Chronik Darmstädter Residenzschloss

Das Darmstädter Residenzschloss – eine Chronik

Das bauliche Ensemble des ehemaligen Darmstädter Residenzschlosses besteht aus vielfältigen Gebäuden mit zum Teil bis zu 600-jähriger Baugeschichte, die erste Wasserburg entstand bereits im 13. Jahrhundert. Nach der weitgehenden Zerstörung im Zweiten Weltkrieg erfolgte der Wiederaufbau in äußerlich ursprünglicher Form bis Mitte der 1960er-Jahre.

Luftaufnahme vom Darmstädter Residenzschloss. Bild: Nikolaus Heiss
Das Darmstädter Residenzschloss, Luftaufnahme Juli 2012. Bild: Nikolaus Heiss
 

Mittelalter

Unter den Grafen Katzenelnbogen erhält Darmstadt das Stadtrecht. Die Wasserburg und Stadtmauer entstehen und werden weiter ausgebaut. Das Ahrheilger Tor im Osten und ein weiteres Stadttor im Westen werden errichtet.

11. Jahrhundert
Die Grafen von Katzenelnbogen werden vom Bistum Würzburg mit der Grafschaft Bessungen belehnt, zu der auch Darmstadt gehörte.

Um 1260
Die Brüder Diether und Eberhard teilen sich die Grafschaft; das Gebiet wird in eine Obergrafschaft (Darmstadt) und Niedergrafschaft (Katzenelnbogen/St. Goar) aufgeteilt. Darmstadt wird Nebenresidenz.

13. Jahrhundert
Die Grafen von Katzenelnbogen errichten eine Wasserburg.

1330
Darmstadt erhält Stadtrechte, die Grafen von Katzenelnbogen verlegen ihren Herrschaftssitz nach Darmstadt.

Mitte des 14. Jahrhunderts
Die Wasserburg wird als nördliche Bastion in den Stadtmauerring eingeschlossen. Der südliche Burgwall wird überflüssig und größtenteils abgetragen. Im Osten entsteht das Ahrheilger Tor.

1355
Ausbauarbeiten an der Burg zur standesgemäßen Wohnung für Else von Hanau, Frau des Grafen Wilhelm II. von Katzenelnbogen: Im Nordosten des Palas entsteht ein hölzernes Haus mit den Frauengemächern. Im Süden werden eine Badestube und eine Kapelle angefügt.

1377
Altarweihe der ersten Burgkapelle.

1449
Ausbau für die Hofhaltung Philipps von Katzenelnbogen: Erneute Erweiterung des Herrenbaus nach Süden.

1451
Ein weiteres Stadttor entsteht im Westen.

Vom Mittelalter zum Beginn der Neuzeit

Die Grafschaft Darmstadt verliert unter den Landgrafen von Hessen an Bedeutung. Philipp der Großmütige errichtet den Herrenbau von Grund auf neu. Nach dessen Tod erfährt Darmstadt unter Georg I. einen Aufschwung. Der fürstliche Baumeister Kesselhut leitet den Bau des dreigeschossigen Winkelbaus des Kirchen- und Kaisersaalbaus im Renaissancestil. So entstand der Kirchhof, wie er noch heute im Wesenlichen existiert.

1479
Nach dem Aussterben der Grafen von Katzenelnbogen fällt die Grafschaft an die Landgrafen von Hessen (Heinrich III. heiratet Anna von Katzenelnbogen, residiert in Marburg). Darmstadt wird zur unbedeutenden Provinzstadt, die Wasserburg als Witwensitz jahrzehntelang vernachlässigt.

1512
Für die Mutter Philipps des Großmütigen wird der Saalbau im Süden des Herrenbaus von Grund auf neu errichtet.

1518
Regierungsantritt Philipps des Großmütigen. Beschießung der Stadt durch Franz von Sickingen. Große Schäden am Schloss und in der Stadt.

1546
Eroberung der Stadt im Schmalkaldischen Krieg. Alle aus Fachwerk errichteten Bauteile („hölzernes Haus“, Kapelle etc.) im Schloss brennen ab. Große Teile der Stadt werden zerstört.

1563
Wiederaufbau im Osten außerhalb der inneren Kernburg.

1567
Philipp der Großmütige stirbt. Hessen wird unter seinen Söhnen aufgeteilt. In der Folge erhält die Teil-Landgrafschaft Hessen-Darmstadt unter Georg I. (der Fromme) einen beachtlichen Aufschwung. Die Stadt wächst von 234 Einwohnern im Jahr 1569 auf rund 1.500 im Jahr 1600. Die Wasserburg entwickelt sich zum Residenzschloss mit Raum für Hof und Verwaltung.

1568
Berufung von Christoph Müller aus Kassel zum Hofbaumeister. Erweiterung des Herrenbaus nach Nordwesten. Verstärkung der Wallmauern und Vertiefung des Schlossgrabens.

1589
Die dreigeschossige Kanzlei, der Marstall und das Zeughaus entstehen im Südwesten und Südosten des Schlossbereichs.

1595
Unter dem Hofsteinmetz und fürstlichen Baumeister Kesselhuth entsteht der dreigeschossige Winkelbau des Kirchen- und Kaisersaalbaus im Renaissancestil nach dem Vorbild von Schloss Lichtenberg und Jagdschloss Kranichstein. Über einen offenen Laubengang (Paukergang) wird die Hofkirche mit dem Wohnhaus verbunden. Damit entstand der Kirchenhof, wie er im Wesentlichen noch heute vorhanden ist.

Zeitalter des Barock: Das 17. und 18. Jahrhundert

Landgraf Ludwig VI. baut das Schloss weiter aus. Der Glockenbau entsteht und dafür werden 28 Glocken aus Holland beschafft. Der junge Landgraf Ernst Ludwig tritt die Erbfolge an. Die Stadt wird von den Franzosen besetzt, deshalb wird das Glockenspiel für kurze Zeit nach Frankfurt ausgelagert. Der Architekt Louis Remy de la Fosse gestaltet unter Landgraf Ernst Ludwig das Portal der Schlosskirche neu. Nach dem großen Schlossbrand 1715 wird de la Fosse mit der kompletten Neuplanung des Schlosses beauftragt. Aus finanzellen Gründen wird der Schlossbau abgebrochen. Unter Ludwig IX. herrscht ein strenger Sparkurs, seine Frau Karoline sorgt für eine kulturelle Blüte Darmstadts.

Anfang des 17. Jahrhunderts
Unter Georg II. Umbau der Kanzlei und des Marstalls durch Oberbaumeister Jakob Müller zu einem Dreiflügelbau, der auch das nördliche Brückenhäuschen entwirft.

1661–1678
Landgraf Ludwig VI. baut das Schloss weiter aus. Durch Johann Wilhelm Pfannmüller entsteht auf dem Gelände des 75 Jahre zuvor errichteten Zeughauses der viergeschossige Glockenbau. Für das Glockenspiel im Turm werden 28 Glocken aus Holland beschafft. Südlich des Glockenhofs entsteht eine eingeschossige Galerie mit Terrassendach, der sogenannte „Holländische Bau“.

1678
Landgraf Ernst Ludwig tritt 10-jährig die Erbfolge an. Seine Mutter Elisabeth-Dorothea übernimmt zunächst die Regierungsgeschäfte. Der Prinz-Christians-Bau entsteht und verbindet den „Weißen Saalbau“ mit der Kanzlei. Dazu werden Reste des alten Südwalls abgebrochen.

1663
Besetzung der Stadt durch die Franzosen. Schwere Schäden am Schloss. Das Glockenspiel wird bis 1698 nach Frankfurt ausgelagert.

1705
Landgraf Ernst Ludwig lässt durch Baumeister Plönnies die Schlosskirche grundlegend umgestalten.

Anfang des 18. Jahrhunderts
Der junge Landgraf lernt auf seinen Reisen in Hannover und Kassel den Französischen Architekten Louis Remy de la Fosse kennen. De la Fosse gestaltet das Portal der Schlosskirche neu und erhält weitere Aufträge zum Umbau am Schloss und zum Umbau des alten Reithauses zu einem Opernhaus.

1715 bis 1717
Der große Schlossbrand am 19. Mai 1715 zerstört die Kanzlei und beschädigt die anschließenden Bauten. De la Fosse erhält den Auftrag für eine komplette Neuplanung des Schlosses. Er erstellt eine zunächst zwei-, später dreigeschossige Planung für einen barocken rechteckigen Schlosskomplex mit einer Abmessung von 114 x 130 Metern und einem 75 Meter hohen Turm in der Mitte, für den das gesamte Altschloss hätte abgerissen werden müssen.

um 1725
Das riesige Projekt überfordert die finanziellen Möglichkeiten des Landgrafen. Es wird daher mit dem Bau von lediglich zwei Flügeln des südlichen Blocks mit einer Ausdehnung von 62 x 114 Metern begonnen.

1726
Der Baumeister de la Fosse stirbt. Das Schloss ist im Rohbau fertig gestellt.

1730
Der Schlossbau wird wegen fehlender Mittel eingestellt. Die Fensteröffnungen bleiben zum Teil bis ins 19. Jahrhundert mit Brettern verschalt.

1768
„Sparkurs“ unter Ludwig IX. Die Hofbibliothek, die seit 1678 im obersten Stock des Glockenbaus untergebracht war, zieht in den Marktflügel. Darüber hinaus werden die Schlosswache, das Staatsarchiv und die Garderobe dort untergebracht.

1796
Ludwigs Frau Karoline (Die Große Landgräfin) sorgt für eine kulturelle Blüte Darmstadts. Der Landgraf lässt astronomische Instrumente in der östlichen Pavillonkuppel aufstellen.

Das 19. Jahrhundert

Unter Landgraf Ludwig X. wird das Neuschloss ausgebaut. In dem trocken gelegten Schlossgraben entsteht der botanische Garten. Die Hofbibliothek und die Kabintettsbibliothek werden vereinigt und öffentlich zugänglich. Ludwig II. stellt das Neuschloss fast vollständig der Bibliothek und dem Museum zur Verfügung. Der Neubau erhält einen 35 Meter hohen Turm.

Anfang des 19. Jahrhunderts
Unter Landgraf Ludwig X. (später Großherzog Ludwig I.) wird das Neuschloss nach und nach voll ausgebaut. Im westlichen Hauptgeschoss werden Räume für Musikproben und als Gemäldegalerie eingerichtet.

1810
Georg Moller wird als Hofbaumeister nach Darmstadt berufen.

1812
Moller schlägt in einem ersten Schlossentwurf die klassizistische Überformung des de-la-Fosse-Baus und den Abriss des Altschlosses vor. Die Vorschläge werden von Ludwig I. allerdings nicht genehmigt.

1814
Der Schlossgraben wird trockengelegt. Die Obergeschosse des Neuschlosses erhalten endlich ebenfalls Fenster. Im Schlossgraben entsteht ein botanischer Garten, der 1829 an seine heutige Stelle umzieht.

1817
Die Hofbibliothek wird mit der noch im Glockenbau befindlichen Kabinettsbibliothek vereinigt und in die Osthälfte des Marktflügels verlegt. Die Hofbibliothek ist an fünf Wochentagen öffentlich zugänglich.

1820
Die Sammlungen des Großherzogs werden zu einem Museum vereinigt, das als eines der ersten öffentlichen Museen gilt.

1834 bis 1836
Das Glockenspiel wird um sieben neue Glocken erweitert. Ludwig II. stellt das Neuschloss mit Ausnahme des Erdgeschossbereichs vollständig dem Museum und der Bibliothek zur Verfügung. Östlich der Hofeinfahrt befindet sich die Schlosswache, westlich davon das Hauptstaatsarchiv, nördlich die Hauptstaatskasse.

1877
Seit Ludwig IV. wohnen die Großherzöge im 1863–66 erbauten neuen Palais am Wilhelminenplatz. Das Altschloss wird weiterhin für repräsentative Zwecke und als Gästehaus verwendet.

1896
Durch Baurat Becker wird am Herrenbau der Teepavillon angefügt.

1906
Die stark angewachsenen Sammlungen des Großherzogs Ernst Ludwig ziehen in den Museumsneubau Alfred Messels um. Der Neubau erhält als Reminiszenz an den Entwurf von de la Fosse einen Turm, der jedoch nur 35 Meter hoch ist.

Zwischenkriegszeit und Kriegsjahre

Nach dem ersten Weltkrieg wird Darmstadt Hauptstadt des Volksstaates Hessen und das Schloss geht in Landesbesitz über. Die Sanierung des Neuschlosses schafft die Vorraussetzungen für die Unterbringung von Landesbibliothek und Staatsarchiv. Gegen Ende des zweiten Weltkriegs liegen Schloss und Stadt zu großen Teilen in Schutt und Asche. 1945 richten sich die Amerikaner das Schloss als Hauptquartier ein.

1918
Nach dem Ersten Weltkrieg geht das Schloss in Landesbesitz über. Das Altschloss, dessen Innenausstattung im Besitz des Hauses Hessen bleibt, wird 1924 fast unverändert zum Schlossmuseum. Die Hofkirche wird als „Schlosskirche“ zur Gemeindekirche des Altstadtbezirks. Darmstadt wird Hauptstadt des Volksstaates Hessen.

1925–1935
Im Rahmen der Sanierung des Neuschlosses werden die Voraussetzungen für die langfristige Unterbringung von Landesbibliothek und Staatsarchiv geschaffen. 1932 werden die renovierten Räume an die Landesbibliothek übergeben, 1935 an das Staatsarchiv.

25. 11. 1943
Bei einem Fliegerangriff wird der Glockenbau schwer beschädigt.

11. 09. 1944
Nach dem Bomben- und Feuersturm liegt das Schloss wie der überwiegende Teil der Stadt in Schutt und Asche. Das Schloss brennt vollständig aus. Sogar das flüssige Glockenmetall ergießt sich in die Trümmer. Lediglich die Dächer der in den dreißiger Jahren erneuerten Zwischenbauten des Neuschlosses bleiben erhalten. Der Landesbibliothek gehen 400.000 Bände und damit die Hälfte der Bestände verloren.

1945
Nach der kampflosen Übergabe der Stadt an die Amerikaner richten diese im Schloss vorübergehend ihr Hauptquartier ein. Im Keller des Westflügels nimmt die Landesbibliothek ihre Arbeit wieder auf.

Nach dem Zweiten Weltkrieg

Die Landesbibliothek bezieht einen Lesesaal im Erdgeschoss des Westflügels. Das im Krieg zerstörte Glockenspiel wird mit zunächst nur 21 Glocken wieder in Betrieb genommen. Das Schloss wird weitestgehend wieder aufgebaut, die Landes- und Hochschulbibliothek endgültig fertiggestellt und übergeben. 1966 bezieht die Technische Hochschule den Altschlossbereich.

1946
Das Staatsarchiv kehrt ins Schloss zurück.

1947
Das Wallhaus wird für Wohnzwecke wiederaufgebaut.

1950
Im Oktober bezieht die Landesbibliothek einen provisorischen Lesesaal im Erdgeschoss des Westflügels. Die Darmstädter Bürger sammeln für die Wiederherstellung des Glockenspiels und Glockenturms.

16. 12. 1951
Das eigentlich auf 27 Glocken ausgelegte Glockenspiel erklingt mit 21 neuen Glocken zum ersten Mal nach dem Zweiten Weltkrieg.

1952–1954
Die Kuppeln der Pavillons werden in alter Form neu errichtet. Drei große Magazine in den Zwischenbauten für je 250.000 Bände entstehen.

1955
Das Altschloss verfällt weiter und wird aus Sicherheitsgründen weiträumig abgesperrt. Sogar über den Abriss der Kriegsruine wird diskutiert.

1955/56
Sandstein und Außenputz am de-la-Fosse-Bau werden wiederhergestellt.

1957
Die neugestalteten Lesesäle werden übergeben.

1958 bis 1961
Der Glockenbau wird wieder aufgebaut.

1959
Im Mittelpavillon entsteht über dem großen Lesesaal ein Kammermusiksaal, der bis 1972 auch als Theaterraum genutzt wird.

1960
Das Land Hessen ergänzt die noch fehlenden sechs Glocken des Glockenspiels. Es fällt die Entscheidung, das Altschloss für die Technische Hochschule wieder aufzubauen. Die Mauerreste werden bis auf wenige Teile und Grundmauern abgerissen.

30. 11. 1962
Die Landes- und Hochschulbibliothek wird endgültig fertiggestellt und übergeben.

4. 7. 1965
Eröffnung des Schlossmuseums im Glocken- und Verbindungsbau.

1966
Die Technische Hochschule bezieht den wiederaufgebauten Altschlossbereich.

1967
Die wiederaufgebaute Schlosskirche wird der evangelischen Studentengemeinde übergeben.

1981
Der Heinerfestverein spendet drei weitere Glocken für das Glockenspiel.

1990er Jahre bis heute

Die TU Darmstadt wird offiziell „Schlossbesitzerin" und beginnt mit der Gründungssanierung im Altschlossbereich. Auf der Bastion entsteht eine öffentlich zugängliche Sommergastronomie. Die Universitäts- und Landesbibliothek zieht in den Neubau an der Magdalenenstraße und die TU beginnt mit der Sanierung des Schlosses.

1993
Das Staatsarchiv zieht in den Mollerbau.

1998
Eröffnung des Erweiterungstraktes im Ostflügel und des umgestalteten Lesesaal- und Eingangsbereichs des Landes- und Hochschulbibliothek.

2005
Im Rahmen der Autonomie in Grundstücks- und Bauangelegenheiten wird die Technische Universität Darmstadt offiziell „Schlossbesitzerin“.

2006
Die Kosten der Schloss-Sanierung werden auf 41 Mio. Euro geschätzt. Das Land sagt 30 Mio. Euro Kostenbeteiligung zu.

2007
Die Schlossgrabenbrücke, ein Experimentalbau mit tragenden Plexiglas-Bauteilen auf der Ostseite, wird eingeweiht (2011 wieder demontiert).

2008
Die TU Darmstadt beginnt mit der Gründungssanierung im Altschlossbereich.

2009
Studentenwettbewerb zur Gestaltung der Schlosskirche mit anschließender Ausstellung.

2010
Das 1. Polizeirevier zieht in den Justizneubau in die Bismarckstraße. Auf der Bastion entsteht mit dem Schlossgarten eine öffentlich zugängliche Sommergastronomie. Die Technische Universität beginnt mit der Sanierung des Wallhauses und des Glockenspiels.

2012
Die Universitäts- und Landesbibliothek zieht in den Neubau an der Magdalenenstraße.

2013
Die TU Darmstadt beginnt mit der Sanierung des Schlosses.

csi