Turbulenzen berechenbar machen

Einblicke in die Aerodynamik-Forschung der TU Darmstadt

13.07.2026

Professor Martin Oberlack widmet sich der Lösung eines Problems, das in der Luftfahrt viel Energie kostet und die Entwicklung neuer Flugzeuge aufwändig macht: chaotischen Luftverwirbelungen, im Fachjargon Turbulenzen. Der Leiter des Fachgebiets für Strömungsdynamik will sie mathematisch verstehen.

Professor Dr. Martin Oberlack

„Sie können die Luftwirbel hinter Flugzeugen spüren, wenn Sie sich am Frankfurter Flughafen ans Ende der Landebahn stellen“, sagt Martin Oberlack. Der Professor nutzt gern Alltagsbeispiele, um sein Thema zu veranschaulichen: „Heißes Wasser schwappt schneller im Topf als kaltes“, sagt er. Denn es ist dünnflüssiger und damit anfälliger für Verwirbelungen. „Wenn Sie Honig umrühren, entstehen kaum Wirbel“, vergleicht Oberlack.

Unangenehme Eigenschaft

Damit ist man mitten im Problem. „Turbulenzen haben eine unangenehme Eigenschaft“, sagt Oberlack: Die Wirbel treten nicht in einer Größe auf, sondern in einem ganzen Spektrum – von groß bis winzig klein. Und je dünnflüssiger, im Fachjargon je weniger viskos, ein Medium ist, desto kleinere Wirbel kommen vor. Weil Luft niedrigviskos ist, stellt sich das Problem in der Aerodynamik, etwa bei Flugzeugen, besonders. Die begrenzte Rechenpower von Computern macht es praktisch unmöglich, auch noch die kleinsten Wirbel zu simulieren, was Entwickler aber gerne täten, um ihre Entwürfe zu optimieren. Weniger Turbulenzen bedeuten weniger Reibungswiderstand und somit Spritersparnis. Schon kleinste Einsparungen wären willkommen: „In der Luftfahrt zählt jedes eingesparte Prozent Treibstoff“, sagt Oberlack.

Experimentelle Grenzen

Die Alternative zu Simulationen sind Windkanaltests mit Flug- oder Fahrzeugmodellen. Diese sind jedoch kleiner als die Originale, wodurch die Turbulenzen nicht dem realen Flugzeug entsprechen – das lässt sich nur teilweise ausgleichen, etwa durch einen kälteren, schnelleren Luftstrom. Doch auch die Experimente haben Grenzen. Größen wie Druck oder Strömungsgeschwindigkeit lassen sich nicht beliebig genau messen. „Man misst entweder scharf aufgelöst in einem kleinen Teil des Modells oder überall, dafür aber weniger detailliert“, erklärt Oberlack. Computersimulationen hätten dagegen einen großen Vorteil: „Für jeden räumlichen Punkt und Zeitpunkt haben wir Zugang zu allen Daten“, sagt der Luft- und Raumfahrtingenieur.

Simulationen profitieren zwar davon, dass Großrechner wie der im Forschungszentrum Jülich immer leistungsstärker werden. Das tröstet Oberlack aber wenig: „Wenn das im gleichen Tempo weitergeht, werden wir erst in 40 Jahren so weit sein, ein kommerzielles Flugzeug im Supercomputer zu simulieren“, sagt er. Sein Team arbeitet daher an vereinfachenden mathematischen Verfahren. Zusammen mit Kollegen der Polytechnischen Universität Valencia erzielten sie 2022 Durchbrüche, die in renommierten Fachjournalen erschienen.

Strömungen in der Nähe fester Wände neigen zur sogenannten Transition, also dem Übergang von glatter, laminarer Strömung zur Turbulenz, die mittels Supercomputer entlang einer ebenen Platte berechnet wurde.
Strömungen in der Nähe fester Wände neigen zur sogenannten Transition, also dem Übergang von glatter, laminarer Strömung zur Turbulenz, die mittels Supercomputer entlang einer ebenen Platte berechnet wurde.

Vertretbarer Rechenaufwand

Das Forscherteam fand eine Abkürzung zu nützlichen Ergebnissen mit vertretbarem Rechenaufwand. „Oft interessiert uns Ingenieure nicht jeder einzelne Datenpunkt, sondern es reichen statistische Werte, etwa Mittelwert oder Varianz des Drucks“, erklärt Oberlack. Doch auch eine umfassende Statistik zu berechnen, war vor dem Durchbruch nicht möglich – dafür wäre das Lösen unendlich vieler Gleichungen nötig. Durch Oberlacks Umformungen ist nur noch eine endliche Zahl an Gleichungen zu lösen – machbar für Großrechner, aber weiterhin aufwändig.

Große Simulation fahren

Nun geht das rund 20-köpfige Team den nächsten Schritt: 2025 ging in Jülich ein Exascale-Rechner der neuesten Generation in Betrieb. Rechenzeit auf „Jupiter“ ist unter Wissenschaftlern sehr begehrt. „Wir können dort in den nächsten Monaten eine sehr große Simulation fahren“, sagt Oberlack. Damit wollen die Forscher die Geschwindigkeitsverteilung an einzelnen Punkten des simulierten Modells genauer untersuchen. Diese weicht von der „Normalverteilung“ ab, wie sie etwa für Körpergrößen gilt – Menschen über zwei oder unter einem Meter sind sehr selten. „Bei Turbulenzen ist das anders“, erklärt Oberlack. Extreme Ausschläge nach oben oder unten – also extrem hohe oder niedrige Luftgeschwindigkeiten – sind relativ häufig. Das interessiert die Darmstädter Gruppe, die so tiefere Einblicke in die Natur von Turbulenzen gewinnen will. Gelingt das, lassen sich Turbulenzen mit deutlich weniger Rechenaufwand simulieren. Dann spürt man am Anfang der Landebahn womöglich kein Lüftchen mehr, wenn ein Flugzeug drüberfliegt.

Christian J. Meier

Die Champions League der Turbulenzforschung

“International Symposium on Turbulence and Shear Flow Phenomena” (TSFB)

Vom 28. bis zum 31. Juli findet mit dem “International Symposium on Turbulence and Shear Flow Phenomena” (TSFB)” eine der wichtigsten Konferenzen der Turbulenzforschung in Heidelberg statt. Im Interview spricht Hauptorganisator Professor Martin Oberlack, Leiter des Fachgebiets für Strömungsdynamik an der TU Darmstadt, über die Bedeutung der Turbulenzforschung im Allgemeinen und die Rolle der TSFB im Speziellen.

Professor Martin Oberlack ist der Hauptorganisator der Konferenz in Heidelberg, die vom 28. bis 31. Juli stattfindet.
Professor Martin Oberlack ist der Hauptorganisator der Konferenz in Heidelberg, die vom 28. bis 31. Juli stattfindet.

Das “International Symposium on Turbulence and Shear Flow Phenomena” (TSFB) findet in diesem Jahr zum 14. Mal statt. Können Sie kurz die Bedeutung dieser Konferenz skizzieren?

Mein Kollege und Mitglied im Local Organizing Committee, Professor Suad Jakirlic (auch TU Darmstadt) hat TSFP einmal als Champions League in unserem Bereich der Turbulenz-Forschung bezeichnet, um im aktuellen Fußballbild zu bleiben. Damit hat er wohl recht, denn es kommt wirklich die absolute Elite der Wissenschaftsgemeinde der Turbulenz-Forschung zusammen, wobei natürlich auch sehr viele junge Forschende vor Ort sein werden, die ihre Ergebnisse vortragen werden. Wir vergeben auch einen Nachwuchspreis, der in diesem Jahr an Dr. Jason Hearst von der Norwegian University of Science and Technology geht.

Warum ist Turbulenz in der Mechanik/im Maschinenbau ein so wichtiges Thema?

Bei Turbulenz denkt man vermutlich unweigerlich an Flugzeuge und in der Tat spielt beim Design von Flugzeugen und natürlich auch bei den entsprechenden Triebwerken die Turbulenz eine fundamentale Rolle. Zum einen natürlich, um den Treibstoffverbrauch zu reduzieren, aber selbstverständlich müssen wir auch die Sicherheit garantieren und auch dabei spielt Turbulenz eine Rolle. Rein monetär sind aber die die Automobil- und Chemieindustrie – die beiden größten Industriezweige in Deutschland –, auch die beiden wichtigsten Branchen, wenn es um Turbulenzforschung geht. In der Automobilindustrie sind z.B. Fahrzeugumströmung und Flüssigkeitskühlkonzepte wichtige Themen; in der chemischen Industrie werden die meisten Produkte als Flüssigkeiten verarbeiten, in denen Turbulenz die vorherrschende Strömungsform darstellt.

Welche Themen stehen beim „Fourteenth International Symposium on Turbulence and Shear Flow Phenomena“ in diesem Jahr besonders im Fokus? Welche Ergebnisse sind zu erwarten?

Die Tagung ist äußerst breit aufgestellt, und methodisch gliedert es sich grob in (i) experimentelle Untersuchungen (z.B. im Windkanal), (ii) numerische Strömungssimulationen (sehr häufig auf Supercomputern) sowie (iii) theoretische Analysen, dies sind konkret die Anwendung von höherer Mathematik mit „Papier und Bleistift“. Diese drei Methoden ergänzen sich und in vielen Projekten werden die Methoden kombiniert angewandt. In den vergangenen Jahren ist natürlich auch KI mit dazugekommen. Obwohl sie mittlerweile tief in unsere Alltagswelt vorgedrungen ist, habe ich bislang noch keine Anwendung in der Strömungsmechanik gesehen, die mich nachhaltig begeistert hätte – aber vielleicht kommt es ja auf der TSFP14.

Bei dem Symposium kommen Expertinnen und Experten aus der ganzen Welt zusammen? Auf welchen Input freuen Sie sich besonders?

Ich freue mich immer sehr, die Vorträge meiner Kolleginnen und Kollegen zu hören, denn sie inspirieren mich. Ich komme gerade von einem Workshop in Frankreich zurück und ein Vortrag dort hat mich auf eine neuen Forschungsidee gebracht. Selbiges erhoffe ich mir von TSFP14. Als Hauptorganisator der TSFP14 bin ich natürlich auch in der Orga vor Ort eingebunden, aber ich hoffe, dass mir genügend Zeit bleiben wird, mir spannende Vorträge anzuhören.

Die Fragen stellte Bettina Bastian.

14th International Symposium on Turbulence and Shear Flow Phenomena (TSFP14)

Die “International Conference Turbulence and Shear Flow Phenomena” ist die größte und bedeutendste internationale Tagung zur Turbulenz-Forschung und deckt ein breites Themenspektrum von der Anwendung über das physikalische Verständnis von Modellproblemen bis hin zur mathematischen Analyse von Turbulenz ab. Die diesjährige, von der Deutschen Forschungsgemeinschaft unterstützte Tagung vom 28. bis 31. Juli in Heidelberg wird maßgeblich von TU-Professor Martin Oberlack (Chair Local Organizing Committee, Member Executive Committe) mitgestaltet.

Turbulenz (die chaotische Bewegung von Fluiden) gilt als das letzte ungelöste Problem der klassischen Mechanik. Die hohe wissenschaftliche Relevanz speist sich zum einen aus seiner ubiquitären Bedeutung in unzähligen Anwendungsfeldern, wie der Luft- und Raumfahrt, der Industrie, dem Wetter- und Klimageschehen; selbst biologische Prozesse im menschlichen Körper werden teils durch Turbulenz bestimmt. Auf der anderen Seite sind die zugrundeliegenden Navier-Stokes Gleichungen hochkomplex. Selbst die numerische Simulation mit Super-Computers gestaltet sich als ungeheuer schwierig; die vollständige Berechnung der Umströmung eines kommerziellen Airliners dürfte erst in ca. 40 Jahren gelingen –trotz des weiterhin exponentiellen Anstiegs von Rechenleistung.

Zur Konferenz werden diesmal rund 400 Teilnehmende aus Europa, Nordamerika, Asien und Ozeanien erwartet; 530 Abstracts wurden eingereicht, über 300 Präsentationen umfasst das Programm.

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Professor Oberlack neues Mitglied der Polnischen Akademie der Wissenschaften

Die Polnische Akademie der Wissenschaften (PAN) hat Professor Martin Oberlack auf ihrer Generalversammlung im Juni neu zum ausländischen Mitglied gewählt. Die Mitgliedschaft in der PAN ist eine große Anerkennung seiner wissenschaftlichen Arbeit: Die Wahl erfolgt durch die Mitglieder der Akademie und gilt als eine der höchsten wissenschaftlichen Ehrungen, die Polen an Forschende aus dem Ausland vergibt. Mit der Mitgliedschaft auf Lebenszeit ist die Mitwirkung an den wissenschaftlichen Aktivitäten der Akademie sowie die Förderung der internationalen Zusammenarbeit verbunden.

„Die Wahl in die PAN ist eine sehr große Ehre, die ich aber insbesondere auch als eine besondere Anerkennung für meine Mitarbeitende am Institut sehe. Ohne die Gruppe, und deren vielfältige großartige Beiträge, wäre es nie zu dieser Anerkennung gekommen“, so Oberlack.