Interview

Susannah Martin JUST NATURE

16. März – 26. Mai 2019

 

Susannah Martin im Gespräch mit Julia Reichelt, Kunstforum der TU Darmstadt

Kunsthistorisch gesehen erzählt die Art und Weise, wie der Akt in der Malerei dargestellt wird, viel über die jeweilige Gesellschaft. Was erzählen Deine „Nackten“ über unsere Zeit?

Es gab und gibt immer noch kein „Rezept“, wie ein weiblicher und auch ein männlicher Akt präsentiert werden sollten.

Wir sind es gewöhnt, den Akt aus der Männerperspektive zu sehen. Der gemalte Akt der Frau zeigt sich in der Geschichte der Kunst fast ausschließlich aus der Position des „Male Gaze“, beobachtet und gemalt aus der Perspektive „des männlichen Blicks“.

Vor allem gilt, dass der weibliche Akt appetitlich dargestellt werden soll. Das heißt, Appetit erregend, leicht zu konsumieren und schmackhaft. Die Frau soll maximal passiv sein, am liebsten liegend. Sie soll dem Betrachter nicht direkt in die Augen schauen, sondern lieber keusch wegschauen. Sie soll keine Miene verziehen oder starke Gefühle zeigen, und selbstverständlich soll sie jung und schön sein. Männliche Aktbilder sollen eher körperliche Kraft, dynamische Potenz und Männlichkeit ausstrahlen. Es ist klar, dass ich an manchen Regeln festhalte – während ich die Grenzen von anderen Regeln auslote. Der langsame Prozess des Regelbiegens ist für mich Aufgabe jeder Künstlerin.

Was meine „Nackten“ über unsere Zeit am meisten erzählen, ist wahrscheinlich die Geschichte der Selbstbestimmung der Frau.

Die Bilder deiner „Nackten“ zeigen über den nackten menschlichen Körper hinausgehend auch Landschaften, der Mensch ist stets eingebunden in die Weite der Natur. Was bewegt Dich, Akt und Landschaft miteinander zu verbinden?

Ein wichtiges Ziel meiner Arbeit ist und bleibt es, das Thema „Akt in der Landschaft“ zu vergegenwärtigen. Früher konnte man den „Akt in der Landschaft“ als etwas Natürliches verstehen. Heute wirkt das eher absurd. Mit dieser Entfremdung oder diesem Gefühlt-Absurden spiele ich freilich: Die bunten Kunststoffelemente, die meine Menschen begleiten, betonen die Diskrepanz zur Natur, das Entfremdet-Sein von der Natur. Unser Kunststoffspielzeug ist einfach nicht mehr wegzudenken in unserer heutigen Welt.

Darum sind sie jetzt auch Teil meiner Gemälde. Hässliche Elemente herauszufiltern, um ein ästhetisches Bild zu liefern, erscheint mir unehrlich.

Was ebenfalls nicht mehr wegzudenken ist in unserer Zeit, ist die Kamera – sie ist oft der Ausgangspunkt für Deine Arbeiten. Gerade bei „Amazone“ mit der ausgeprägten Untersicht fällt das auf.

Seit Andy Warhol und der US-Popkunst und dem daran anschließenden Fotorealismus hat das künstliche Auge der Kamera einen festen Platz in der Malerei. Der allzeit präsente künstliche Beobachter ist in unserer Zeit nicht mehr wegzudenken. Dieses dritte Auge spielt in meiner Arbeit eine große Rolle. Natürlich ist auch das Internet nicht wegzudenken aus meiner Arbeit.

Ich fotografiere meine Models stets selbst draußen in der Natur. Jedes meiner Bilder beginnt mit einer Kamerabeobachtung: Was geschieht, wenn ein unbekleideter Mensch mit der freien Natur zusammentrifft.

Deine Gemälde werden ja auch regelmäßig in den Social Media zensiert …

Ja, das finde ich sehr nervig. Die Social Media Präsenz ist heutzutage für jeden Künstler unentbehrlich. Wenn Bilder gelöscht werden, das Konto blockiert oder sogar gelöscht wird, ist das ein entscheidender Nachteil. Die meisten Menschen, die mit Kunst zu tun haben, finden diese Zensur absurd. Einerseits besteht die Notwendigkeit, eine große öffentliche Präsenz deiner Arbeit zu haben, andererseits bedeutet das auch, auf viele Menschen zu treffen, die mit deiner Arbeit nichts anfangen können und die den Unterschied zwischen Kunst und Pornographie nicht verstehen.

Deine Menschen sind „von heute“, die Bilder bergen aber gleichzeitig viele Anspielungen an kunsthistorische Vorbilder, wie in „Besuch bei Onkel Albrecht“ oder „Le Déjeuner de l´Herbe est Fini“.

Es ist schwer, alle Einflüsse in meinen Bildern zu benennen. Ich bin in einer Künstlerfamilie groß geworden. Es gab hunderte von Kunstbüchern bei uns zu Hause, und ich bin oft als Kind mitgeschleppt worden ins Museum, was mir immer als große Freude in Erinnerung geblieben ist.

Ich habe parallel zu meinem Studium der Freien Kunst in New York extrem viel Kunstgeschichte studiert. Ich konnte nicht genug davon bekommen. Aber ich habe immer eine besondere Neigung zur Nordeuropäischen und Niederländischen Früh- und Spätrenaissance Malerei gehabt wie zum Beispiel Memling, Van Eyck, Van der Goes, Holbein, später Vermeer, Rubens, Van Dyck, Schneider und vielen anderen Niederländischen Stillleben-Malern und Malerinnen.

Ich liebe obsessiv zwanghaft Malerei. Mir war die Leichtigkeit des Südens immer fremd. Ich erfreue mich auf jeden Fall auch an Italienischer, Französischer oder Spanischer Renaissance, aber mein Charakter ist anders.

Was ist mit der Zeit des Barock, die Dich offenkundig auch inspiriert? Ich sehe das in Deinen Bildern subtil in der überbordenden Lebenslust, aber auch in dem neuen Bild „Artist“, wo barocke Personen um die Hauptfigur herumschweben …

Ich setze mich ständig mit der Kunstgeschichte auseinander. Die Komposition von „Salon Dogs“ nimmt zum Beispiel als Inspiration verschiedene Bilder der Italienischen Renaissance auf, aber besonders die Neuinterpretation barocker Themen durch William Adolphe Bouguereau im späten 19. Jahrhundert, beispielsweise die „Geburt der Venus“ mit den herumschwebenden Putten.

Bouguereau ist der Inbegriff eines Malers der französischen Salons im späten 19. Jahrhundert. Er war Direktor der École des Beaux Arts in Paris und insofern der „Polizeichef der Ästhetik“ überhaupt.
Ich nehme immer wieder die Jahre der französischen Salons als Ausgangspunkt meiner Malerei, weil diese Zeit ziemlich genau unsere heutige Welt der Kunstmessen und des Aufmarschs des Populismus in der Kunst durch das Internet widerspiegelt.

In Bouguereau erkennt man den ersten Einfluss der Fotografie auf die figurative Malerei. Er sah die Fotografie als Werkzeug, um seine technische Perfektion noch weiter voran zu treiben. Die Impressionisten haben ihn dafür gehasst und bekämpft. Sie waren natürlich der Meinung, dass es überhaupt keinen Sinn mehr macht, nach Realismus zu streben angesichts der Entwicklung der Kamera. Sie haben die Kamera zu Recht als Befreiung begriffen.

In unserer post-modernen Zeit sind wir als Künstler an den Punkt gekommen, wo wir unglaubliche Werkzeuge zur Verfügung haben und uns kein Dogma mehr vorschreibt, was wir machen oder nicht machen sollten. Kein Dogma außer dem Kunstmarkt und der ist genauso erbarmungslos wie die Akademie im 19. Jahrhundert!

Es gibt aber auch die subtilen Anspielungen in Deinen Bildern, die mehr mit der Art und Weise, wie Du den menschlichen Körper darstellst, zu tun haben – in Aktion, nicht „hingegossen, ergeben“, wie der weibliche Akt jahrhundertelang mit Vorliebe dargestellt wurde. Ich denke da an Anders Zorn oder Edgar Degas.

Genau auf diese Darstellung der Frau wollte ich reagieren, als passiv-liegender weiblicher Akt. Ich will nicht sagen, dass Frauen nicht mit Begierde angeschaut oder dargestellt werden dürfen, nur dass die Frauen viel mehr Dimensionen besitzen als ihre Anziehungskraft.

Das haben Anders Zorn und Edgar Degas auch verstanden und versucht darzustellen. Degas hat darüber geschrieben, dass er die Frau als „Individuum, das mit sich selbst beschäftigt ist“, darstellen will. Bei Anders Zorn sind die Frauen immer beschäftigt und in Bewegung, auch wenn sie nackt sind. Diese „mit sich selbst beschäftigte“ Darstellung in Aktion deutet natürlich auf ihre Unabhängigkeit und Selbstbestimmung hin.

Auch in der Darstellung von Peter Paul Rubens ist alles in Bewegung. Selbst wenn jemand sitzt, verleihen seine Pinseltechnik und Komposition dem Bild Lebendigkeit. Seit langem versuche ich, diese Bewegung in meine Bilder hereinzubringen, was nicht so einfach ist, weil meine Maltechnik nicht aus lockeren Pinselstrichen besteht und weil ich eine eher skulptural-plastische Handlung für die Figuren bevorzuge. Das ist für mich ein ständiger Prozess, eine Dauerherausforderung, Bewegung und Lebendigkeit zu schaffen, ohne die Form zu verlieren.

Für mich zeigen diese Bilder oft etwas von der Aufbruchsstimmung der Lebensreformbewegung, wenn ich an die Naturalisten, Alfred Koch oder die ersten Hippies auf dem Monte Verità bei Ascona denke. Gerade Dein „Hirte“ erzählt von diesem Wunsch nach Idylle und heiler Welt am Anfang des 20. Jahrhunderts, in der Mensch und Tier einträchtig in der Natur leben.

Ich habe natürlich andere Assoziationen, weil ich in den USA aufgewachsen bin. Von der Lebensreformbewegung und den Naturalisten hörte ich erst, als ich nach Deutschland kam. Aber ich bin praktisch in einer Hippiefamilie groß geworden. Das hat schon einen starken Einfluss auf meine Denkweise gehabt. Die Hippiebewegung in den USA hat vor allem mit dem Aussteigen zu tun: anti-autoritär, anti-Krieg und für sexuelle Emanzipation, besonders für die Frauen durch die Pille. Aber nicht nur für die Frauen, auch für Homosexuelle war das der Anfang ihres Gleichberechtigungskampfes mit Stonewall und in den USA alles übergreifend der „Civil Rights Movement“, also dem Kampf für die Gleichberechtigung der African Americans.

In jeder Hinsicht ging es um die Befreiung von Sozialzwängen. Ich glaube, für mich sind wir durch das Internet und die Millennial Generation in eine zweite Hippiezeit gekommen. Das war, glaube ich, der Auslöser für meine Aktbilder. Diese große Lust zur Befreiung lag sozusagen in der Luft. Jetzt spielen aber Naturschutz und unsere Verbindung zur Natur eine viel wichtigere Rolle, da wir näher an eine weltweite Klimakatastrophe rutschen.

Genau jetzt zeigt sich dieser Kampf zwischen Rechts und Links, zwischen kapitalistischem Denken und nachhaltigem / sozialem Denken deutlicher denn je. Ich finde, die Hippies waren wichtige Vorbilder für unsere heutige Gesellschaft, aber wir brauchen auch ordentlich Malcom X dazu.

In „Hirte“ sind ja die Tiere noch ganz zahm – was sich bei späteren Bildern ändern wird, wenn ich an „Balztanz“ denke oder an „Le Déjeuner sur L´Herbe est Fini“, wo die Affen richtiggehend die Macht ergriffen haben und sich ganz schön breit machen.

Wenn es um Naturschutz und gerechtes Verhalten geht, habe ich das Gefühl, dass Tiere die besseren Wesen sind. Und sie sind auf vielen Ebenen intelligenter als wir. Sie würden beispielsweise niemals bewusst Gift zu sich nehmen, wie wir es machen. Vielleicht haben sie es mehr verdient, die Erde zu erben.

Welche Rolle spielen die Tiere? Kormorane, Füchse, Hunde, Fische …

Die verschiedenen Tiere haben alle ihren eigenen Charakter. Manche sind lieb, passive Pflanzenfresser wie Rehe oder andere kluge Jäger wie Füchse und Kormorane. Wir können unsere eigenen Grundtriebe gut in den Tieren wiedererkennen. Natürlich ist die Beziehung zwischen Mensch und Hund besonders. Wir können uns sehr gut verstehen. In meinen Bildern sind die Hunde immer Ausdruck für unseren freien, von Sozialzwängen befreiten Geist. Unsere wilde Seite sozusagen.

Welche Tiere ziehen Dich an und warum?

Eigentlich ziehen mich alle Tiere an, und ich habe Lust, viel mehr Tierarten zu malen. Es wird noch viel mehr kommen. Ich finde alle Tiere schön und sie sind es Wert gemalt zu werden, alle Menschen auch. Ich werde so viele malen, wie es mir möglich ist, bevor ich sterbe.

Die Interaktion mit den Tieren changiert zwischen Spiel bei „Salon Dogs“ beispielsweise, wo sie in die Höhe springen, und Bedrohung wie bei „Balztanz“, „Le Déjeuner sur l´Herbe est Fini“ oder „La Fête du Renard“ im neuesten Bild.

Ich denke, wir können unser menschliches Verhalten klar wiederfinden oder gespiegelt sehen im Tier und uns durch diese Abstraktion besser verstehen. Ich glaube schon, dass wir alle aus Natur, aus dem gleichen Stoff, der gleichen Energie gemacht sind. Am Ende sind wir eins.

Ich persönlich fühle mich eigentlich nur heil, wenn ich mich als Teil der Natur, als Teil einer Einheit sehe. Heute habe ich diese Form, morgen wird es eine andere sein. Daraus entstehen selbstverständlich Liebe und Respekt für alles, was lebt.

Es gibt auch das ruhigere Versunken-Sein in der Natur, bei „Sammler“ zum Beispiel.

Ja, dort ist eben dieses „Eins-Sein mit der Natur“ bildlich dargestellt. Das sind wir eigentlich, wenn wir es erlauben. Ich habe aber schnell gesehen, wie unbequem sich solche eher meditativen Bilder auf die Betrachter auswirken. Ich glaube, der heutige Mensch hat große Schwierigkeiten, mit Kunst zu meditieren oder beim Betrachten von Kunst zur Ruhe zu kommen. Dafür sind unsere Gehirne zu unruhig, ständig wollen sie stimuliert werden.

Die allerersten Bilder in dieser Richtung waren strenger konzipiert, zeigten den reinen Akt und nur die Landschaft: „Aufstieg“ zum Beispiel kontrastiert monumentale Bergwelten und eine nackte Familie, die „alles hinter sich lässt“, wie der Titel andeutet. Auch hier beginnt schon ein Bruch, eine Spannung und Absurdität, die im allerersten Aktgemälde von Dir, „Der Fluss“, vielleicht noch fehlt?

Ja genau. Für mich war relativ schnell klar, dass wir schon zu weit weg sind von der Natur, um ein reines „Akt in Natur Bild“ mit auf richtigem Realismus einfach glatt zu verdauen. Es wirkt einfach absurd oder weltfremd, egal wie ehrlich oder echt die Situation sein mag. Daher habe ich angefangen, unser Misstrauen in der Selbstverständlichkeit der Mensch-Natur-Beziehung zum Thema zu machen.

Der entblößte, schutzlose Mensch bekommt Accessoires und Requisiten, die sich im Laufe der Zeit in Deinen Gemälden verändern. Er ist nicht allein – es gibt andere Menschen oder Tiere an seiner Seite und ungesunde Süßigkeiten und Plastikspielzeug …

Ohne Requisiten geht es kaum noch. Der Mensch kann sich nur sehr schwer ohne sein Zeug vorstellen. Wir tun uns sehr schwer, uns „nur“ als Teil der Natur zu sehen. Dafür ist unser Ego zu stark. Wir wollen größer sein, mehr sein, wichtiger sein als die Pflanzen und Tiere.

Wenn die Requisiten reinkommen, kann der Mensch sich wiederfinden. Er bleibt aber nackt, weil ich will, dass die Naturverbindung trotzdem immer Thema / Fakt bleibt.

Gerade die ganz neue Serie von Dir, in der golden-glänzende übergroße Ballonschlangen zum Hauptrequisit werden wie in „Helium“, „Float“ oder „La Fête du Renard“ oder wenn ich an Bilder denke wie „Bavaria“, das eine überbordende Fülle an Figuren und Motiven zeigt, dazu ein quietschbunter blauer Himmel – ist das nicht schon „Kitsch“?

Das Wort Kitsch bedeutet im Englischen „the imitation of art“. Ich glaube nicht, dass ich Kunst imitiere oder nachahme, ich mache mein eigenes Ding. Ehrlich gesagt habe ich noch nie ein Bild wie „Helium“ gesehen. Es gibt natürlich Elemente, die an andere Kunst oder Künstler erinnern, vielleicht an Jeff Koons wegen der Luftballons. Assoziationen mit anderen Elementen der Kultur gibt es immer, damit habe ich kein Problem.

Ich bin auch nicht sicher, ob uns Begriffe wie „high-brow art“ und „low-brow art“ wirklich helfen.

Ich finde oft extrem wertvolle Einsichten in der Kunst über Werke, die als „geschmacklos“ gelten. Ich halte es für wichtig, die Grenzen des „guten Geschmacks“ zu testen. Regeln der Ästhetik sind auch eine Form von Sozialzwang. Ich bin doch ein Hippie, ich fühle mich verpflichtet, denen gegenüber nicht allzu viel Respekt zu zeigen!

Nach dem Studium der freien Kunst in New York hast Du als Bühnen- und Kulissenmalerin gearbeitet. Seit 2004 widmest Du Dich wieder der freien Malerei. Nach dem Porträt hast Du den Akt als wichtigstes Motiv für Dich entdeckt, was reizt Dich an dem Thema?

Ich musste vor allem wieder Menschen malen. Ich habe es so vermisst, und Menschen zu malen ist, was mir Freude bringt. Man kann viele Gründe nennen, aber am Ende gibt es eigentlich nur einen: Liebe.

Man malt Menschen aus Liebe zu den Menschen.

Die Aktmalerei ist am schönsten, weil man den ganzen Körper malen kann und nicht nur das Gesicht. Ich male auch gerne Portraits, aber nicht als Auftrag. Die Erwartungen, die mit einem Portraitauftrag verbunden sind, sind mir zu viel, sie machen mich nervös und lähmen mich.

Wie ist Deine Situation / Rezeption als weibliche Künstlerin in Deutschland?

Schwierig, aber nicht nur in Deutschland. Eigentlich schauen viele Menschen gerne Aktbilder an, haben aber Angst, eins an die Wand zu hängen. Es gibt auch in Deutschland Menschen, die figurative Malerei grundsätzlich ablehnen.
Es gibt auch welche in Deutschland, die realistisch gemalte Aktbilder mit Nazikunst verbinden. Da kann ich leider nichts dafür.

Ich weiß nicht, ob es bei der Rezeption meiner Bilder eine Rolle spielt, dass ich eine Frau bin. Bis jetzt habe ich nicht so den Eindruck. Es ist eher eine starke Reaktion auf mein Sujet und die Art, wie ich male. Ich glaube aber, dass es daran liegt, dass der Akt nicht so prävalent ist in der deutschen Kunstgeschichte, im Gegensatz zu anderen europäischen Ländern wie Frankreich oder Italien.
Ich bin mir nicht sicher, warum das so ist. Ich vermute aber, dass es eventuell mit der Reformation zu tun hat, als alle Bilder und Skulpturen aus den Kirchen entfernt wurden. Man darf nicht vergessen, dass viele Jahrhunderte lang die Menschen Kunst nur in der Kirche erleben konnten.

Eine Sonderrolle spielt „Gorge“, was hat es mit diesem Bild auf sich?

Der Titel „Gorge“ kommt von den High Falls Gorge in den Adirondack Mountains in New York State. „Gorge“ bedeutet „Schlucht“. Diese High-Falls-Schlucht habe ich besucht und fotografiert. Sie hat mich sehr beeindruckt, insbesondere mit welcher Gewalt das Wasser durchströmt. Das Mädchen habe ich ebenfalls fotografiert, aber an einem anderen Ort, ein paar Wochen zuvor.
Als ich dann die High Falls Gorge besuchte, brachte ich das Mädchen sofort damit in Verbindung. Es hat mit ihrer Intensität zu tun, die praktisch psychisch von gleicher Intensität ist wie die physische Kraft des Wasserfalls. Ihr Blick und ihre Ausstrahlung deuten auf eine Epiphanie hin, nach einem langen Kampf durchs Wasser. Sie schaut nach oben und wird von einem dünnen Wasserstrahl getroffen, als ob sie sich ihres wahren Ichs bewusst wird – so sehe ich das. Also handelt es um einen Moment spiritueller Erleuchtung oder Erwachens. Und ihr wahres Selbst ist eigentlich genau ihr Eins-Sein mit der Natur.

Welche Landschaften inspirieren Dich?

Eigentlich alle Landschaften, außer vielleicht die Wüste. Also, feucht und grün gefällt es mir am besten, überall wo eine große Vielfalt an Pflanzen, Bäumen, Pilzen usw. wächst.

Besonders inspiriert bin ich von Bergen, weil der malerische Raum eine große Rolle spielt in meiner Arbeit. Eine Berglandschaft ist natürlich der ideale Bühnenbildhintergrund für meine Schauspieler.

Die Stimmung in Deinen Bildern verändert sich im Laufe der Zeit – ich empfinde sie zunehmend als gelöster, spielerischer – das neueste Bild: leichtes, fast schwebendes Material der Luftschlangen, das die Figur trägt, die um sie herum tänzelnde Füchse. Ein weiblicher Gegenpart zu „Salon Dogs“.

Ich möchte immer mehr Bewegung in die Bilder bringen. Mehr Leben, mehr Bewegung. Vielleicht ist es eine Phase. Ich kann noch nicht sagen, wo es hinführt und wieso, aber ich weiß, dass es vor allem wichtig ist, keine Angst zu haben. Man muss den inneren Hinweisen / Stimmen folgen, egal wohin, und mal schauen, was passiert. Wie man sieht, basiert mein Malstil auf Kontrolle. Kontrolle führt oft zu Angst. Ich möchte diese Angst besiegen.

Utopisch, Leichtigkeit, Freiheit, Loslassen sind Stichworte, die mir bei Deiner Kunst einfallen.

Ja, das stimmt und es ist erstaunlich. Meine Kindheit war sehr traurig, mit Einigem an Traumata und Verlust. Ich habe viele Depressionen und dunkle Jahre hinter mir. Für viele Menschen ist die Kindheit die schönste Zeit ihres Lebens und sie bewegen sich eher später ins Schwere. Ich habe es mir bewusst zum Ziel gesetzt, irgendwann mal frei zu sein von den frühen Schmerzen und vielleicht, wer weiß, doch eine schöne Kindheit in späten Jahren zu erleben. Ich glaube, dass ich mich in diese Richtung bewege. Vielleicht will ich eine Welt malen, in der das Leben ein wunderschönes Fest ist – und das ist es auch, auch mit den ganzen Schmerzen. Wir dürfen niemals aufhören wahrzunehmen, wie unfassbar schön unsere Welt ist und das Leben als Geschenk zu sehen. Kunst darf sich auch mit Freude beschäftigen, das ist legitim. Kunst darf auch Humor haben. Man darf auch lachen vor der Kunst oder mit der Kunst. Das vermindert ihren Wert überhaupt nicht, meiner Meinung nach.

Was hat es mit den Titeln auf sich, die oft besonders sind?

Viele Bilder, aber nicht alle, erzählen im Titel einiges über meine Absicht: „Give up Your Drugs“ bedeutet wörtlich „Sucht aufgeben“, süchtiges Konsumverhalten. Die Frau droht, dich mit einem Stein zu schlagen, solltest du es nicht schaffen. Das ist natürlich ein Gespräch mit sich selbst. Genauso ist es bei dem Titel „The Day I Quit“. Es handelt sich um einen inneren Prozess des Loslassens, was übertragen wird auf den nackten Mann, der mit den Hunden spielt. Der Mann bin ich. Es ist in Bildern genauso wie in Träumen, jeder Charakter bist du selbst in verschiedenen Ausdrucksformen.

JUST NATURE – was bedeutet der Ausstellungstitel für Dich in Bezug auf deine Malerei?

Ich finde ihn lustig! Er ist ein bisschen scherzhaft oder ironisch. Natürlich ist das alles so künstlich, wie es überhaupt sein kann. Es ist ein Wortspiel, mit dem wir aber auch sehr ernsthaft über unser wahres Selbst und unseren Bezug zur Natur nachdenken können!

Dem Ruf von Rousseau „Zurück zur Natur“ – würdest Du ihm folgen?

Ja, da ist was dran. Ich lebe ziemlich reduziert. Ich fahre kein Auto, nur Fahrrad zum Beispiel. Am liebsten gehe ich zu Fuß, besonders im Wald. Ich stimme ihm auf jeden Fall zu, dass wir allein in der Natur heil sind. Dies wird jetzt übrigens auch von vielen Gehirnwissenschaftlern bestätigt, dass unsere Gehirne besonders in der freien Natur stimuliert und optimiert werden. Wir brauchen sie mehr als wir wissen. Rousseau hat es ziemlich früh begriffen, in welche Richtung sich die Menschheit bewegen sollte.