Chancengerechtigkeit an TU9-Universitäten
21.09.2026
Chancengerechtigkeit bleibt eine Herausforderung in der Wissenschaft. Die TU Darmstadt hat gemeinsam mit weiteren Universitäten des TU9-Verbunds eine Studie gefördert, die untersucht, wie sich Geschlechterungleichheiten in der Arbeits- und Organisationskultur von Hochschulen manifestieren. Die Studie wurde vom Center für Geschlechterverhältnisse in der Wissenschaft (CEWS) angesiedelt bei GESIS – Leibniz-Institut für Sozialwissenschaften durchgeführt.
Die aktuell erschienene Studie des CEWS untersucht Geschlechterungleichheiten und verknüpft diese mit einer intersektionalen Perspektive. Im Mittelpunkt steht der Zusammenhang zwischen Geschlechterunterschieden und Arbeitsbedingungen und Organisationskultur an acht technisch-naturwissenschaftlich orientierten Universitäten. Zentrale Datengrundlage ist eine Online-Befragung des wissenschaftlichen Personals der beteiligten Hochschulen, die im Herbst 2025 durchgeführt wurde.
Erfahrung mit sexualisierter Gewalt weit verbreitet
Alarmierend ist, dass 10,5% der befragten Wissenschaftler:innen berichten, in den letzten zwölf Monaten sexualisierte Gewalt und Diskriminierung erfahren zu haben – ein Wert, der weit über den Raten vergleichbarer Studien liegt. Wenig überraschend ist, dass Frauen und nichtbinäre Personen häufiger betroffen als Männer. Die Belästigung geht in erster Linie von männlichen Beschäftigten mit ähnlicher oder vorgesetzter Berufsposition aus.
Die Studie zeigt auf, dass es trotz gestiegener Aufmerksamkeit für das Thema Verbesserungspotential im Umgang mit Fällen von sexualisierter Gewalt und Diskriminierung gibt. Insbesondere sollten die Bekanntheit der Beratungsangebote, die Transparenz der Verfahren, die offene Thematisierung der Problematik sowie die Wahrnehmung von Führungsverantwortung zentrale Elemente für zukünftige Entwicklung sein.
Besorgniserregendes Ausmaß an Benachteiligung und psychischer Gewalt
Ebenso besorgniserregend sind die empirischen Befunde zu Benachteiligung und psychischer Gewalt im universitären Alltag. Fast ein Drittel der Befragten gab an, in den letzten zwölf Monaten Benachteiligungen erfahren zu haben – besonders betroffen sind Personen, die Fremdzuschreibung erleben (66%), nichtbinäre Personen (50%) sowie Frauen (40%) – im Vergleich zu rund 20 % der Männer. Als primäre Gründe für Benachteiligungen wurden Geschlecht (37%), Sorgeverpflichtungen (22,6%) und eine Wahrnehmung als nicht-deutsch (15,9%) bzw. Deutschkenntnisse (15,8%) genannt.
Zudem gaben etwa die Hälfte der Frauen und nichtbinären Personen sowie ein Drittel der Männer an, psychische Gewalt erlebt zu haben. Die Erfahrungen treten überwiegend nicht nur einmalig, sondern wiederholt auf. Psychische Gewalt geht am häufigsten von hierarchisch übergeordneten Personen aus, dies sind zumeist Männer.
Beratungsangebot erhöht Vertrauen in die Organisation
Beratungsangebote zur Gleichstellung der Geschlechter sind an allen beteiligten Hochschulen am bekanntesten. Gleichzeitig sind andere Angebote bei den entsprechenden Zielgruppen (etwa zu Anti-Diskriminierung oder auch Rassismus) weniger bekannt. Die Befragungsergebnisse zeigen, dass bereits die Kenntnis mindestens einer Anlauf- und Beratungsstelle mit einem höheren Vertrauen in die Unterstützung durch die Hochschule einhergeht. Zudem lassen sich signifikante Unterschiede zwischen den Geschlechtern aber auch differenziert nach Benachteiligungserfahrungen erkennen: Frauen und nichtbinäre Personen haben generell weniger Vertrauen in die Hochschulen ebenso Personen, die Benachteiligung erfahren haben.
Intersektionale Hürden durch Fremdzuschreibung und nichtbinäre Identität
Die Studie wirft ein Schlaglicht auf erlebte Fremdzuschreibung sowie auf die Situation nichtbinärer Wissenschaftler:innen. Forschende, die Fremdzuschreibung erfahren, erleben ihr Arbeitsumfeld als deutlich kompetitiver und weniger kooperativ als die Vergleichsgruppe. Sie erhalten weniger kollegiale Anerkennung, werden häufiger unberechtigt kritisiert und sind überproportional stark von psychischer Gewalt betroffen. Auch nichtbinäre Forschende berichten von überdurchschnittlich hohen Belastungen und Ausgrenzungen im Teamgefüge.
Der „ideale Wissenschaftler“
Ein zentrales Ergebnis der Studie ist, dass die Hochschulstrukturen weiterhin stark an der Konstruktion des „idealen Wissenschaftlers“ ausgerichtet sind. Wissenschaftler:innen die in Vollzeit arbeiten, allzeit verfügbar und weitgehend von Sorgeverpflichtungen entlastet sind, profitieren dadurch von den bestehenden Strukturen und das fast unabhängig vom Geschlecht. Im Gesamtsample zeigt sich, dass Unterschiede zwischen den wissenschaftlichen Statusgruppen oftmals bedeutsamer sind als das Geschlecht. Beim genaueren Blick auf einzelne Statusgruppen werden jedoch Geschlechterungleichheiten sichtbar, zum Beispiel zu Lasten von Frauen und nichtbinäre Personen in der „Rushhour“ zwischen Promotion und Professur. In dieser Phase sind sie mit deutlich höheren Befristungs- und Teilzeitquoten konfrontiert.
Fazit und Empfehlungen
Die Ergebnisse der SIGIS-Studie bestätigen, dass Gleichstellung an technischen Universitäten eine selbstkritische Auseinandersetzung mit der Arbeits- und Organisationskultur sowie den gezielten Abbau verdeckter, intersektionaler Barrieren erfordert.
Führungskräfte als Schlüsselakteur:innen
Da die Unterstützung durch Führungskräfte laut Sudie für die Arbeitszufriedenheit von Wissenschaftler:innen besonders zentral ist, kommt ihnen eine besondere Rolle zu. Erforderlich sind Untersützungsangebote, die Führungskräfte dazu befähigen, ein diskriminierungsfreies Arbeitsumfeld zu schaffen. Darüber hinaus braucht es einen kontinuierlichen Dialog über Führungsleitbilder, um das verankerte Streben nach wissenschaftlicher Exzellenz systematisch mit der Förderung einer wertschätzenden, gesundheits- und chancengerechten Arbeitskultur zu verknüpfen.
Gewaltschutz und Intervention konsequent ausbauen
Um psychische Gewalt, sexualisierte Gewalt und Diskriminierung wirksam zu bekämpfen, müssen präventive Angebote und Interventionsstrategien ausgebaut und weiter bekannt gemacht werden. Ein klares und öffentliches Commitment der Hochschulleitungen gegen Gewalt und Belästigung ist unerlässlich, um das Vertrauen in die Unterstützungs- und Beschwerdestrukturen der Hochschulen zu stärken. Auch hier sind Führungskräfte eine wichtige Zielgruppe für Sensibilisierungsmaßnahmen.
Bilinguale Kommunikation und Partizipation stärken
Zur Förderung einer diskriminierungsfreien und internationalen Hochschulkultur wird die konsequente Umsetzung einer bilingualen Kommunikationsstrategie empfohlen. Dies umfasst Webseiten, Informationsmaterialien sowie die formelle Gremienarbeit, um nicht-deutschsprachigen Beschäftigten eine gleichberechtigte Teilhabe zu ermöglichen.
Werteorientierte Diskussionen in Fachbereichen und Instituten
Da alltägliche Arbeitskulturen stark dezentral in der Autonomie von Professuren und Teams verankert sind, bedarf es einer hochschulweiten, werteorientierten Diskussion, die zugleich im unmittelbaren Arbeitsumfeld geführt wird. Eine offene Diskussionskultur und Sensibilisierung auf Teamebene kann dazu beitragen, Belastungen aus intersektionaler Perspektive erfolgreich abzubauen.
Bibliographische Angaben und Download
Mehr Informationen zum Projekt finden sich auf der Website des CEWS
Abraham, Christine; Braunisch, Lena; Lipinsky, Anke; Löther, Andrea; Schellhammer, Sebastian; Schmitz, Lara; Steinweg, Nina; Weber, Lena (2026): Studie zu intersektionalen Geschlechterungleichheuten in strukturellen und kulturell-normativen Organisations- und Arbeitsbedingungen an Hochschulen (SIGIS). Gesamtbericht. Hg. Von GESIS – Leibniz-Institut für Sozialwissenschaften: Köln (CEWS/publik no. 36). Download.