hellwach!

hellwach! an die Uni

Bei ihrem Wissenschaftstag zeigt die TU Darmstadt, was in ihr steckt

Forschenden über die Schulter schauen, Experten nach ihrer Meinung fragen, verborgene Orte erforschen: Zu all dem lud die TU Darmstadt bei ihrem Wissenschaftstag hellwach! am Sonntag ein. Und einige Tausend Wissenshungrige nahmen die Einladung begeistert an und bevölkerten die TU-Standorte Stadtmitte und Lichtwiese. Ein Rückblick.

 

Liebe Besucherinnen und Besucher,

vielen Dank an alle, die bei unserer Umfrage zum Wissenschaftstag „hellwach!“ mitgemacht haben. Der Gewinnerin der Auslosung wünschen wir einen entspannten Wochenend-Aufenthalt in der Kurpfalz!

 

Die ganze Vielfalt von hellwach! – eingefangen in kurzen Texten:

Unter Spannung

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Selten so eine unentspannte Fahrgemeinschaft erlebt. Fünf Leute sitzen in einer Oberklasselimousine, ich in der Mitte der Rückbank, den Puls bei 200, die Ohren fest zugehalten, den entschlossenen Blick durch die Windschutzscheibe starr auf zwei Dutzend Menschen gerichtet, die ebenfalls die Finger in den Ohren haben und zurückstarren.

Gleich wird ein Blitz ins Dach des Audis schlagen, hier in der Hochspannungshalle am Fachbereich Elektrotechnik und Informationstechnik. Wie wir zuvor bereits erlebt haben, ist das mit einem ohrenbetäubend lauten, hellen Krachen verbunden. Was man hoffentlich am Steuer nie erleben wird, ist hier Alltag. Lackschäden auf dem Dach des Audis zeugen von zahlreichen Experimenten, Einschlägen und Lichtbögen, denen er schon ausgesetzt war.

Im Rahmen einer „aufgeschlossen“-Führung hat vor unserem Selbstversuch Professor Volker Hinrichsen, Fachgebiet Hochspannungstechnik, der Gruppe die Anlagen in der Halle vorgestellt: Wechselspannungsquellen, die bis zu 1,2 Millionen Volt erzeugen, ein Stoßspannungsgenerator („Marx-Generator“), der bis zu 3,2 Millionen Volt bereitstellen kann. Die Widerstände, die unter der Decke hängen, sind meterlang – alles so gigantisch dimensioniert wie die Spannungen und Stromstärken, mit denen hier gearbeitet wird.

„Diese Einrichtung ist weltweit ziemlich einmalig“, sagt Hinrichsen. „Alles, was ich hier heute mache, dürfen Sie auch“, ermuntert er, und die Gruppe gibt ihren respektvollen Abstand auf. Zaghaft streicheln einige die blank polierten Kugeln des Marx-Generators. Für Wissenschaft zum Anfassen steht heute auch der Audi hier, der wie jedes Auto ein Faradayscher Käfig ist und damit auch stärkste Ströme ableitet und die Insassen schützt. „Im Auto sind Sie bei Gewitter traumhaft sicher“, sagt Hinrichsen. Das weiß auch die Fahrgemeinschaft. Trotzdem ziehen sich die Sekunden bis zum Einschlag. Es knallt.

Mit 1000 Ampere, 2,4 Millionen Volt und deutlich leiser und unspektakulärer als für die Zuschauer vor der Motorhaube. Die Fahrgemeinschaft verlässt stolz den Wagen. Einmal einen Blitzschlag erleben, ganz ohne Lebensgefahr. Danke, Mr. Faraday.

Silke Paradowski

Leerer Bauch studiert nicht gern – die Mensa

Bild: Nadia Rückert
Bild: Nadia Rückert

Ins Herz der Mensa kommt nur, wer sich vorher den Hygienevorschriften entsprechend verpackt. Gut zwei Dutzend Teilnehmerinnen und Teilnehmer einer „aufgeschlossen“-Führung werfen sich in Plastikkittel, Haarschutz und Schuh-Überzieher und folgen Abteilungsleiter Jörg Theile in die Welt jenseits der Auslagen und Tablett-Stapel.

Im Durchschnitt 3500 Essen werden hier in der Innenstadt-Mensa pro Tag zubereitet – „was wir selber machen können, machen wir selber“ –, in 150-Liter-Töpfen und schrankgroßen Backöfen, mit Schneeschaufel-artigen Rührlöffeln, das ganze auf verblüffend engem Raum, um zur Stoßzeit die Schar der Hungrigen zu bedienen. Beeindruckend auch die Jahresmengen: rund 93 Tonnen Pommes frites, 16 Tonnen Reis, 21 Tonnen Tomaten, 96.000 Liter H-Milch und 74.400 Knusperschnitzel orderte und verbrauchte das Studierendenwerk 2015. Beim Abwasch macht eine Spülmaschine kurzen Prozess mit bis zu 60.000 Besteckteilen pro Stunde.

Silke Paradowski

Operieren mit Gefühl

Bild: Jan-Christoph Hartung
Bild: Jan-Christoph Hartung

Geschwisterstreit ums Gummibärchen: Bruder und Schwester versuchen um die Wette, mit gängigen endoskopischen Instrumenten die Süßigkeit aus dem Bauch eines Plastikpatienten zu angeln, die Beute fest im Blick, den die Staboptik auf dem Monitor gewährt. Ähnlich – sieht man von den Gummibären ab – sind die Bedingungen in der minimalinvasiven Chirurgie.

Die Nachwuchsforscher an einer der 15 Forschungsstationen im karo 5 merken schnell: gar nicht so einfach. Hilfe kommt aus der Wissenschaft: Direkt neben dem Versuchsaufbau zeigt das Institut für Elektromechanische Konstruktionen seinen ferngesteuerten Operationsroboter, den ab August Tübinger Ärzte testen können. Das Gerät erlaubt weitere Bewegungen als herkömmliche Instrumente und ermöglicht mit haptischem Feedback das präzise, gefühlvolle, schonende und entspannte Operieren.

Silke Paradowski

Der Natur auf der Spur

Bild: Gregor Rynkowski
Bild: Gregor Rynkowski

Wie das Wasser die Blume raufkommt? Puh, gar nicht so einfach – ist aber Teil der Aufgaben, wenn man als kleiner Nachwuchswissenschaftler am Ende des „aufgeweckt“-Kinderparcours „Der Natur auf der Spur“ des Fachbereichs Biologie sein Zertifikat in den Händen halten möchte. Zu lesen ist darauf: „Wissenschaftlich bestätigter Kompetenzerwerb in den Bereichen Labormethodik, Mikroskopie, Zoologie und Botanik“ – kein Wunder also, dass der Ehrgeiz der jungen Teilnehmerinnen und Teilnehmer geweckt ist.

Dass das Wasser irgendwie seinen Weg nach oben schafft, beweisen weiße Blumen auf einem Tisch im Historischen Maschinenhaus, die in farbiger Tinte stehen – und siehe da: Auch die Blüte färbt sich. Die kreativste Vermutung aus der Runde, wie die Flüssigkeit den Aufstieg schafft: „Das ist so, als würde das Wasser Räuberleiter machen!“

Bettina Bastian

So kann Energiewende gelingen

Bild: Jan-Christoph Hartung
Bild: Jan-Christoph Hartung

Kommunal- wie Bundespolitiker, die mit Energiefragen befasst sind, hätten sich bei „hellwach“ strategische Ratschläge holen können, hätten aber auch Kritik einstecken müssen: So wurde munter debattiert, warum etwa Gaskraftwerke, die eigentlich „sauber“ und hocheffizient arbeiten, dennoch ein ökonomisches Desaster erlebten. Klar wurde, dass den Speichertechnologien als „Zukunfts- und Schlüsseltechnologien“ besondere Aufmerksamkeit gebührt, weil sie die regenerativ erzeugte und beispielsweise in flüssige Brennstoffe wie Methanol umgewandelte Energie je nach Bedarf der Kunden vorhalten und abgeben.

Die TU liefert wertvolle Beiträge zur Energiewende: In der ETA-Fabrik wird gezeigt, wie Energieflüsse intelligent gesteuert werden können. Und ganz praktisch und modellhaft werden ältere Wohnsiedlungen preisgünstig und effektiv saniert, so dass künftig die Bewohner eine Menge Energie einsparen.

Die Runde endete mit einem Appell: Energiewende benötigt gesellschaftliche Akzeptanz – mehr Teilhabe, Realitätsbewusstsein und Konsens, weniger Sankt-Florians-Prinzip und überzogene Erwartungen.

Jörg Feuck

Abgehoben

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„Haben wir uns wirklich nicht bewegt?“ Die beiden Jungs im Teenageralter strahlen. Soeben sind sie mit einer zweisitzigen DA 40-180 geflogen – gut, nur im Simulator am Fachbereich Maschinenbau. Doch der Reaktion der beiden nach ist das Realitätsgefühl erstaunlich. Der Aufbau ist aber auch beeindruckend: Kernstück ist ein abgeschnittenes Cockpit mit allen Steuerelementen.

Hier nehmen schon die nächsten Trocken-Piloten Platz und schauen durch das Cockpit-Fenster auf eine gebogene Leinwand. Dort rauscht die simulierte Landschaft vorbei. Es wird im Rhein-Main-Gebiet „geflogen“, somit kann jeder der umstehenden Führungsteilnehmer etwas zum angepeilten Flugziel beitragen. Nach Offenbach? Kommt nicht so gut an. Groß-Gerau ist aber auch nicht ideal. Egal, Hauptsache der Flieger kommt erst mal in die Luft. Das ist wohl nicht ganz einfach, nach einem Überschlag kracht das eben gestartete Flugzeug wieder senkrecht in den Flughafen. Kein Problem – war ja nur simuliert.

Paul Glogowski

Schätze bewahren

Bild: Nadia Rückert
Bild: Nadia Rückert

In der ULB nagt der Zahn der Zeit. Auch unter besten Bedingungen altern die historischen Bestände unaufhaltsam, erklärt Kirstin Schellhaas, Leiterin der Restaurierwerkstatt, den Gästen der Führung „Buchschätze bewahren“. Dem treten die Expertinnen und Experten der Werkstatt mit Pinsel und Hausenblasenleim, mit säurefreien Aufbewahrungsmaterialien, erprobten, möglichst reversiblen Methoden und Restaurierungskonzepten gegenüber. „Unser Auftrag ist, unsere Bestände heute zur Verfügung zu stellen und für folgende Generationen zu bewahren.“

Wie das aussehen kann, zeigt ihr Kollege Rui Linnartz in der Karten- und Grafikrestaurierung. Neben tausenden alter Bücher beherbergt die ULB auch rund 130.000 alte Drucke und 37.000 Karten, teils handgezeichnet, teils zurückzudatieren bis ins 16. Jahrhundert.

Linnartz zeigt eine Stadtansicht von Konstantinopel aus dem Jahr 1806. Fotos haben den vormals bedauernswerten Zustand des großformatigen Drucks festgehalten: Nach hinten umgeknickte Eselsohren, Wasserflecken, Schäden an den Rändern. Heute sind diese kaum noch zu erahnen, und auch das Papier hat Stabilität zurückgewonnen – für die nächsten Nutzergenerationen, die mit den Augen ins historische Konstantinopel reisen möchten.

Silke Paradowski

Großes Rad gedreht

Bild: Patrick Bal
Bild: Patrick Bal

Es riecht nach Gummi und Autowerkstatt. Tatsächlich ist hier auf dem Campus Lichtwiese das Pkw- und Lkw-Reifentestlabor der Materialprüfungsanstalt und des Instituts für Werkstoffkunde. Der ADAC zum Beispiel ist hier Dauerkunde. Herzstück des Prüfstandes ist die wuchtige, im Durchmesser zwei Meter große Stahltrommel, die per Mausklick auf Touren gebracht wird. Ein vormontierter Lastwagenreifen wird automatisch und mit dosierter Anpresskraft auf die Walze gedrückt, der Schnell-Lauftest nimmt Fahrt auf. Ein Blick auf den Monitor verrät, an welchen Stellen der Reifen – diese Mischung aus Gummi, Stahldrähten und Textilfasern – immer heißer wird. Die Besucher und Besucherinnen sind beeindruckt: Forschung ganz konkret, für die persönliche Sicherheit im Straßenverkehr.

Jörg Feuck

Turbomaschine im Fokus

Bild: Patrick Bal
Bild: Patrick Bal

In etwa zehn Minuten beginnt die Führung. Bereits jetzt steht am Infostand des Fachgebiets Gasturbinen, Luft- und Raumfahrtantriebe eine ansehnliche Zahl wissbegieriger Besucherinnen und Besucher. Die jüngeren von ihnen haben sich um ein informatives Plakat versammelt, das den Aufbau eines Strahltriebwerks zeigt. Das ist auch das Thema der Führung: die Turbomaschine im Forschungsfokus. Für mich ist das fachlich eher Neuland, für die jungen Besucher aber scheinbar weniger, wie ich aus der lebhaften Diskussion mit einem der Mitarbeiter am Stand entnehme.

Die Führung scheint ausgebucht zu sein. Und so ist es. Punkt 13:10 Uhr geht es los. Johannes Bühler, wissenschaftlicher Mitarbeiter am Fachgebiet, führt uns zum Gebäude des Fachbereichs Maschinenbau. Von dort geht es an dann weiter durch ein Labyrinth von Forschungshallen, Garagen und anderen Gebäuden. Ohne ortskundigen Führer wäre ich hier verloren.

Vorne an der Spitze der Gruppe laufen die jungen Besucher neben Johannes Bühler und stellen kluge Fragen; zum Beispiel, ob für eine schnelle Beschleunigung kleinere Triebwerke besser als größere geeignet seien.

Dann haben wir unser Ziel erreicht und stehen im Vorraum der Labore des Fachgebiets. Anhand eines dort ausgestellten Strahltriebwerks erklärt uns Johannes Bühler anschaulich die Funktionsweise und den Aufbau der Turbomaschine: Ansaugen – Verdichten – Verbrennen – Ausstoßen. Nun habe auch ich die Grundprinzipien ein wenig besser verstanden. Wir erfahren, dass das Fachgebiet auf die Weiterentwicklung und Erprobung von Teilkomponenten der Turbomaschine spezialisiert ist. Hierzu betreibt das Fachgebiet mehrere Modellprüfstände, die uns gezeigt und erklärt werden. Diese sind von ihrer Größe wahrlich beeindruckend. Maschinen, Kabel und Messaufbauten soweit das Auge reicht. Mit unterschiedlichen am Fachgebiet speziell entwickelten Messtechniken können dort Teilkomponenten wie Verdichter oder Turbine gezielt untersucht werden. Johannes Bühler stellt einige Messtechniken vor, es wird gefragt und diskutiert. Und dann sind die 60 Minuten auch schon wie im Flug herum. Mit neuem Wissen gehe ich zurück zum Hörsaal- und Medienzentrum.

Patrick Bal

Mit der Universität verbunden

Bild: Gregor Rynkowski
Bild: Gregor Rynkowski

Zum diesjährigen zentralen Get-together der Alumni der TU Darmstadt kamen am Sonntag mehr als hundert Ehemalige im Herrngartencafé zusammen. Nach einem Brunch und vielerlei Gesprächen starteten sie ihre Erkundungen auf dem Campus der Universität, die den Wissenschaftstag „hellwach!“ mit einem umfangreichen Programm ausgerufen hatte. Dabei sammelten sie viele neue Eindrücke, wie sich ihre Universität seit ihrer Studienzeit entwickelt hat.

Außerdem lud die TU-Vizepräsidentin Professorin Mira Mezini alle Ehemaligen ein, ihre Verbundenheit mit ihrer Universität auf besondere Weise zu zeigen: So waren Alumni die ersten, die für die Sanierung der Sandsteinskulptur Fides (lat. Treue) am Darmstädter Schloss spendeten, das die TU Darmstadt zurzeit saniert. Von den benötigten 7.400 Euro kamen bereits 500 Euro als Initialspende während des Brunchs zusammen.

Weitere Spenden werden erbeten.

Mareile Vogler / Inken Bergenthun

Fahren ohne Führerschein

Bild: Patrick Bal
Bild: Patrick Bal

Vor uns das Bild einer virtuellen Straße in einer künstlich modellierten Innenstadt, eingespeist über Hochleistungsbeamer und projiziert auf eine riesige Leinwand. Dazu die Karosserie eines Autos mit Displays und einem mobilen Bildschirm in Reichweite des Fahrers – und los geht die Testfahrt im Fahrsimulator im Institut für Arbeitswissenschaft.

Der Clou der Forscher: Automatisiertes Lenken durch Fingergesten auf dem Touchpad, Abbiegen per „Wisch“ mit dem Finger. Autofahren soll bequemer und entspannter werden. Andere Fachgebiete erforschen das Zusammenspiel mit Außensensoren, die sicherheitsrelevante Informationen sammeln und die Verkehrsumgebung beobachten.

Jörg Feuck

So sah das Darmstädter Echo „hellwach“

„TU: Blick hinter die Kulissen“, so lautet die Überschrift des Aufmachers auf Seite 1 des Darmstädter Echo vom heutigen Montag. Und auch im Innenteil sind der Wissenschaftstag und das „große Publikumsinteresse“ Thema einer Seite.

Ausführlich wird berichtet über die Podiumsdiskussion „Sicher und vertrauenswürdig – in den Informationstechnologien ein naiver Wunsch?“ Und in einem begleitenden Kommentar mit der Überschrift „Stolz der Stadt“ heißt es, die TU trage mit ihrer Veranstaltung zu „Transparenz und Verständnis“ bei. „Hier wird Neugierde geweckt und gestillt…“ Die „Leistungsschau“ sei berechtigt und habe sich gelohnt. Zum Artikel