Wie die Stadt, so der Mensch

24.06.2013

Wie die Stadt, so der Mensch

LOEWE-Schwerpunkt „Eigenlogik der Städte“ präsentiert Forschungsbilanz

Berlin ist arm, aber sexy, Hamburg bürgerlich unterkühlt, Darmstadt phlegmatisch. Der LOEWE-Schwerpunkt „Eigenlogik der Städte“ an der TU Darmstadt erforschte solche Spezifika systematisch. Martina Löw, Professorin für Stadt- und Raumsoziologie und Begründerin des Forschungsschwerpunktes, zieht nach fünf Jahren eine Bilanz der Forschungen.

Luisenplatz, Darmstadt, in der Abenddämmerung. Bild: Andreas Arnold
Welche „Eigenlogik“ hat Darmstadt? Forscher des LOEWE-Schwerpunkts „Eigenlogik der Städte“ haben dies untersucht. Bild: Andreas Arnold

Die Finanzierung des LOEWE-Schwerpunktes „Eigenlogik der Städte“ an der TU Darmstadt läuft im Juni 2013 nach fünfjähriger Laufzeit aus. Im Rahmen einer Abschlusskonferenz am 20. Juni 2013 blickten Professorin Martina Löw, Sprecherin des LOEWE-Schwerpunktes, und die am Schwerpunkt beteiligten Wissenschaftler auf die Ergebnisse der Forschungen zurück.

Frau Löw, was hat der LOEWE-Schwerpunkt „Eigenlogik der Städte“ in fünf Jahren erreicht und welche zentralen Fragen sind noch offen?

Über den LOEWE-Schwerpunkt wurden 15 neue Forschungsprojekte allein bei der Deutschen Forschungsgemeinschaft DFG für die TU Darmstadt eingeworben. Die Arbeit geht weiter! Inhaltlich konnten wir zeigen, dass sich in Städten parallele Handlungs- und Denkmuster in unterschiedlichen gesellschaftlichen Feldern herausbilden, dass diese in Leitsätzen gebündelt werden und so von Generation zu Generation überleben (z.B. „Wir schaffen es aus eigener Kraft“), dass der gebaute Raum die sozialen Verhältnisse wiederspiegelt und dass gerade in den Dimensionen Zeit und Selbstverständnis sich das Eigene reproduziert. Jetzt untersuchen wir die ökologischen Dimensionen dieser Prozesse und die konkreten Folgen für Politik.

Können Sie konkrete Beispiele geben für Konzepte, die das LOEWE-Projekt entwickelt hat?

Wir haben zum Beispiel die Stadt Mannheim beraten. Ein wichtiges Ergebnis ist: Die Stadt muss weiblicher werden! Weniger Pragmatismus und Funktionalismus, mehr Ästhetik.

Prof. Dr. Martina Löw, Professor für Stadt- und Raumsoziologie an der TU Darmstadt. Bild: Chris Hartung
Prof. Dr. Martina Löw. Bild: Chris Hartung

Was sind für Sie derzeit die größten Herausforderungen der Stadtforschung?

Unter Bedingungen weltweiter Vernetzung ist es wichtig, den Blick dorthin zu richten, wo Menschen noch die Erfahrung von kultureller Spezifik machen können. Städte sind die Orte, an denen auch diejenigen zu Identitäten finden, denen Nationalstaaten fremd geworden sind, nach dem Motto eines jungen Türken: „Deutscher bin ich nicht, aber Mannheimer“. Städte sind räumlich und sozial überschaubar, das macht den Bewohnerinnen und Bewohnern Einmischung und Partizipation leichter. Und Städte erzeugen auch ein Gefühl von Zugehörigkeit.

Für Stadtentwicklungspolitik ist es gleichzeitig nicht einfach, die sinnstiftende Bedeutung von Städten auszubauen oder zu erhalten. Vielerorts werden mit mehr oder weniger Erfolg Geschichten erzählt: Hierzu werden Schlösser und Fachwerkhäuser neu aufgebaut, Trachten wieder eingeführt, regionale Speisen aufgespürt. Doch dieses Politikformat ist nur in wenigen Feldern anwendbar und häufig unglaubwürdig.

Worum geht es beim Forschungsansatz der Eigenlogik, der an der TU Darmstadt verfolgt wird?

Der Darmstädter Forschungsschwerpunkt richtet sein Augenmerk auf die Stadtkultur: Die Art, wie eine Stadt gebaut ist, das Wissen, das in einer Stadt weitergegeben wird und die Konventionen, die gepflegt werden. Wenn wir von „Eigenlogik“ sprechen, meinen wir nicht eine Eigenschaft einer Stadt, die man finden, festhalten und pflegen kann. Wir gehen davon aus, dass „Eigenlogik“ eine Perspektive darstellt, die Politik, Planung und Wissenschaft beeinflusst.

So können wir begreifen, wie Städte unser Leben auf spezifische Weise formen, das heißt unsere Werte, unsere Praktiken, unsere Wissensbestände, unsere Gefühle beeinflussen. Wenn wir diese Perspektive, diese „Eigenlogik“ untersuchen, hilft uns das, passgenaue Strategien statt vermeidlicher Globallösungen für die Entwicklung verschiedener Städte zu entwickeln.

Beschreiben Sie uns ein Beispiel für die Eigenlogik einer Stadt in der Rhein-Main-Region?

Es zeigte sich bei unseren Arbeiten überraschend, dass „Zeit“ in den Untersuchungsstädten unterschiedlich zum Einsatz gebracht wird. In Frankfurt am Main zum Beispiel geht es oft darum, das Leben mit knappen Zeitressourcen zu bewältigen. Zeitliche Abläufe sind ein Thema sowohl in städtischen Problemdiskursen als auch in der (Kriminal-)Literatur, im Alltag von Friseursalons und im Stadtmarketingkonzept. Unentwegt geht es um Zeit, alle reden über Zeitmanagement, Zeit wird geplant, gespart und organisiert. In Frankfurt beschäftigt man sich sowohl mit „Zeit“, wenn es darum geht, Zeit ökonomischer zu nutzen und Lebensabläufe zu beschleunigen, als auch bei der Zukunftsorientierung.

Die Zukunft scheint in Frankfurt prinzipiell gestaltbar, stellt umgekehrt auch hohe Anforderungen an die Bewohnerinnen und Bewohner hinsichtlich der Bereitschaft zur Selbstoptimierung. Zwar ist auch die Vergangenheit gegenwärtig – zum Beispiel in der Gestaltung des Römers –, doch niemals im Format der Nostalgie. Tradition ist in Frankfurt eine Strategie, die „Heimatbezug“ als Ressource für die Zukunft denkt. Konsequenterweise wird in Krimis gern das stadttypische Element Vergangenheitsbezug als verlogen herausgestellt.

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