lebensläufe

„Stolpersteine“ für im Nationalsozialismus entlassene Wissenschaftler – Lebensläufe

Die Technische Universität Darmstadt gedenkt am 15. März mit der Verlegung von „Stolpersteinen“ sechs ehemaliger Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler, die zwischen 1933 und 1935 aus der TH Darmstadt entlassen und verdrängt wurden:

DR. HANS BAERWALD
JG. 1880
BERUFSVERBOT 1933
VERHAFTET 1938
BUCHENWALD
FLUCHT 1939
SCHOTTLAND
ÜBERLEBT

Hans Baerwald wurde am 28.11.1880 in Berlin geboren und protestantisch getauft. Er studierte von 1900 bis 1904 in Berlin-Charlottenburg und München (Dipl.-Ing.) und danach von 1904 bis 1906 in Freiburg (Dr. phil.). Ab 1911 arbeitete er als Assistent am Physikalischen Institut der TH Darmstadt, wo er sich 1912 habilitierte und zum Privatdozenten ernannt wurde. Er nahm am 1. Weltkrieg teil. Baerwald war mit einer nichtjüdischen Frau verheiratet. 1920 wurde ihm der Professoren-Titel verliehen, ab 1922 war er apl. Prof. und seit 1930 außerordentlicher Professor der Theoretischen Physik. Am 22.7.1933 wurde er entlassen; am 29.1.1934 wurde die Entlassung in eine Versetzung in den Ruhestand umgewandelt. Im Jahre 1936 oder 1937 wurde er wegen der Beschäftigung eines „arischen“ Dienstmädchens nach den „Nürnberger Rassegesetzen“ zu acht Monaten Gefängnis verurteilt. 1938 musste er einige Wochen im KZ Buchenwald verbringen. Er wurde dann (aufgrund des Bemühens von Hans Rau) mit der Auflage entlassen, „energisch seine Auswanderung zu betreiben“ (Brief von Gerhard Herzberg an Clara Stern vom 14.2.1939). 1938 begann er an der Universität Aberdeen zu arbeiten; 1939 emigrierte er. Seien Frau Ella geb. Fiebrand musste in Darmstadt zurückbleiben. 1941-1942 arbeitete er wieder an der Universität Aberdeen und 1942-1943 als Lecturer im Department of Physics in Cardiff. Am 24.8.1946 starb er in Hitchin, England.

Evenari1977
Michael Evenarí 1977. Bild: privat / TU Darmstadt

DR. WALTER SCHWARZ
JG. 1904
BERUFSVERBOT 1933
FLUCHT 1933
PALÄSTINA
DR. MICHAEL EVENARI
ÜBERLEBT

Walter Schwarz wurde am 9.10.1904 in Metz/Frankreich geboren. Da sich seine (jüdischen) Eltern 1919 zu Deutschland bekannten, wurden sie enteignet und übersiedelten in die Nähe von Marburg. Sein älterer Bruder war im Weltkrieg auf deutscher Seite gefallen. Im Jahre 1923 nahm Schwarz das Studium der Botanik in Frankfurt auf, wo er 1926 eine Dissertationsschrift zum Thema „Die Blattentwicklung von Ligustrum vulgare und Plectranthus fruticosum und die Theorie der Periklinalchimären“ vorlegte, die mit summa cum laude bewertet wurde. Danach wirkte er auf Assistentenstellen Frankfurt a.M. (1927) und Prag (1928-30), bevor er 1930 an das Botanische Institut der Technischen Hochschule Darmstadt wechselte. Die Habilitationsschrift von Walter Schwarz mit dem Titel „Die Strukturänderungen sprossloser Blattstecklinge und ihre Ursachen“ wurde 1933 veröffentlicht. Nachdem Schwarz im Februar 1933 seine Probevorlesung gehalten hatte, arbeitete er weiter als Privatdozent, bis er am 1.4.1933 (dem „Boykott-Samstag“) fristlos entlassen wurde, weil er Jude war. Er entschloss sich gleich danach zur Emigration nach Palästina und verließ Deutschland noch im April 1933 mit seiner ersten Frau Alice, geb. Ollendorf. In Palästina nahm er den Namen Michael Evenarí an.

Sein wissenschaftliches OEuvre weist drei Schwerpunkte auf: 1.) Überleben von Pflanzen an ihren natürlichen Standorten, 2.) Keimungsphysiologie und 3.) die Rekonstruktion und der Wiederaufbau von Sturzwasserfarmen in der Negev-Wüste. Mit letztgenannten Forschungen, auf archäologisch-experimenteller Grundlage, leistete er einen wesentlichen Beitrag zur modernen israelischen Wüstenlandwirtschaft.

StephanGradstein
Stephan Gradstein. Bild: privat / TU Darmstadt

STEPHAN GRADSTEIN
JG. 1909
BERUFSVERBOT 1933
FLUCHT
HOLLAND
ÜBERLEBT

Stephan Gradstein wurde am 28.7.1909 in Berlin als Sohn polnisch-jüdischer Eltern geboren. Ab Herbst 1928 studierte er Physik an der TH Darmstadt und bestand die Diplomprüfung in der Technischen Physik am 15. Dezember 1932 mit Auszeichnung (Herzberg bezeichnete ihn als seinen besten Studenten.) Er erhielt den Grad eines Diplom-Ingenieurs. Im Jahr 1933 wurde er entlassen und arbeitete danach (durch Herzbergs Empfehlung) zunächst für drei Monate als Redakteur bei der monatlich erscheinenden Zeitschrift „Der Naturforscher“, bis man ihn auch dort aus Furcht vor wirtschaftlichen Repressionen durch das nationalsozialistische Regime entließ. Er emigrierte noch 1933 in die Niederlande und arbeitete bei der Firma Philips in Eindhoven. 1938 heiratete er Jacoba Dorothea Verloop, und durch die Hilfe ihrer Eltern – sie versteckten ihn – überlebte er den Krieg. Nach 1945 wurde er wieder bei Philips eingestellt, wo er eine technische Zeitschrift herausgab. Er starb am 21. 09.1970.

Gerhardbeforemarriage
Gerhard Herzberg vor der Hochzeit. Bild: privat / TU Darmstadt

DR. GERHARD HERZBERG
JG. 1904
BERUFSVERBOT 1935
FLUCHT 1935
KANADA
ÜBERLEBT

Herzberg, am 25.12.1904 in Hamburg geboren, war nicht jüdisch. Von 1924 bis 1928 studierte er an der TH Darmstadt, wo er 1927 seine Diplomprüfung ablegte und 1928 zum Dr. Ing. in der Physik promoviert wurde. 1928-1929 arbeitete er in Göttingen. Dort lernte er die jüdische Physikstudentin Luise Oettinger kennen, die er am 29.12.1930 heiratete. 1929-1930 war er in Bristol und von 1930 bis 1935 Assistent und Privatdozent an der TH Darmstadt. Nach 1933 wurde ihm die Lehrbefugnis entzogen und angekündigt, dass seine Stelle an der TH nicht verlängert würde. Im August 1935 emigrierte er mit seiner Frau nach Saskatoon, Kanada und bekam dort eine Professur. Ab 1945 arbeitete er in Chicago und ab 1948 in Ottawa. 1971 erhielt er den Nobelpreis für Chemie für seine Arbeiten zur elektronischen Struktur von Molekülen, speziell der freien Radikale. Er starb am 3.3.1999 in Ottawa.

Luise Herzberg. Bild: privat
Luise Herzberg. Bild: privat / TU Darmstadt

DR. LUISE HERZBERG
GEB. OETTINGER
JG. 1906
BERUFSVERBOT 1933
FLUCHT 1935
KANADA
ÜBERLEBT

Luise Oettinger wurde1906 in Nürnberg geboren. Sie studierte Physik in Göttingen, unter anderem bei James Franck. Am 29.12.1930 heiratete sie Gerhard Herzberg. Sie führte die Laborexperimente zu ihrer Doktorarbeit (in Physik) bei ihrem Ehemann an der TH Darmstadt durch, konnte aber aus formalen Gründen hier nicht promovieren, weil sie ihr Diplom nicht in Darmstadt erworben hatte. Deshalb legte sie ihre mündliche Prüfung am 29.5.1933 an der Universität Frankfurt am Main ab. 1933 wurden die Ergebnisse ihrer Doktorarbeit in der Zeitschrift für Physik publiziert: „Über ein neues Bandensystem des Berylliumoxyds und die Struktur des Be O-Moleküls“. 1935 emigrierte sie mit ihrem Mann Gerhard Herzberg nach Kanada. Direkt nach ihrer Ankunft in Saskatoon arbeitete sie wissenschaftlich und veröffentlichte ihre Ergebnisse. Ihr Sohn Paul wurde 1936 geboren, ihre Tochter Agnes 1938. Sehr viel später, Ende der 50er Jahre, nahm sie in Ottawa ihre Arbeit als Astrophysikerin in der Grundlagenwissenschaft wieder auf. Sie starb am 3.6.1971, nur wenige Monate vor ihrer Pensionierung.

Ihre Hauptinteressen waren die Spektroskopie der Sonne und photochemische Prozesse in der oberen Atmosphäre aufgrund der Sonnenaktivität. Insgesamt publizierte sie 33 wissenschaftliche Arbeiten.

KurtLion
Kurt Lion. Bild: privat / TU Darmstadt

DR. KURT LION
JG. 1904
BERUFSVERBOT 1933
FLUCHT 1935
USA
ÜBERLEBT

Kurt Lion wurde am 17.5.1904 in Kassel geboren. Ab Herbst 1923 studierte er an der TH Darmstadt (Dipl.-Ing. 1928) und arbeitete 1928-1933 als Assistent in der Gruppe von Hans Rau. Seine Promotion in Physik schloss er im Dezember 1932 mit summa cum laude ab. Zum 30.6.1933 (seine Bezüge bekam er noch 3 Monate länger) wurde ihm gekündigt, weil er Jude war, und er musste sich eine neue Stelle suchen. 1935 heiratete er Elsa Strauß. Nach zwei Jahren Arbeit in einem privaten Labor in Frankfurt a. M. emigrierte Lion im August 1935 nach Istanbul, wo er durch die Vermittlung von Prof. Friedrich Dessauer (früher: Frankfurt) eine auf zwei Jahre befristete Stelle an der Universität bekam. Ab 1937 arbeitete er in Fribourg/Schweiz. Die dortige (katholische) Universität lehnte 1940 seine Habilitation aus „weltanschaulichen“ Gründen ab. Von 1941 an arbeitete er in den USA am M.I.T., wo er später eine Professur für Angewandte Biophysik bekam. Lion starb am 27.2.1980 in Watertown, Mass.

MI-Nr. 11a/2010, csi