Das Unwort des Jahres 2012 lautet „Opfer-Abo“

15.01.2013

Das Unwort des Jahres 2012 lautet „Opfer-Abo“

Bekanntgabe des Unwortes zum zweiten Mal an der TU Darmstadt

Nina Janich, TU-Professorin für germanistische Sprachwissenschaft und Jury-Sprecherin, verkündete am 15.01.2013 an der TU Darmstadt das Unwort des Jahres 2012. Es geht auf eine Äußerung von Jörg Kachelmann zurück, der Frauen in Interviews ein „Opfer-Abo“ unterstellt hatte.

Nina Janich, Professorin für germanistische Sprachwissenschaft an der TU Darmstadt und Sprecherin der sprachkritischen Aktion "Unwort des Jahres" verkündet das Unwort 2012. Bild: Patrick Bal
Jury-Sprecherin Professorin Nina Janich verkündet das Unwort des Jahres 2012. Bild: Patrick Bal

Die sprachkritische Aktion „Unwort des Jahres“ wählt seit 1991 jährlich einen Begriff aus, der in der öffentlichen Kommunikation besonders stark gegen sachliche Angemessenheit oder Humanität verstößt. Mit der Wahl möchte die Unwort-Aktion das Augenmerk auf einen bestimmten Sprachgebrauch im öffentlichen Kontext lenken, um dadurch das Sprachbewusstsein und die Sprachsensibilität in der Bevölkerung kritisch zu fördern.

Der Wettermoderator Jörg Kachelmann sprach im Herbst 2012 in mehreren Interviews davon, dass Frauen in der Gesellschaft ein „Opfer-Abo“ hätten. Mit diesem könnten sie ihre Interessen in Form von Falschbeschuldigungen – unter anderem der Vergewaltigung – gegenüber Männern durchsetzen. Die sechsköpfige Jury entschied sich für „Opfer-Abo“, da dieses Wort Frauen in diesem Zusammenhang pauschal unter den Verdacht stelle, sexuelle Gewalt zu erfinden und somit selbst Täterinnen zu sein.

Die Jury hält das angesichts des dramatischen Tatbestands, dass nur 5-8 % der von sexueller Gewalt betroffenen Frauen tatsächlich die Polizei einschalten, für sachlich grob unangemessen. Das Wort verstoße damit nicht zuletzt auch gegen die Menschenwürde der tatsächlichen Opfer. Neben „Opfer-Abo“ wählte die Jury zudem „Pleite-Griechen“ und „Lebensleistungsrente“ als weitere Unwörter für das Jahr 2012.

Jury arbeitet unabhängig, Vorschläge sind willkommen

Nina Janich, Professorin für germanistische Sprachwissenschaft an der TU Darmstadt und Sprecherin der sprachkritischen Aktion "Unwort des Jahres" verkündet das Unwort 2012. Bild: Patrick Bal
Großes Medien-Interesse am Unwort des Jahres: Professorin Nina Janich im Gespräch mit der Presse. Bild: Patrick Bal

Die Aktion „Unwort des Jahres“ ist unabhängig von Parteien oder Institutionen. Die Jury besteht aus vier Sprachwissenschaftlern, darunter die Darmstädter Sprachwissenschaftlerin Professorin Nina Janich, und einem Journalisten. Sie wird jährlich wechselnd durch ein weiteres Mitglied aus dem Bereich des öffentlichen Kultur- und Medienbetriebes ergänzt, in diesem Jahr durch den Fernsehmoderator Ralph Caspers.

Jede Bürgerin und jeder Bürger kann sich an der Aktion beteiligen und Vorschläge einschicken. Die Jury erhielt 2241 Einsendungen. Insgesamt wurden 1019 verschiedene Wörter eingeschickt. Die häufigsten Einsendungen waren „Schlecker-Frauen“ (163), „Anschlussverwendung“ (125), „Moderne Tierhaltung“ (102), „Ehrensold“ (88) und „Lebensleistungsrente“ (40). Für die Wahl ist die Anzahl der Nennungen aber unerheblich.

Vorschläge für das Unwort 2013 können ab sofort jederzeit an die Aktion „Unwort des Jahres“ geschickt werden.

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Kommentare

7 Beiträge

7 von 7: H.-Norbert Ulbrich schrieb am 19.01.2013 13:36:18

Unwort des Jahres 2013, Teil 2

Damit bereiten Sie den Boden für weitere Falschbeschuldigungen. Das darf aber nicht die Intention einer Jury sein, die sich zum Ziel setzt, sich für die Qualität der deutschen Sprache stark zu machen. Ich bin mir nicht sicher, aber sollte ich Ihnen vielleicht sogar dankbar sein? Durch Ihre unglückliche Wahl haben Sie den Begriff „Opfer-Abo“ bekannt gemacht. Das wird sicher die Diskussion über Falschbeschuldigungen anregen. Dazu dieser Leserbrief zum Thema Vergewaltigung und Falschbeschuldigung: http://extratip.de/2013/01/15/leserbrief-gegen-sexuelle-gewalttaten/ Falls Sie weiter ein Unwort des Jahres küren wollen, wünsche ich Ihnen eine glücklichere Hand. Gibt es schon Vorschläge für das Unwort des Jahres 2013? Noch nicht? Dann mache ich hiermit den Anfang. Ich schlage als Unwort des Jahres 2013 vor: „Unwort des Jahres“ Begündung siehe oben.

6 von 7: H.-Norbert Ulbrich schrieb am 19.01.2013 13:27:22

Unwort des Jahres 2013, Teil 1

Als ich den unten verlinkten Leserbrief schrieb, kannte ich das Unwort des Jahres 2012 noch nicht. Es heißt: „Opfer-Abo“. Insbesondere die Begründung zur Auswahl dieses bis dahin weitgehend unbekannten Begriffs macht mich nachdenklich. Geht es Ihnen wirklich darum, ein Unwort zu brandmarken, zu dessen Findung Sie die Öffentlichkeit zur Mitarbeit aufrufen? Wohl kaum, denn dann hätten Sie das meistgenannte Wort „Schlecker-Frauen“ gewählt und nicht einen Begriff, der ein einziges mal vorgeschlagen worden war. Statt dessen schweifen Sie vom Thema ab und halten sich an einem bis dahin nur wenig bekannten Wort fest. Die Begründung verrät letztendlich, dass es Ihnen nicht darauf ankam, ein Unwort zu brandmarken, sondern darauf, eine Ansicht zur Verurteilung von der Vergewaltigung beschuldigten Männern zu verbreiten. Der Grundsatz „In dubio pro reo“ soll offensichtlich aus Ihrer Sicht vor Gericht bei Vergewaltigungsvorwürfen nicht gelten. weiter: Teil 2

5 von 7: robert m. schrieb am 19.01.2013 09:34:38

DANKE

Danke der Jury, dass sie dieses bisher unbekannte Wort bekannt gemacht hat, denn es bezeichnet etwas SEHR Treffendes: Es gibt - übrigens geschlechtsneutral - immer wieder Konstellationen, in denen bestimmte Menschen, wenn sie Vorwürfe erheben, AUTOMATISCH als glaubwürdiger erscheinen als dsiejenigen, gegen die Vorwürfe erhoben werden. Viele Menschen, die mit Geschwistern aufgewachsen sind, kennen die Konstellation, dass ein Kind quasi das Opfer-, das andere das Täter-Abo hatte. Leider gibt es immer wieder gesellschaftliche Konstellationen, in denen entlang wechselnder Diskriminierungslinien (Rasse, Geschlecht, Religon etc.) Angehörige der einen Seite der Unterscheidung das eine Abo bekommen, die der anderen das andere. Das Wort hat also erhellenden Charakter. Es ist gewiss nicht leicht, aufklärende, das allgemeine Denken in Frage stellende Begriffe schlagartig schnell bekannt zu machen. Der Trick, dies durch Ernennung desselben zum "Unwort des Jahres" zu tun, ist einfach genial! DANKE und weiter so!

4 von 7: Friedemann Mahler schrieb am 19.01.2013 08:58:23

Opferabo, ein Opferbonus im Auftrag der Opferindustrie?

Ich frage mich bei diesem Theater hauptsächlich: was veranlasst vier Linguistiker und einen Zeitungsreporter überhaupt dazu, 1984 zu spielen und erst irgendeinen nahezu unbekannten Begriff als "gefährlich, Doppelplusungut" zu markieren und ihn dann öffentlich zu verbreiten? Noch dazu mit einer völlig abstrusen Begründung, die unterstellt, diese "Jury" könnte soziologische und juristische Folgen dieser regelrechten Sprachschöpfung korrekt interpretieren. Tatsache ist, daß der Begriff "Opferabo" allergrößtenteils von Betroffenen Opfern ( einer Falschbeschuldigung wohlgemerkt ) benutzt wurde, bis zu seiner seltsamen Ächtung. "Die Gesellschaft" kannte ihn praktisch gar nicht. Auch diskriminiert er niemanden, da er sich ausschließlich auf Falschbeschuldiger und deren Helfershelfer bezieht. Daß nahezu ausschließlich Frauen Falschbeschuldigungen zu angeblichen Vergewaltigungen erheben, ist ja nun wirklich weder Schuld "der Frauen", noch "der Männer", oder gar der tatsächlichen Opfer, sondern der extremen geschlechtsspezifischen Schieflage in der Rechtssprechung. Tatsächlich mißbrauchte Menschen ( Männer, Frauen und Kinder ) finden kaum Gehör, werden selten ernst genommen, während jährlich tausende Kinder ihre Väter ( selten auch die Mütter ) verlieren und diese teilweise in Knast oder Psychomaßnahmen landen, weil die Falschbeschuldigung fröhliche Urständ feiert. Die neue Verfassungsrichterin Susanne Baer fordert das sogar ganz explizit, in ihren sog."legal gender Studies". Kurz gefragt: Cui bono? Wem nützt diese merkwürdige Aktion, nachdem gerade ein weiterer Prominenter öffentlich über die Tatsache gesprochen hat, daß ein falscher Vergewaltigungsvorwurf gerade in Trennungs- u. Sorgestreitigkeiten zur hochgefährlichen Waffe krimineller Elemente geworden ist und auch oft als solche benutzt wird? Am meisten doch wohl der daran satt profitierenen Opferindustrie ( auch Trennungs- u. Scheidungsindustrie, oder, wenn es um Kinder geht, Kinder- u. Sorgehandel genannt ). Und warum beschleicht mich das Gefühl, daß, wenn es drei Plätze zu vergeben wären, diese Jury das Wort Opferindustrie auf den zweiten Platz gesetzt hätte? Beide Begriffe wurden lediglich ein- bzw. zweimal vorgeschlagen. Opferindustrie dazu von einer feministischen Organisation, die auch gleich die Liste der Unterstützer organisierte und mitlieferte. Die "Schlecker-Frauen", ein oft vorgeschlagener und u.U. tatsächlich diskriminierender Begriff ( allein schon, weil er die "Schlecker-Männer" ausschließt ) wurde aber noch nicht mal für "ungut" erklärt. Wohlmöglich, weil man ihnen ( und noch mehr den Schlecker-Männern?) einen realen Opferbonus unterstellte? Ich vermute, Politologen, zumindest solchen mit Kenntnissen der akuten Lage und ausreichendem Realitätsbezug, kräuseln sich nach dieser ( angeblich ja gut gemeinten ) Opferbezugsinflation langsam die Fußnägel. Insofern kann ich den drei weiteren Kommentatoren nur ausdrücklich zustimmen, besonders dem Spitzenstatement von Beatrix.

3 von 7: Jean Poisson schrieb am 19.01.2013 08:09:52

Kommt mir bekannt vor ...

Wie nennt man's auch gleich wieder, wenn das Denken der Menschen kontrolliert werden soll, indem politisch missliebige Begriffe ausgemerzt werden? Ach ja: Neusprech! Dieses "Unwort des Jahres" ist selbst ein Unding, denn es soll offensichtlich bedeuten: Wenn man den Herrn Kachelmann, d.h. den Überbringer der schlechten Botschaft, an den Pranger stellt - dann bräuchte man sich scheinbar nicht mehr mit dem zugrundeliegenden Problem falscher Anschuldigungen zu befassen ;-(

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