für Konflikte

Politikwissenschaftliche Studiengänge verbinden Frankfurt und Darmstadt

An der TU Darmstadt und der Frankfurter Goethe-Universität gibt es seit 2007 einen deutschlandweit einmaligen gemeinsamen Studiengang für Internationale Studien / Friedens- und Konfliktforschung. Bis dieser interuniversitäre und interdisziplinäre Weg zum Masterabschluss zusammen mit der Hessischen Stiftung Friedens- und Konfliktforschung geebnet war, musste Pionierarbeit bewältigt werden.

Sitzung des UNO-Sicherheitsrats im Februar 2016. Bild: UN Photo/Rick Bajornas
Sitzung des UNO-Sicherheitsrats im Februar 2016. Bild: UN Photo/Rick Bajornas

„Das war mein Baby, dieser Studiengang“, erinnert sich Tanja Brühl mit einem Lachen. Damals war sie noch Juniorprofessorin für Politikwissenschaften an der Frankfurter Goethe-Universität, heute ist sie deren Vize-Präsidentin. Schon seit den 1970er Jahren gab es Bestrebungen, die Friedens- und Konfliktforschung an Universitäten zu verankern. „Der Bologna-Prozess eröffnete dann neue Möglichkeiten für die Interdisziplinarität“, sagt sie.

2005 stand ein erster Kooperationsvertrag zwischen der Frankfurter und Darmstädter Universität an und Tanja Brühl nahm Kontakt zur TU und deren Gruppe IANUS auf. Die Darmstädter befassten sich schon damals speziell mit der naturwissenschaftlich-technischen Dimension der Friedens- und Konfliktforschung. „Und diesen Aspekt wollte ich unbedingt mit an Bord haben“, erinnert sich die Vize-Chefin der Goethe-Uni.

Tanja Brühl und ihr Darmstädter Kollege Klaus Dieter Wolf, TU-Professor für internationale Politik und heute Leiter des Leibniz-Instituts Hessische Stiftung Friedens- und Konfliktforschung (HSFK), waren die treibenden Kräfte. „Es gab keinerlei Erfahrung mit einem gemeinsamen Studiengang in Frankfurt und Darmstadt“, sagt Wolf. Ein Jahr lang kämpften sie sich mit ihrer Idee und ihrem Vorhaben durch die jeweiligen Fachbereiche, Studienausschüsse und den Senat beider Hochschulen.

Deutschlandweit einmalig

Prof. Dr. Klaus Dieter Wolf. Bild: HSFK
Prof. Dr. Klaus Dieter Wolf. Bild: HSFK

„Es war nicht leicht, denn es gab unterschiedliche Studienordnungen, Systeme, interne Regelungen und unterschiedliche Software. Aber es war einfach toll zu sehen, wie sich beide Seiten aufeinander zubewegt haben“, ist Brühl noch heute begeistert. Auch Wolf spricht von der „grandiosen Erfahrung, wie die TU-Rechtsabteilung mit der Freude am Gelingen daran gegangen ist“. Es habe eine positive Grundstimmung gegeben, neue Wege zu gehen – befeuert vom damaligen Autonomieprozess der TU Darmstadt und der Frankfurter Idee der Stiftungs-Universität.

Im Wintersemester 2007/ 2008 war es soweit: Der Masterstudiengang „Internationale Studien / Friedens- und Konfliktforschung“ und noch ein weiterer gemeinsamer Studiengang – „Politische Theorie“ – wurden genehmigt und vom hessischen Wissenschaftsministerium bewilligt. „Das war Pionierarbeit und deutschlandweit einmalig“, sagt Klaus Dieter Wolf. Anfangs hatten Frankfurt und Darmstadt zwar Probleme, die 60 Plätze zu besetzen, „aber dann entwickelte sich die Nachfrage rasant schnell“, so Wolf. Heute gibt es zwischen 500 und 600 Bewerbungen aus ganz Deutschland für die Studienplätze und ein spezielles Auswahlverfahren für den viersemestrigen Master.

Nach anfänglichen bürokratischen Problemen, bedingt durch zwei Studienstandorte, liegt die Verwaltung, also die Anerkennung und Abrechnung von Studienleistungen, für den gemeinsamen Studiengang heute allein in der Hand der Goethe-Universität. Darmstadt besteht jedoch auf dem Nachweis der aktiven Teilnahme an Seminaren der TU.

Ein Drittel der Masterstudierenden ist der TU Darmstadt zuzurechnen, zwei Drittel Frankfurt. In Darmstadt gelten alle Angebote wie etwa Mensa und Bibliotheksnutzung gleichberechtigt für die Kommilitonen aus Frankfurt und auch umgekehrt. Ebenso stehen ihnen die Angebote der Hessischen Stiftung Friedens- und Konfliktforschung zur Verfügung. Vizepräsidentin Tanja Brühl stellt fest: „Alle Seiten profitieren von der Kooperation.“ Bürokratisch habe es anfängliche „Umwege“, inhaltlich jedoch nie Zwistigkeiten gegeben. Jeder Partner habe sein eigenes Angebot und seine Besonderheiten eingebracht.

Für die TU Darmstadt liegt einer der Schwerpunkte vor allem auf der naturwissenschaftlich-technischen Dimension der Friedens- und Konfliktforschung oder der Technologie und internationalen Zusammenarbeit, so die Titel beispielsweise zweier Wahlpflichtmodule an der TU. „Das gibt es sonst nirgendwo“, sagt Klaus Dieter Wolf. So gehört zum Profil auch der Bericht Darmstädter Bauingenieure über Wasserversorgungsprojekte in Entwicklungsländern.

Der pendelnde Professor

Prof. Dr. Jens Steffek. Bild: Felicitas von Putzau
Prof. Dr. Jens Steffek. Bild: Felicitas von Putzau

Professor Jens Steffek ist quasi ein Kind der bilateralen Beziehungen beider Unis. Der 43-Jährige, der in Florenz in Politik- und Sozialwissenschaften promoviert hat, ist Professor für Transnationales Regieren an der TU Darmstadt und Principal Investigator am Exzellenzcluster „Die Herausbildung normativer Ordnungen“ an der Goethe-Universität, an dem ebenfalls beide Universitäten beteiligt sind.

Er lehrt in Darmstadt und forscht mit Kollegen in Frankfurt, pendelt wie auch die Studierenden mehrmals wöchentlich zwischen den Hochschulen. Die Aufteilung auf zwei Studienstandorte und die entsprechende Planung der Lehrveranstaltungen sei zwar eine „logistische Herausforderung“, er findet zwei Studienstandorte jedoch spannend.

Die sehr interdisziplinäre Ausrichtung reizt ihn besonders. „Ich kann viele eigene Themen setzen“, sagt er und meint damit vor allem Schwerpunkte zur Arbeit internationaler Nichtregierungsorganisationen (NGO). Für kommende Semester plant der Professor nun auch gemeinsame Lehrveranstaltungen mit Frankfurter Kolleginnen und Kollegen etwa zum Thema Völkerrecht und Völkerstrafrecht.

Als eine ganz besondere Veranstaltung preist er die regelmäßigen Exkursionen des Studiengangs nach New York oder Genf, wo die Studierenden an offiziellen Abrüstungsverhandlungen für Chemie-, Bio- oder Nuklearwaffen bei den Vereinten Nationen oder an UN-Simulationen teilnehmen dürfen. Steffek: „Das ist für die Studierenden eine spannende Erfahrung.“



Studierende des Masterstudiengangs im Porträt

Jan Dannheisig. Bild: privat
Jan Dannheisig. Bild: privat

Politikwissenschaftler aus Leidenschaft: Jan Dannheisig

Die Entscheidung fiel in Kambodscha. Dort machte Jan Dannheisig gerade ein halbjähriges Praktikum in der Entwicklungszusammenarbeit, als er von dem gemeinsamen Masterstudiengang „Internationale Studien / Friedens- und Konfliktforschung“ der TU Darmstadt und der Goethe-Universität Frankfurt erfuhr. Ein Mitarbeiter der Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ) berichtete ihm davon. Bei seiner Rückkehr aus Südostasien schrieb sich der 27-Jährige an der Goethe-Universität ein. „Frankfurt und Darmstadt gehören zu den wenigen Universitäten in Deutschland, die so einen Studiengang überhaupt anbieten“, sagt er.

Gereizt haben ihn dabei vor allem der Bereich der Friedens- und Konfliktforschung und die technische Perspektive auf die Internationale Zusammenarbeit. Zuvor hat Dannheisig seinen Bachelor in Göttingen in Politikwissenschaften und Amerikanistik gemacht und ein Semester lang in Paris am Institut d’études politiques studiert. Er war Praktikant im Bundestag und EU-Parlament und ist viel gereist. Sein Fernziel ist eine Stelle bei den Vereinten Nationen oder der OECD, der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung. Während seines jetzigen Studiums arbeitet Dannheisig erst als Praktikant und dann als Werkstudent halbtags bei der GIZ in Eschborn und hofft dort im Anschluss an seine Masterarbeit als Berater unterzukommen. „Ich möchte gerne ins Ausland“, sagt er.

Zufrieden mit den Seminaren

Mit den Seminaren in Frankfurt und den Blockseminaren in Darmstadt ist der Student sehr zufrieden. Vincent Pouliot, Gastprofessor von der kanadischen McGill University in Montreal an der TU Darmstadt, der über „Multilateral Governance of International Security“ gelehrt hat, ist ihm in guter Erinnerung geblieben. Dieses Semester gefällt ihm besonders das Seminar von Harald Müller zu „Aktuellen Fragen der auswärtigen Politik“ in Frankfurt. Nur die Pendelei zwischen den Standorten Frankfurt und Darmstadt, die empfindet er als aufwändig. Ebenso zuweilen den bürokratischen Aufwand, weil nicht jeder Schein auch online abgerufen werden kann.

Ende März fliegt er mit seinen Kommilitonen für eine UN-Simulation und Teilnahme an Verhandlungen nach New York. Gemeinsam mit seiner Delegation vertritt er Usbekistan, ein Land, von dem er zuvor wenig wusste. „Das bedeutet im Vorfeld viel Recherche, aber es ist spannend und macht viel Spaß“, sagt Jan Dannheisig.

Jens Stappenbeck. Bild: privat
Jens Stappenbeck. Bild: privat

Praktische Friedensarbeit: Jens Stappenbeck

Andere reisen nach dem Abi nach Amerika, tingeln durch Asien oder jobben auf einer Farm in Australien. Jens Stappenbeck hat nach dem Schulabschluss den Gaza-Krieg in Israel miterlebt und in der Nähe von Tel Aviv mit Heimkindern gearbeitet. Ein Jahr lang verbrachte er mit der Organisation „Aktion Sühnezeichen Friedensdienste“ in dem Heiligen Land, das immer wieder von unüberbrückbar scheinenden Konflikten gezeichnet ist. Für den heute 28-Jährigen war das ein prägendes und bleibendes Erlebnis. „Das hat mich zur Friedens- und Konfliktforschung gebracht“, sagt er. Heute studiert Jens Stappenbeck im dritten Semester an der TU Darmstadt und der Frankfurter Goethe-Universität den gemeinsamen Masterstudiengang „Internationale Studien / Friedens- und Konfliktforschung“.

Doch der Aufenthalt im Nahen Osten führte den jungen Hamburger auch nach Jordanien und Ägypten. „Nach dem Einblick in den jüdischen Staat wollte ich die andere Seite kennenlernen, ich wollte diesen hoch emotionalen Konflikt besser verstehen“, beschreibt er seine Motivation. Stappenbeck begann in Heidelberg ein Bachelorstudium in Politik- und in Islamwissenschaften, wechselte später zur Freien Universität Berlin, wo er seinen Abschluss machte. Erneut leistete er ein Praktikum bei „Aktion Sühnezeichen Friedensdienste“ in Jerusalem und eines im Zentrum für Demokratieforschung in Bulgarien.

Gewandelte Interessen

Über einen Blog zur Sicherheitspolitik auf der Homepage der Goethe-Universität kam er schließlich nach Frankfurt und zum gemeinsamen Masterstudiengang „Friedens- und Konfliktforschung“. Doch was zunächst mit einem Interesse an normativen Ordnungen und Theorien begann, hat sich nun hin zu empirischer Friedensforschung verschoben. „Meine Interessen haben sich gewandelt“, sagt der 28-Jährige. Zunächst als wissenschaftlicher Mitarbeiter und schließlich als Vorstandsmitglied der Menschenrechtsorganisation „Genocide Alert“ erarbeitete er einen Monitor zur weltweiten Entwicklung von Massenverbrechen. Auf ihrer Internetseite dokumentiert die Organisation Völkermorde und Verbrechen gegen die Menschlichkeit, analysiert Daten und erstellt Risikobewertungen.

Einige der Module, die er an der TU Darmstadt belegt hat, passen da thematisch sehr gut, lobt er. Etwa wenn es um „Transitional Justice“ geht, also die juristische Aufarbeitung von Massenverbrechen wie den Holocaust oder auch den Völkermord in Ruanda. Es bedeute zwar einen zusätzlichen Aufwand, von Frankfurt nach Darmstadt zu pendeln, „aber ich versuche, die Veranstaltungen möglichst zu bündeln“, berichtet Stappenbeck. Insgesamt ist er sehr zufrieden mit seinen Studieninhalten.

Nach dem Abschluss will er weiterforschen und eventuell promovieren. Jens Stappenbeck würde gerne ein Praktikum beim „Early Warning Project“ des US Holocaust Memorial Museums in Washington machen. „Die USA sind im Bereich der Risikoanalysen schon viel weiter“, sagt er. Empirische Friedensforschung und Politikberatung zu verknüpfen, seine Ergebnisse direkt anzuwenden, dieser Gedanke gefällt dem 28-Jährigen. „Ich möchte helfen, Konflikte rechtzeitig zu erkennen und vielleicht auch zu verhindern, dass sie überhaupt ausbrechen.“

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