Epochenjahr 1917 neu bewertet

13.03.2017

Epochenjahr 1917 neu bewertet

Offen für alle: Ringvorlesung an der TU Darmstadt

Oktoberrevolution in Russland, Eintritt der USA in den Ersten Weltkrieg, Mobilisierung der Heimatfront, verschärfte Proteste in den kriegführenden Ländern – das Jahr 1917 gilt als Epochenjahr in der neueren Geschichte. Aber ist diese Charakterisierung noch plausibel? Die TU-Ringvorlesung „Das Jahr 1917 – Auftakt zum „kurzen 20. Jahrhundert“?“ bietet Antworten.

Demonstration der Putilov Arbeiter am ersten Tag der Februar-Revolution von 1917 in Petrograd (St. Petersburg). Bild: gemeinfrei / State museum of political history of Russia
Demonstration der Putilov Arbeiter am ersten Tag der Februar-Revolution von 1917 in Petrograd (St. Petersburg). Bild: gemeinfrei / State museum of political history of Russia

Die Kriegserklärung der USA an die Mittelmächte im April 1917 gab den Ausschlag für den Sieg der Entente im Ersten Weltkrieg und eröffnete das „amerikanische Jahrhundert“. Das 20. Jahrhundert war geprägt von wirtschaftlicher und nach dem Zweiten Weltkrieg auch politischer Hegemonie der USA, die diese Weltmachtrolle bewusst wahrnahm.

Die Russische Revolution von 1917 leitete eine Periode scharfer ideologischer und auch militärischer Polarisierung zwischen kapitalistischen und sozialistischen Staaten ein, die das „kurze 20. Jahrhundert“ bis zum Zusammenbruch der Sowjetunion 1991 prägte. Die Willenserklärung des britischen Außenministers Balfour am 2. November 1917, den Juden eine „Heimstätte“ in Palästina zu schaffen, steht am Anfang eines bis heute ungelösten Konflikts um die Herrschaft über Israel und Palästina; ein Konflikt, der die Beziehungen zwischen der arabisch-islamischen Welt, Europa und den USA dauerhaft belastet.

Veränderte Perspektiven

Dies sind nur drei Beispiele für die epochale Bedeutung des Jahres 1917. Das Institut für Geschichte der TU Darmstadt veranstaltet im Sommersemester 2017 eine Ringvorlesung, die das Jahr als historische Zäsur angesichts neuer weltpolitischer Rahmenbedingungen und veränderter geschichtswissenschaftlicher Perspektiven kritisch reflektiert.

Die Vorträge von ausgewiesenen Experten anderer deutscher Universitäten und der TU Darmstadt widmen sich sowohl der Kriegsrealität als auch den langfristigen Folgen des Jahres 1917: Das Jahr war gekennzeichnet von einer Radikalisierung der Kriegsführung – man denke an den uneingeschränkten U-Bootkrieg –, aber auch durch Massenproteste und Verweigerung an Front und Heimatfront. Kriegsrealität war auch die unübersehbare Präsenz von hunderttausenden Kriegsinvaliden, die neue sozialpolitische Fragen aufwarf, ständig an die Schrecken des Krieges erinnerte und letztlich einen neuen Umgang mit Behinderten erforderte.

Paradox wirkende Entwicklungen

Die Städte und ihre Verwaltungen standen vor schier unlösbaren Problemen bei der materiellen Versorgung der Bevölkerung, die 1918 in manchen Staaten zur völligen Auflösung des Durchhaltewillens beitrugen. Die radikale Mobilisierung sämtlicher Ressourcen mündete langfristig aber auch in Ansätze zur „Humanisierung der Arbeitswelt“. Wissenschaftler legitimierten den Krieg, dachten aber, wie Max Webers Beispiel zeigt, über den Tag hinaus über die Rolle der Wissenschaft in der modernen Gesellschaft nach. Diese teils gegenläufig wirkenden Entwicklungen stehen im Blick der Vortragenden, deren Beiträge zudem der globalen Dimension des Krieges Rechnung tragen.

Neben verschiedenen Regionen Europas stehen die USA, Russland, Palästina und die britischen Kolonien im Fokus eigener Beiträge. Abschließend wird es dadurch möglich werden, den „Epochencharakter“ des Jahres 1917 neu zu bewerten.

Ringvorlesung „Das Jahr 1917. Auftakt zum kurzen 20. Jahrhundert?“

ab dem 25. April, immer dienstags von 18.15 bis 19.30 Uhr,
Gebäude S1|03, Raum 223, Hochschulstr. 1, 64289 Darmstadt

Programm der Ringvorlesung

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