Algorithmen und Gefühl. Interdisziplinäre Perspektiven auf Emotionen in der Digitalität
Affective Computing ist eine in den 1990er Jahren begründete Unterdisziplin der
Informatik in den Bereichen Künstliche Intelligenz und Mensch-Computer-Interaktion,
in der es um das Erkennen und Simulieren menschlicher Gefühle geht.
So verfügt etwa die vierte Generation der GPT-Modelle über verbesserte
Kommunikationsformen und ist auch in der Lage, Emotionen zu identifizieren und auf
sie zu reagieren.
Doch was sich hier recht unspektakulär von einer auf die andere Version des
populären KI-Chatbots verändert hat, hat große Auswirkungen auf unser Verhältnis
zu KI-basierten Dialogsystemen.
Ethisch sind sie deswegen brisant, weil sie direkt mit Gefühlen – und damit einem
sehr sensiblen Bereich menschlicher Autonomie – zu tun haben. Dabei geht es nicht
nur um grundsätzliche Fragen nach genuin menschlicher Emotionalität, Intimität und
auch unseren Umgang mit Gefühlen, sondern wir müssen uns fragen, was es für uns
Menschen bedeutet, wenn neuronale Netze vermeintlich unsere Gefühle verstehen?
Wie wirkt sich das auf unsere soziale Kompetenz und Empathiefähigkeit aus? Was
verstehen wir überhaupt unter Gefühlen und wie weit ist die Forschung hier?
Inwieweit macht es uns manipulierbarer und kontrollierbarer?
In dieser Ringvorlesungsreihe greifen wir diese und weitere Fragen auf und
beschäftigen uns damit, wie verschiedene Disziplinen auf dieses Thema blicken.
Mittwochs 18:05-19:45 Uhr, Gebäude S1|03 Raum 223
Programm
| Sitzungsnummer | Datum | Titel | Referent:in |
| 1 | 15.04. | Einführung | Prof. Dr. Martina Heßler/ Dr. Annette Ripper |
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2 |
22.04. |
Tiere, Leben und Emotionspolitik im Moreaucene. Ein körpergeschichtlicher Blick |
Dr. Pascal Eitler (Forschungsstelle für Zeitgeschichte, Hamburg) |
| 3 | 29.04 | Das Tamagotchi als „Ur-Figur“ artifizieller „Gefährten“: Deutungskämpfe um Emotionen in den 1990er Jahren |
Prof. Dr. Martina Heßler (Technikgeschichte, TUDa) |
| 4 | 06.05. | Socio-Ethical Approaches to AI, Therapy, and Justice |
Dr. Amelia Fiske (Geschichte u. Ethik der Medizin, TUM) |
| 5 | 13.05. | TBA | |
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6 |
20.05 | Maschinen wie wir? Risiken und Nebenwirkungen von Anthropomorphismus in der Mensch-KI-Kommunikation |
Prof. Dr. Martina Mara (Psychologie der Künstlichen Intelligenz und der Robotik, J.-K.-Univ. Linz) |
| 7 | 27.05. |
„But she was real to me“ – Praktiken der Beziehungsherstellung im Kontext sprachgenerierender KI |
PD Dr. Nina Kalwa (Uni Tübingen) |
| 8 | 03.06. | Exploring Love with Robots and AI through a Political-Ethical Pronominal Framework of the „Egocentric I“, the „Undifferentiated We“ and „I-You Attachment“ |
Prof. Dr. Kathleen Richardson (Montfort Univ., Leicester) |
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9 |
10.06. | Neue Gefühle? Zur Bedeutung der Interaktion mit Companion AI für unsere Emotionalität |
Prof. Dr. Eva Weber-Guskar (Philosophie, Ruhr-Univ. Bochum) |
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10 |
17.06. |
Diesseits und Jenseits des ‚Uncanny Valley‘. Über den emotionalen Umgang mit Avataren und anderen artifiziellen Wesen |
Prof. Dr. Dieter Mersch (ith Zürich, emeritiert) |
| 11 | 24.06. | Zwischen Sprache und Bild: Politische Internet-Memes als multimodale Positionierungspraktiken | Prof. Dr. Lars Bülow (Linguistik, LMU) |
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12 |
01.07. |
Durch KI mit Toten reden |
Prof. Dr. Jessica Heesen (Medienethik, Univ. Tübingen) |
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13 |
08.07. |
Candy und Shit. Affektivität im digitalen Kapitalismus |
Prof. Dr. Sabrina Schenk (Pädagogik, Univ. Graz) |
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14 |
15.07. |
Abschlussveranstaltung |
Schader Stiftung Darmstadt |
Referent:innen
22. April: Tiere, Leben und Emotionspolitik im Moreaucene. Ein körpergeschichtlicher Blick
Dr. Pascal Eitler, Forschungsstelle für Zeitgeschichte, Hamburg
Der Vortrag wirft einen körpergeschichtlichen Blick auf die sich im Verlauf des 19. und 20. Jahrhunderts stark wandelnde Rolle von Gefühlen für „unser“ Verständnis von und „unseren“ Umgang mit anderen Tieren und dem Leben im Allgemeinen. In diesem Sinne spreche ich von Emotionspolitik als einen wirkmächtigen Versuch, nicht nur „unsere“ Gefühle zu führen, sondern auch mit Verweis auf Gefühle „unser“ Verhältnis zu zahlreichen nichtmenschlichen Wesen zu führen – durch die Bewertung, Zuschreibung oder Aberkennung von Gefühlen. Gefühle dienen hierbei immer stärker sowohl der Unterscheidung zwischen dem, was lebt oder nicht lebt, als auch der Unterscheidung zwischen dem, was leben soll oder nicht leben soll. In diesem Rahmen diskutiert der Vortrag die Begriffe des Anthropocene und des Chthulucene in Konfrontation mit einem körpergeschichtlichen Blick auf das – man könnte sagen – Moreaucene.
29. April: Das Tamagotchi als "Ur-Figur" artifizieller "Gefährten": Deutungskämpfe um Emotionen in den 1990er Jahren
Prof. Dr. Martina Heßler, TU Darmstadt
Seit den späten 1990er Jahren bevölkern virtuelle Haustiere, chatbots und soziale Roboter die soziale Wirklichkeit. Der Vortrag beschäftigt sich mit der Geschichte und Gegenwart digitaler Gefährten als Teil einer digitalen Lebensform. Exemplarisch wird das Tamagotchi als eine Art „Ur-Form“ betrachtet, um die Diskurse und vor allem die Praktiken der Nutzer:innen (oder besser: Pfleger:innen) zu untersuchen. Gezeigt wird, wie Zuneigung, Fürsorge und Verantwortung neu interpretiert wurden, als ein digitales „Haustier“ bei vielen Menschen, nicht nur bei Teenagern, Emotionen hervorrief. Nicht nur wurde aufgeregt neu verhandelt, was als ein Haustier gelten kann. Deutungskämpfe bezogen sich grundsätzlich auf die Frage, inwieweit ein digitales Gerät geliebt werden kann und welche Rolle das Lebendige in zwischenmenschlichen Beziehungen spielen soll.
6. Mai: Socio-Ethical Approaches to AI, Therapy and Justice
Dr. Amelia Fiske, TUM
AI-enabled virtual and robot therapy is increasingly being integrated into mental health practice, supporting a host of emotional, cognitive, and social processes in the therapeutic encounter. Given the speed of research and development trajectories of AI enabled applications, it is likely that therapeutic chatbots, avatars, and socially assistive devices will continue to growing role in both wellness and clinical applications. While AI applications offer potential opportunities for mental health, they also raise important ethical, social, and clinical questions that have not yet been adequately considered for clinical practice. In this talk I reflect on some of these challenges and broader questions of justice in relation to the use of AI in mental healthcare.
20 Mai: Maschinen wie wir? Risiken und Nebenwirkungen von Anthropomorphismus in der Mensch-KI-Kommunikation
Prof. Dr. Martina Mara, Johannes Kepler Universität Linz
Künstlich intelligente Chatbots wie ChatGPT sind jederzeit verfügbar, formulieren oft erstaunlich empathisch und wirken damit nicht selten wie ein menschliches Gegenüber. Darin liegt ein wesentlicher Teil ihrer Faszination, zugleich aber auch eine zentrale psychologische Herausforderung. Die Vorlesung beleuchtet psychologische Mechanismen hinter der Wahrnehmung von KI-Systemen als scheinbar soziale Akteure und diskutiert Folgen eines solchen Anthropomorphismus für die Mensch-Maschine-Interaktion. Im Fokus stehen dabei insbesondere der Umgang mit KI-generierten Informationen, die potenzielle Beeinflussbarkeit von Nutzer*innen sowie mögliche Auswirkungen auf interpersonelle Beziehungen. Vor dem Hintergrund aktueller empirischer Befunde wird dabei auch deutlich, warum ein informierter und kompetenter Umgang mit KI heute eine zentrale Schlüsselqualifikation darstellt. Abschließend gibt Martina Mara Einblick in kreative Vermittlungsformate des Robopsychology Labs, das für die Förderung von KI-Kompetenz in der breiten Bevölkerung unter anderem auf Musik setzt.
27. Mai: "But she was real to me" - Praktiken der Beziehungsherstellung im Kontext sprachgenerierender KI
PD. Dr. Nina Kalwa, Uni Tübingen
Im Reden mit sowie im Reden über sprachgenerierende(r) KI werden grundlegende Aspekte menschlicher Sozialität neu verhandelt. Sprachgenerierende KI wirkt auf Kommunikationskulturen ein und verändert diese. Der Vortrag fokussiert das Reden über Reden mit sprachgenerierender KI, weil sich in metakommunikativen Praktiken ein doppeltes Sich-Ausrichten vollzieht: Man positioniert sich sowohl gegenüber als auch an Large-Language Models, AI Companions oder Sprachassistenten und stellt dabei Beziehungen zu verschiedenen KI-Systemen einerseits und zu menschlichen Gruppen andererseits her.
3. Juni: Exploring Love with Robots and AI through a Political-Ethical Pronominal Framework of the "Egocentric I", the "Undifferentiated We" and "I-You Attachment"
Prof. Dr. Kathleen Richardson, Montfort University Leicester
This talk explores the idea of love with robots and AI. It introduces a political-ethical pronominal framework: the „egocentric I“, the „undifferentiated we“ and „I-you attachment“ to make sense of both the trend and the responses to it. Are we living through a politics of dissociation or one of love? The talk explores ideas set out in Kathleen Richardson's new book, Sex Robots: The End of Love (2025).
10. Juni: Neue Gefühle? Zur Bedeutung der Interaktion mit Companion AI für unsere Emotionalität
Prof. Dr. Eva Weber-Guskar, Ruhr-Universität Bochum
Während weltweit um die 100 Millionen Menschen soziale Chatbots nutzen, um mit ihnen emotionale Beziehungen zu führen, nutzen etwa 3,2 Milliaren Menschen allgemeine LLM-basierte Chatbots, und auch dabei geht es oft um Gefühle, seien es eigene Stimmungsschwankungen oder Unsicherheiten in Liebesbeziehungen. Bevor empirisch zu untersuchen ist, wie sich diese Praktiken mittel- bis langfristig auf unsere Emotionalität auswirken werden, ist konzeptionell zu klären, worin diese Veränderungen bestehen könnten. Eine Hypothese lautet, dass neue Emotionstypen entstehen könnten. In dem Vortrag wird vor dem Hintergrund der allgemeineren Diskussion zu „Neo-Emotions“ erörtert, inwiefern das möglich ist. „Nostalgie“ etwa ist heute ein bekanntes Phänomen, tauchte aber erst im 17. Jahrhundert als Begriff auf. In der Umweltethik versucht man, den Begriff der „Solastalgia“ zu etablieren. Könnte sich ein interpersonal übergreifendes, als Disposition stabiles, emotionales Phänomen in Bezug auf Emotionen simulierende KI-Avatare entwickeln, das begrifflich präzisiert Eingang in unser Selbstverständnis findet?
17. Juni: Diesseits und Jenseits des 'Uncanny Valley'. Über den emotionalen Umgang mit Avataren und anderen artifiziellen Wesen
Prof. Dr. em. Dieter Mersch, ith Zürich
Der japanische Robotiker Masahiro Mori hat in einem kleinen Essay mit dem Titel Bukimi no tani genshō das Phänomen des ‚Uncanny Valley‘ eingeführt. Es spielt auf die Akzeptanzlücke zwischen artifiziell und realistisch anmutenden Kunstgestalten wie Avatare und Roboter an: Je näher sie uns selbst scheinen, desto erschrockener weisen wir sie zurück. Das Phänomen ist ebenso rein hypothetischer Natur wie es in zahlreichen psychologischen Studien kontrovers untersucht worden ist – dabei zielte Moris Ansatz vor allem auf eine ethische Diskussion des verbreiteten hypermimetischen Illusionismus: Wie sollen künstliche Wesen stattdessen designt werden, wenn sie durch uns emotional angenommen werden sollen? Der Vortrag bezieht dabei eine Vielzahl von Modellen ein: Von Industrierobotern über Boston Dynamics bis zu Sexrobotern, Science-Fiction Humanoiden und Computerspiel-Avataren, um ihre Schwachstellen und Grenzen aufzuzeigen.
24. Juni: Zwischen Sprache und Bild: Politische Internet-Memes als multimodale Positionierungspraktiken
Prof. Dr. Lars Bülow, LMU
Politische Debatten verlagern sich zunehmend in digitale Öffentlichkeiten.
Welche Rolle spielen dabei Internet-Memes, die Positionen zu Themen wie
Klimawandel oder Migration pointiert darstellen? Der Vortrag analysiert
Internet-Memes zu verschiedenen politischen Diskursen auf der Grundlage
qualitativer und quantitativer Verfahren im Hinblick auf multimodale
(sprachliche und bildliche) Muster der Positionierung.
1. Juli: Durch KI mit Toten reden
Prof. Dr. Jessica Heesen, Universität Tübingen
Viele Menschen verbringen einen Großteil ihres Lebens in und mit digitalen Medien. Ist es nicht reizvoll, auch nach dem Tod noch im Digitalen präsent zu sein? Künstliche Intelligenz macht es möglich, dass Verstorbene als Avatar oder Chatbot „weiterleben“ und sich mit den Hinterbliebenen unterhalten. Der Vortrag stellt die Angebote der digitalen Trauertechnologie vor und diskutiert sie aus ethischer Perspektive.
8. Juli: Candy und Shit. Affektivität im digitalen Kapitalismus
Prof. Dr. Sabrina Schenk, Universität Graz
Soziale Medien sind zu zentralen Infrastrukturen zeitgenössischer politischer Kommunikation geworden und prägen sowohl die Themen als auch die Formen öffentlicher Meinungsäußerung. Affektiv aufgeladene Inhalte – unabhängig von ihrem Wahrheitsgehalt – zirkulieren mit besonderer Intensität und erreichen innerhalb kurzer Zeit transnationale Öffentlichkeiten. Diese Dynamik ist eng mit plattformspezifischen Aufmerksamkeitsökonomien verbunden, die Sichtbarkeit in ökonomisches, soziales und politisches Kapital übersetzen und zugleich neue Formen von Verwundbarkeit und Ausschluss hervorbringen. Der Vortrag untersucht die strukturelle Logik dieser Dynamiken und fragt danach, wie Affekt, algorithmische Verstärkung und ökonomische Anreizsysteme in der Produktion politischer Diskurse, aber auch im sozialen Miteinander.