Nobelpreisträger und „Gründervater“ zu Gast an der TU

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23.01.2017

Nobelpreisträger und „Gründervater“ zu Gast an der TU

Dan Shechtman hält Keynote beim Startup & Innovation Day am 31. Januar

Seit Jahrzehnten begleitet der israelische Nobelpreisträger Dan Shechtman Studierende des Israel Institute of Technology (Technion) auf dem Weg zur Gründung. Im Interview spricht er über die Verbindung von Wissenschaft und Unternehmertum und wirft ein Schlaglicht auf die besonderen Rahmenbedingungen der aktiven israelischen Gründerszene.

Professor Dan Shechtman. Bild: Technion - Israel Institute of Technology / CC BY-SA 3.0
Professor Dan Shechtman. Bild: Technion – Israel Institute of Technology / CC BY-SA 3.0

In einem Interview haben Sie sich selbst als Missionar für die Förderung von Bildung, Wissenschaft und Unternehmertum bezeichnet. Warum brauchen wir mehr Entrepreneurship und innovative Firmen?

Betrachtet man die Alterspyramide von Industrieländern, stellt man alarmierend niedrige Geburtenraten fest. Diese Altersverteilung führt dazu, dass in den Gesellschaften nicht genügend Arbeitskräfte vorhanden sind, um die Wirtschaft zu erhalten, sofern nicht jeder zukünftige Arbeitnehmer ein größeres Pro-Kopf-Bruttoinlandsprodukt erzeugt. Technologiebasiertes Unternehmertum birgt einen sehr guten Weg, um dieses Ziel zu erreichen. Es erzeugt nicht nur hohes Einkommen für Talentierte, sondern generiert auch Hightech-Exportgüter. Technologiebasiertes Unternehmertum bietet aber auch eine bemerkenswerte Lösung für arme Länder mit einer hohen Geburtenrate, um ihr Humanpotenzial im eigenen Land zu behalten und schnelles Wachstum zu fördern.

Israel gehört zu den innovativsten Ländern der Welt. Woran liegt dies und warum wird in Israel so viel gegründet?

Dank eines guten akademisches Systems und intelligenter, motivierter junger Menschen bringt Israel gute Wissenschaftler und Ingenieure, Biologen und Computer-Experten und andere dringend benötigte ausgebildete Professionals hervor. Die Kombination von realem Bedarf, akademischem Wissen und Unternehmergeist hat eine dynamische Gesellschaft mit sehr großer Motivation für Erfolg kreiert.

Können Sie das beispielhaft konkretisieren?

Ein Beispiel ist das Problem Wassermangel: Israel ist weltweit Nummer eins bezüglich der Reinigung von Grauwasser, bei Tropfenbewässerung, computerbasierten Bewässerungssystemen und Meerwasserentsalzungsanlagen. Ein weiteres Problem ist der Bedarf an Abwehr von Bedrohungen. Israel ist mit führend im Erfinden von Hardware- und Softwareschutz, ebenso beim zivilen und militärischen Schutz und im Kontext des Cyberspace. Im Rahmen des obligatorischen Militärdienstes ist es normal, dass eine große Zahl von Soldatinnen und Soldaten daran arbeitet, moderne und dual nutzbare Software und Hardware zu entwickeln, die meist auch Potenzial für den zivilen Markt auch außerhalb Israels haben. Und mehr noch, es gibt 250 globale Unternehmen, die Entwicklungszentren in Israel etabliert haben. Mitarbeiter dieser Unternehmen designen Produkte, die wir in fünf bis zehn Jahren sehen werden. Diese jungen talentierten Menschen werden Experten in Spitzentechnologien und werden neue Startups gründen, wenn sie ihr Unternehmen verlassen. Über die Zeit hat Israel also unternehmerisches Wissen und Gründergeist entwickelt und ist heute eine richtige Startup-Nation.

Was können Politik, Universitäten und Unternehmen dazu beitragen, dass mehr innovative Gründungen aus den Hochschulen gefördert werden? Die TU Darmstadt hat beispielsweise einen „Pioneer Fund“ ins Leben gerufen, der beim Transfer von Forschung in die Praxis konkret unterstützen soll. Halten Sie solche Kooperationen mit Unternehmen für ein hilfreiches Element?

Meiner Meinung nach sollten Studierende der Natur- und Ingenieurwissenschaften auch darin trainiert werden Unternehmer zu werden. Das ist der Grund warum ich vor 30 Jahren damit angefangen habe, technologiebasiertes Unternehmertum in meiner Universität, dem Technion in Haifa, zu unterrichten. Der Kurs wird seitdem Jahr für Jahr mit Hunderten von Studierenden fortgesetzt. Universitäten können nicht nur Professorinnen, Professoren und Studierende ermutigen, ein Startup zu gründen, sondern sollten auch Partner der neuen Unternehmen werden. Die Regierung kann und sollte ebenfalls technologiebasiertes Unternehmertum auf vielfältige Weise unterstützen. In vielen meiner Reden rund um den Globus erläutere ich, wie man so etwas angehen kann.

Besteht die Gefahr, dass die Forschungsexzellenz leidet, wenn die Universitäten einen starken Fokus auf den Transfer und die Anwendung der wissenschaftlichen Ergebnisse in der Praxis legen?

Forschungsgelder werden in den meisten Fällen für Grundlagenforschung mit Anwendungsbezug vergeben. In vielen Fällen werden Erkenntnisse während der Durchführung angewandter Forschung gewonnen. Beide, Grundlagenforschung sowie angewandte Forschung, können Erkenntnisse bringen, und beide sollten auch unterstützt werden.

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