Der Barde und das Bilsenkraut

10.06.2016

Der Barde und das Bilsenkraut

„Garten = Theater – Pflanzen in Shakespeares Welt“ im Botanischen Garten

Vom 10. bis 19. Juni 2016 findet zum dreizehnten Mal die „Woche der Botanischen Gärten“ statt. Das dem Shakespeare-Jahr 2016 – vor 400 Jahren ist der große Dramatiker gestorben – angemessene Thema lautet: „Garten=Theater – Pflanzen in Shakespares Welt“. Im Botanischen Garten der TU Darmstadt gibt es neben Shakespeares Pflanzen auch eine Ausstellung und einen Vortrag.

Ausstellungstafel im Botanischen Garten. Bild: Claus Völker
Bild: Claus Völker

Was haben Bilsenkraut, Meerfenchel oder das duftende Geißblatt mit William Shakespeare zu tun? Nicht nur Edelleute, Intrigen oder schöne Frauen spielen eine wichtige Rolle in „Hamlet“, im „Sommernachtstraum“ oder „König Lear“, sondern auch die Botanik und ihre Bedeutung. Der englische Dramatiker war ein ausgesprochener Pflanzenkenner.

Stefan Schneckenburger, Leiter des Botanischen Gartens der TU Darmstadt, hat dem Dichter und seinem Pflanzenwissen zu dessen 400. Todesjahr eine ganze Ausstellung gewidmet. „Garten = Theater – Pflanzen in Shakespeares Welt“ heißt die Schau des Verbandes Botanischer Gärten, die durch 28 Anlagen in ganz Deutschland tourt und vom 10. bis 19. Juni – begleitet von Führungen und Vorträgen – auch in Darmstadt zu sehen ist.

Herr Schneckenburger, was hat Sie zu dem Thema der Ausstellung bewogen? Sind Sie ein Shakespeare-Fan?

PD Dr. Stefan Schneckenburger: Literatur und Botanik haben mich immer interessiert. Ich habe schon Ausstellungen über Goethes Pflanzenliebe und Botanik konzipiert oder auch literarische Führungen zu Eduard Mörike oder Friedrich Schiller im Botanischen Garten angeboten. An William Shakespeare kommt man bei diesem Thema einfach nicht vorbei. Seine Stücke sind voll von botanischen Hinweisen oder Pflanzenbeschreibungen.

Mein Vater schenkte mir als ich Jugendlicher war eine Schallplatte mit einer Hamlet-Vertonung. Hamlets Vater wird mit Bilsenkraut ermordet, das habe ich immer noch im Ohr. Schon vor ein paar Jahren – zum 450. Geburtstag von Shakespeare – hatte ich eine solche Ausstellung im Sinn, kam dann aber nicht dazu, weil unser Botanischer Garten selbst 200. Jubiläum feierte. Als aber nun der 400. Todestag sich näherte, wollte ich unbedingt das Thema umsetzen.

Stefan Schneckenburger vor einem Rosenstrauch. Bild: Claus Völker
PD Dr. Stefan Schneckenburger. Bild: Claus Völker

Haben Sie dafür alle Dramen von Macbeth bis Julia und Romeo botanisch durchforstet?

Ich habe die Ausstellung zweieinhalb Jahre vorbereitet. Dafür habe ich unter anderem das 1400 Seiten starke „Kräuterbuch“ von John Gerard genutzt, das dieser 1597 schrieb und das auch Shakespeare gekannt haben muss. Und natürlich habe ich sehr viel von Shakespeare gelesen – in Deutsch und Englisch.

Im Original ist des Dichters Sprache sehr viel drastischer und derber, als in so mancher Übersetzung. Shakespeare konnte sehr lyrisch die hohe Liebe preisen, aber auch sehr deftige Zoten reißen. In „Romeo und Julia“ etwa ist die Rede von Romeos „Birne von Poperinghe“, gemeint ist eine alte Birnensorte, deren Form sehr an das männliche Geschlechtsteil erinnert. Und bei Julias „Mispel“ – wenn man bedenkt, dass die im Südwesten lokal „Hundsärsche“ heißen – weiß man auch, was da gemeint ist.

Seine Stücke waren Volkskunst. Im „Globe Theatre“, seinem Theater in London, ging es heftig zu. Theater waren damals Remmidemmi-Buden. In manchen von Shakespeares Dramen sind am Ende 80 Prozent der Akteure tot. Pflanzen verwendete der Dichter als Symbol für Sexualität, Liebe, als Stimmungsmacher, als Kulisse, Zierpflanze und Alltagsgegenstand.

Sein Publikum muss sich mit Pflanzen ebenso ausgekannt haben wie er?

Ja, das ist das Spannende. Die Menschen verstanden Shakespeares Pflanzensymbolik, sonst wären viele seiner Anspielungen oder Darstellungen ins Leere gelaufen. Gärten und Pflanzen spielten eine große Rolle. Der Garten ist in Shakespears Stücken das Symbol für den Staat. Hamlet wird im Garten ermordet und der Staat stirbt. „Es ist was faul im Staate Dänemark…“

Die Landschaft sah zu des Dichters Zeiten anders aus, war kleinteiliger. Es gab viele kleine Äcker. Wenn die Rede ist von Entengrütze oder Wasserlinsen, hatten die Zuschauer eine Landschaft mit Teich vor den Toren der Stadt vor Augen. Wenn König Lear eine Krone aus Kletten und Taumel-Lolch trägt, wussten die Menschen, dass das Getreideunkraut Schwindel verursacht, Sehstörungen und Halluzinationen. König Lear war der taumelnde, blinde Herrscher.

In einer zentralen Szene spricht Lears Sohn vom Meerfenchel. Auf den Klippen will der alte König Selbstmord begehen. Meerfenchel war damals ein beliebtes Gemüse, und dem Publikum war bekannt, dass er nur an den Klippen von Dover zu finden ist. Heute muss man Shakespeare dagegen kommentiert lesen, sonst sind viele Hintergründe für uns einfach zu weit entfernt.

Ist das auch der Ansatz Ihrer Ausstellung?

Ich wollte altes Wissen reaktivieren und moderne Botanik in die Ausstellung bringen. Der Garten ist nicht nur für Botaniker da. Wenn es mir gelingt, Theater-Freunde in den Garten zu holen, sie zu begeistern und Shakespeares Welt verständlicher zu machen, dann ist viel erreicht.

Die Ausstellungstafeln stehen in der Nähe der beschriebenen Theaterpflanzen, neben Eibe, Rosen oder Wasserlinsen. Wir erklären und präsentieren das lebendige Objekt, das ist viel anschaulicher als ein Bild im Internet.

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