E+E Diskurs am 26. März 2026

In diesem E+E Diskurs haben wir danach gefragt, wie krisensicher unsere Energieversorgung ist und welche Strategien sie zugleich widerstandsfähiger, nachhaltiger und zukunftsfähiger machen können.

#10 – Krisen, Kriege, Klimachaos: Wie sicher ist unsere Energieversorgung?

Herausforderungen an das europäische Übertragungsnetz

Dr. Christoph Schneiders spricht über die Herausforderungen und Chancen des europäischen Übertragungsnetzes in Zeiten von Energiewende, steigender Netzbelastung und wachsender Bedrohung kritischer Infrastrukturen.

Resiliente Netze – Krisenbewältigung und Erfahrungsberichte aus dem Ahrtal

Edwin Schick gibt eindrucksvolle Einblicke in die Praxis der Krisenbewältigung und den Aufbau resilienter Stromnetze.

Wie Bürger die Resilienz von Energiesystemen in der Krise stärken können

Prof. Dr. Michèle Knodt und Prof. Dr. Florian Steinke beleuchten die technischen, gesellschaftlichen und regulatorischen Voraussetzungen für dezentrale Notstrom‑ und Inselversorgungskonzepte.

Krisen, Kriege, Klimachaos – Wie sicher ist unsere Energieversorgung

In dieser Podiumsdiskussion diskutieren Experten und Expertinnen aus Forschung, Netzbetrieb, Regulierung und Politik die Zukunft der kritischen Energieinfrastrukturen.

Rückblick auf den #10 E+E Diskurs am 26.03.26

Zum Auftakt der Veranstaltung wies Prof. Dr. Peter Stephan, Sprecher des Forschungsfeldes Energy + Environment, darauf hin, dass das Thema seit der Planung des Diskurses weiter an Dringlichkeit gewonnen habe. Fragen der Versorgungssicherheit, Resilienz und Nachhaltigkeit bewegten sich heute in einem komplexen Spannungsfeld zwischen akuter Krisenbewältigung und langfristiger Transformation. Der E+E Diskurs verstehe sich dabei ausdrücklich als Plattform für Austausch und Transfer, die unterschiedliche Sichtweisen zusammenführt und den Dialog über Fachgrenzen hinweg fördert.

In seiner Begrüßung betonte Prof. Dr. Matthias Oechsner, Vizepräsident für Forschung der TU Darmstadt, dass es eine der zentralen Herausforderungen unserer Zeit sei, Energieversorgung neu zu denken. Während Energiesysteme lange auf Effizienz und Kostenoptimierung ausgelegt waren, müssten sie heute zugleich krisenfest, klimaresilient und gesellschaftlich tragfähig sein. Energieversorgung sei die „unsichtbare Lebensader unserer Gesellschaft“ – und damit zunehmend selbst Gegenstand geopolitischer Konflikte und klimabedingter Risiken. Entscheidend sei daher auch die gesellschaftliche Frage, welches Maß an Sicherheit und Resilienz angestrebt werde und wie diese gemeinsam getragen werden könne. Gerade hier käme der interdisziplinären Forschung an der TU Darmstadt eine zentrale Rolle zu. Sie schafft Räume, in denen wissenschaftliche Erkenntnisse, politische Rahmenbedingungen und praktische Erfahrungen zusammengeführt werden können. Der E+E Diskurs sei ein solcher Raum – und ein Beispiel dafür, wie die Universität den Dialog zu gesellschaftlich relevanten Zukunftsfragen aktiv gestaltet.

Das europäische Übertragungsnetz: Resilienz durch Vernetzung – Herausforderungen durch Komplexität

Dr. Christoph Schneiders von der Amprion GmbH betonte im ersten Impulsvortrag: „Herausforderungen an das europäische Übertragungsnetz”, dass gerade nach den jüngsten Ereignissen in Berlin das Thema dieses E+E Diskurses nicht relevanter und aktueller sein könnte.

Als einer der vier großen deutschen Übertragungsnetzbetreiber hat Amprion eine europäische Perspektive auf das Thema. Das deutsche Übertragungsnetz ist Teil des europäischen Übertragungsnetzes, das von Portugal bis zur Ukraine und von Dänemark bis Sizilien komplett miteinander verbunden ist. Damit stellt das europäische Netz das weltweit größte zusammenhängende Gebiet in Bezug auf elektrische Energie dar.

Dies zeigte sich insbesondere bei der Behebung des Blackouts auf der Iberischen Halbinsel (Spanien, Portugal) im April 2025, zu dem gerade der Abschlussbericht veröffentlicht wurde. Das europäische Netz bringt Vorteile in Bezug auf Redundanz und Resilienz mit sich. Dadurch konnten die europäischen Partner dazu beitragen, dass das Netz in Portugal und Spanien innerhalb von Stunden wieder aufgebaut werden konnte.

Neben den Vorteilen von Redundanz und Resilienz bringt die Größe des Netzes aber auch Herausforderungen mit sich, da das bestehende Netz aufgrund der immer höheren Auslastung immer mehr unter Stress steht.

Lehren aus der Ahrtal Flut: Krisenbewältigung und Resilienz der Energieversorgung

Im zweiten Impulsvortrag gab Edwin Schick, Geschäftsführer der Syna GmbH, eindrucksvolle Einblicke in die Praxis der Krisenbewältigung und zeigte auf, welche Lehren aus der Flutkatastrophe im Ahrtal 2021 für die resiliente Gestaltung von Energienetzen gezogen werden können. Zum Zeitpunkt der Katastrophe war Schick als Prokurist bei Westnetz tätig und im Krisenstab unmittelbar in die Bewältigung der Ereignisse eingebunden.

Anhand konkreter Beispiele wurde deutlich, wie schnell kritische Energieinfrastrukturen an ihre Grenzen stoßen können. Die Flut übertraf sämtliche Annahmen zur Ausfallsicherheit: Umspannwerke, digitale Ortsnetzstationen und Mittelspannungsanlagen wurden vollständig zerstört, provisorische Schutzmaßnahmen wie Sandsäcke erwiesen sich angesichts der Wassermassen als wirkungslos. Der Vortrag machte klar, dass Extremereignisse wie Starkregen und Hochwasser Dimensionen erreichen können, gegen die ein vollständiger technischer Schutz nicht möglich ist. Zugleich zeigte Schick auf, wie die Energieversorgung in mehreren Phasen wieder hergestellt wurde – von der akuten Stabilisierung über die provisorische Wiederherstellung bis hin zu einem systematischen, resilienteren Wiederaufbau. Neben technischer Robustheit erwiesen sich dabei vor allem klare Krisenstrukturen, verlässliche Kommunikationswege und schnelle Entscheidungsprozesse als entscheidend für eine wirksame Bewältigung.

Der Vortrag schlug zudem eine Brücke zu aktuellen sicherheitspolitischen Herausforderungen. Neben Naturkatastrophen gewinnen gezielte Angriffe auf Energieinfrastrukturen, Sabotageakte und hybride Bedrohungen zunehmend an Bedeutung. Schick erläuterte, warum klassische Schutzkonzepte hierfür nicht mehr ausreichen und wie Energieunternehmen ihre Sicherheitsstrategien weiterentwickeln – etwa durch die gezielte Absicherung kritischer Netzknoten, verstärkte Überwachung und neue Formen der Risikoanalyse.

Dezentrale Resilienz: Wie Bürgerenergiesysteme im Krisenfall helfen können

Im dritten und letzten Impulsvortrag lenkten Prof. Dr. Michelle Knodt und Prof. Dr. Florian Steinke von der TU Darmstadt den Blick auf die Rolle der Bürgerinnen und Bürger in resilienten Energiesystemen. Ausgangspunkt war die Beobachtung, dass viele Haushalte zwar über Photovoltaikanlagen und Batteriespeicher verfügen, diese im Blackout-Fall jedoch meist keine Stromversorgung ermöglichen. Der Vortrag zeigte auf, welche technischen Voraussetzungen – insbesondere netzbildende Wechselrichter – erforderlich wären, um Gebäude oder lokale Netze im Inselbetrieb sicher zu versorgen.

Am Beispiel des Forschungs- und Demonstrationsprojekts eHUB wurde erläutert, wie dezentrale Erzeugung, Speicherung und intelligente Steuerung zusammenspielen können. Dabei wurde deutlich, dass solche Lösungen nicht auf eine vollständige Versorgung ganzer Städte abzielen, sondern darauf, im Krisenfall prioritäre Infrastrukturen wie Kommunikationsnetze zumindest teilweise mit Energie zu versorgen.

Ergänzend wurde die gesellschaftliche Akzeptanz solcher Konzepte thematisiert. Untersuchungen im Rahmen von Projekten wie emergenCITY oder DiReX zeigten, dass eine Mehrheit der Teilnehmenden grundsätzlich bereit wäre, selbst erzeugten Strom im Krisenfall zu teilen, um damit kritische Infrastrukturen zu unterstützen. Gleichzeitig machte der Vortrag deutlich, dass für eine systematische Umsetzung klare regulatorische Rahmenbedingungen, Zuständigkeiten und Finanzierungsmodelle erforderlich sind. Der Beitrag unterstrich somit, dass dezentrale Resilienzlösungen nur im Zusammenspiel von Technik, Gesellschaft und Politik wirksam werden können – ein zentrales Anliegen des E+E-Diskurses.

Resilienz als Zusammenspiel von Technik, Regulierung und Gesellschaft

In der anschließenden Podiumsdiskussion, moderiert von Prof. Dr. Peter Pelz, Vizepräsident für Digitalisierung, Nachhaltigkeit und Infrastruktur der TU Darmstadt, wurden die zentralen Themen des Abends zusammengeführt und aus technischer, regulatorischer und gesellschaftlicher Perspektive vertieft. Mit Dr. Christoph Schneiders (Amprion), Edwin Schick (Syna), Dennis Volk (Bundesnetzagentur) sowie Prof. Dr. Michèle Knodt (TU Darmstadt) war das Podium hochkarätig besetzt und spiegelte bewusst den interdisziplinären Anspruch des E+E Diskurses wider.

Im Mittelpunkt der Diskussion stand die wachsende Belastung und Verwundbarkeit der Stromnetze infolge von Energiewende, steigender Nachfrage, Digitalisierung sowie geopolitischer und hybrider Bedrohungen. Dabei wurde deutlich, dass die zunehmende Vernetzung europäischer Energiesysteme zugleich Chance und Risiko darstellt: Einerseits ermöglicht sie Solidarität und schnelle Unterstützung im Krisenfall – wie etwa beim jüngsten Blackout auf der Iberischen Halbinsel –, andererseits vergrößert sie die Angriffsfläche gegenüber Sabotage, Cyberangriffen und koordinierten Störungen.

Ein zentraler Diskussionspunkt war die Frage, wie sich Effizienz, Netzstabilität und Resilienz künftig besser austarieren lassen. Dr. Christoph Schneiders und Edwin Schick betonten, dass Netze heute stärker als früher ausgelastet werden müssen, um den schnellen Ausbau erneuerbarer Energien zu integrieren – oft schneller, als neue Leitungen gebaut werden können. Gleichzeitig wurde deutlich, dass hierfür neue technische Instrumente, eine stärkere Digitalisierung bis in die Verteilnetze sowie angepasste regulatorische Rahmenbedingungen notwendig sind.

Dennis Volk hob die Rolle der Regulierung als Bindeglied zwischen Technik, Markt und Politik hervor. Investitionen in Netzstabilität, Speicher und Schutzmaßnahmen müssten regulatorisch ermöglicht und refinanzierbar gemacht werden, während gleichzeitig neue Anforderungen an Netz- und Systemdienlichkeit entstünden – etwa bei großen Batteriespeichern oder dezentralen Erzeugungsanlagen.

Die Diskussion machte zudem die gesellschaftliche Dimension von Resilienz deutlich. Prof. Knodt wies darauf hin, dass Resilienz keine rein technische Eigenschaft ist, sondern die Fähigkeit von Systemen, Organisationen und Gesellschaften, auf Krisen zu reagieren, sich anzupassen und aus ihnen zu lernen. Absolute Sicherheit sei weder technisch noch politisch erreichbar. Umso wichtiger sind Vorbereitung, verlässliche Schnittstellen zwischen Akteuren sowie ein ganzheitlicher Ansatz, der Bevölkerung, Wirtschaft, Staat und Forschung einbezieht.

Der 10. E+E Diskurs zeigte eindrucksvoll, dass die sichere Energieversorgung der Zukunft nur im Zusammenspiel von technischer Innovation, Regulierung und gesellschaftlicher Vorbereitung gelingen kann. Als Technische Universität mit starkem interdisziplinärem Profil kommt der TU Darmstadt dabei eine zentrale Rolle zu: Ihre Forschung verbindet ingenieurwissenschaftliche Exzellenz mit sozial , wirtschafts und politikwissenschaftlichen Perspektiven und macht so die komplexen soziotechnischen Zusammenhänge von Resilienz sichtbar und gestaltbar. Der E+E Diskurs unterstrich, wie wichtig Forschung als Impulsgeber, Vermittler und Vernetzer ist, um praxisrelevante Lösungen zu entwickeln, politische Entscheidungsprozesse zu informieren und den Dialog zwischen Wissenschaft, Wirtschaft und Gesellschaft zu fördern. Damit leistet die TU Darmstadt einen wesentlichen Beitrag zur Entwicklung einer nachhaltigen, robusten und zukunftsfähigen Energieversorgung.