Die lange Reise in den Frieden

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11.04.2017

Die lange Reise in den Frieden

TU und Philipp Schwartz-Initiative unterstützen Wissenschaftler aus dem Jemen

Professor Hussain Al-Towaie ist im Rahmen der Philipp Schwartz-Initiative für gefährdete Wissenschaftler für zwei Jahre am Fachbereich Bau- und Umweltingenieurwissenschaften zu Gast. Der aus dem Jemen stammende Ingenieur forscht gemeinsam mit Professor Wilhelm J. F. Urban zur Wasseraufbereitung mit erneuerbarer Energie.

Prof. Dr. Hussain Al-Towaie (rechts) forscht die kommenden zwei Jahre gemeinsam mit Prof. Wilhelm J.F. Urban (links) am Fachgebiet Wasserversorgung und Grundwasserschutz; in der Mitte: Ulrike Buntenbruch vom Welcome Centre am Dezernat Internationales. Bild: Claus Völker
Prof. Dr. Hussain Al-Towaie (rechts) forscht die kommenden zwei Jahre gemeinsam mit Prof. Wilhelm J.F. Urban (links) am Fachgebiet Wasserversorgung und Grundwasserschutz; in der Mitte: Ulrike Buntenbruch vom Welcome Centre am Dezernat Internationales. Bild: Claus Völker

Wenn Hussain Al-Towaie über den Moment spricht, als er in der deutschen Botschaft in Oman sein Visum für Deutschland in den Händen hielt, beginnen seine Augen zu leuchten. Hinter ihm und seinen beiden Töchtern liegt eine lange Reise hinaus aus dem kriegsgeschüttelten Jemen. Bis 2013 war Al-Towaie Maschinenbau-Professor an der Universität von Aden im Bereich der Energietechnik. In seinen Veröffentlichungen und Aktivitäten warnte er immer wieder vor der Wasserknappheit und den daraus resultierenden sehr ernsten Konsequenzen für die jemenitische Bevölkerung. Die Regierung reagierte auf eine solche Kritik derart, dass Al-Towaie zur unerwünschten Person erklärt wurde. 2013 wurde er in den Ruhestand versetzt, was im Jemen unüblich ist und in der Regel nur auf eigenen Antrag geschieht. Deshalb suchte er nach neuen Beschäftigungsmöglichkeiten für sich und seine beiden Töchter außerhalb des Jemen.

Mit Deutschland verbunden

Dass Deutschland das Ziel der Reise werden soll, war Al-Towaie schon früh klar: Bereits von 1983 bis 1987 lebte er in Deutschland und promovierte in Dresden zum Thema Klimatisierung mit Solarenergie. Seit dieser Zeit war er regelmäßig zu Forschungsaufenthalten in Deutschland, 2007 begegnete er auf einer Konferenz Professor Wilhelm J. F. Urban, dem Leiter des Fachgebiets Wasserversorgung und Grundwasserschutz am Institut IWAR der TU Darmstadt. Gemeinsam beantragten sie ein Stipendium des Deutschen Akademischen Austauschdiensts, das Al-Towaie 2009 an die TU Darmstadt führte. Sie blieben in Kontakt, Al-Towaie machte bei seinen Aufenthalten in Deutschland regelmäßig Station in Darmstadt.

Als sich die politische Situation durch den bewaffneten Konflikt verschiedener Parteien um die Vorherrschaft im Jemen seit 2015 weiter zuspitzte, entschieden die beiden Kollegen, sich um ein Forschungsstipendium zu bemühen, das es Al-Towaie ermöglichen würde, bei Kollegen Urban in Darmstadt zu forschen. Mit Unterstützung des Welcome Centres am Dezernat Internationales der TU Darmstadt stellten sie den Antrag auf ein Stipendium der Philipp Schwartz-Initiative, die gefährdeten Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern einen zweijährigen Forschungsaufenthalt in Deutschland finanziert.

Schwierige Ausreise

Prof. Dr. Hussain Al-Towaie. Bild: Claus Völker
Prof. Dr. Hussain Al-Towaie. Bild: Claus Völker

Als nach einer abschlägig beschiedenen Bewerbung im zweiten Anlauf endlich die Zusage kam, stand die schwierige Ausreise aus dem Jemen an. Denn aufgrund des Bürgerkriegs gibt es im Jemen seit Jahren keine deutsche Botschaft mehr, und die Grenzen zu den jemenitischen Nachbarländern sind geschlossen. Nur durch die Unterstützung von Freunden gelang es Al-Towaie, für sich und seine beiden Töchter – der andere Teil seiner Familie lebt weiterhin im Jemen – ein Visum für das Nachbarland Oman zu bekommen. Nach einer über zwei Wochen langen Reise erreichte er mit seinen Töchtern endlich Maskat im Oman. „Dort haben wir erst einmal Ruhe gebraucht. Von der Reise waren wir seelisch und körperlich sehr erschöpft“, erinnert sich Al-Towaie. Die nächste Schwierigkeit bestand darin, für seine beiden volljährigen Töchter ein Visum für Deutschland zu bekommen, denn sein Stipendium ist nur für die Finanzierung seines eigenen Aufenthalts vorgesehen. Zwei Freunde aus Deutschland bürgten schließlich für die Töchter, Ulrike Buntenbruch, die Leiterin des TU-Welcome-Centres, half bei den Anträgen. Fünf Wochen nach ihrer Ankunft in Oman konnten die Al-Towaies endlich ein Flugzeug nach Deutschland besteigen.

In Darmstadt angekommen, mietete Al-Towaie für sich und seine Töchter zunächst eine Wohnung im Georg Christoph Lichtenberg-Haus, dem Gästehaus der TU Darmstadt. Seit einigen Tagen leben sie nun in einer Privatwohnung in Arheilgen. Al-Towaies Töchter besuchen im Moment einen Sprachkurs – deutsch haben sie schon im Jemen zu lernen begonnen – und hoffen, möglichst bald ein Studium aufnehmen zu können. „Mir ist es wichtig, dass meine Töchter in einer freien und offenen Gesellschaft aufwachsen“, sagt der Vater, der seit Februar am Fachgebiet von Urban arbeitet und forscht. Dort hat er ab Herbst einen Lehrauftrag. „Hussain Al-Towaie kann neue spannende Einblicke in die Wasser- und Energieversorgung der Regionen im Nahen Osten und in Nordafrika geben“, sagt sein Gastgeber. „Er hat viel Erfahrung darin, welche Konzepte und Strategien dort auch gesellschaftlich akzeptiert werden und deshalb leichter umgesetzt werden können.“

Schon jetzt macht sich Hussain Al-Towaie Gedanken, wie es in zwei Jahren – nach Ablauf des Stipendiums – weitergehen soll. Professor Urban, Ulrike Buntenbruch und er sind schon jetzt auf der Suche nach Projekten, die ihm einen Aufenthalt nach Ablauf des Stipendiums ermöglichen können. Hussain Al-Towaie: „Ich wünsche mir, dass die Menschen im Jemen bald in Frieden leben können.“ Aber der Frieden ist noch nicht in Sicht.

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