HOME SWEET HOME

September 12 to November 15, 2020

As part of the 11. Darmstadt Photography Days “Bizarre Escapes – Humour in photography”, the Kunstforum der TU Darmstadt shows its first outdoor photography exhibition HOME SWEET HOME. At six central locations in the city and in the Konsum Mathildenhöhe (Pützerstraße 6, 64283 Darmstadt) the Kunstforum der TU darmstadt presents 90 photographic works by international artists and make them usable for art in public space for the first time in Germany.

In HOME SWEET HOME, the own home becomes an unconventional projection surface for different confrontations: with oneself, own past or origin – or with a partner. The cozy home serves as a refuge and protected space, in which – inspired by the imagination – bizarre escape opportunities arise.

Humour is not resigned; it is rebellious. It signifies not only the triumph of the ego but also of the pleasure principle, which is able here to assert itself against the unkindness of the real circumstances. (Sigmund Freud)

The exhibition, curated by Julia Reichelt (Head of the Kunstforum der TU Darmstadt), brings together international stars of the photo art scene such as Erwin Wurm and Ren Hang, the pioneers of staged photography Anna and Bernhard Blume. It shows the photographic works of AdeY, Pixy Liao, and Alexey Shlyk for the first time in Germany and to this extent the Finnish artist Iiu Susiraja.

With artworks by: AdeY, Katrin Binner, Anna & Bernhard Blume, Ren Hang, Andy Kassier, Pixy Liao, Alexey Shlyk, Iiu Susiraja, Erwin Wurm

Exhibition locations

Participating artists

AdeY: “Portrait” (2016)

In seinen Fotografien arrangiert der ehemalige Tänzer und Choreograph AdeY seine Modelle skulptural: Oft nur mit Turnschuhen bekleidet gruppieren sie sich zu geometrischen Gruppen, eng aneinander gelehnt oder übereinan- der gestapelt. Das zivilisatorische Gerüst unseres Alltags wird als solches sichtbar und humorvoll hinterfragt. Der schwedisch-britische Künstler kombiniert seine Protagonisten in der schnörkellosen Umgebung einer Waschküche (Laundry Time, 2015) oder legt sie in ein leeres Regal (Modern Living, 2017).

Er platziert sie in gestapelten Kisten, wie in Product Placement France (2018). Eine Anspielung an eine der bekanntesten Fotoserien von Will McBride, die „Kistengeschichten“. Die sechzehn Dar- steller des damaligen Münchner Hair Musicals bildete McBride für sein Magazin Twen nackt ab und inszenierte sie in elf Kisten – als Protest gegen den Vietnamkrieg und als Plädoyer für ein freies Leben, in der jeder sich anders in seiner Nacktheit zeigen darf, nachdenklich, verschämt, unbekümmert.

Der inzwischen ebenfalls zur Fotoikone gewordene Rückenakt der Mitglieder der Kommune 1 von Thomas Hesterberg Kommune I (1967) ist ein weiteres Motiv, das AdeY in Hangout Part IV (2017) aufgreift. Auch dies ist eines der mar- kantesten Bilddokumente der 68er-Bewegung in Deutschland, zugleich Symbolbild für die sexuelle Revolution. Die Sehnsucht nach der damals postulierten freien Gesellschaft findet auch in AdeYs Accumulate (2017) seinen Aus- druck. Drei Frauen klettern nackt auf einem Baum im Hinterhof eines Hauses – ein zeitgenössisches „Kommunenfoto“? Weitere Anspielungen in AdeYs Arbeiten an künstlerische Vorbilder sind ebenfalls aufschlussreich: So erinnert After you (2018) an die Performance Imponderabilia (1977) von Ulay und Marina Abramovic, als die Museumsbesu- cher*innen sich an den beiden unbekleideten Künstlern vorbei den Weg in die Ausstellung bahnen mussten.

Eine humorvolle Interpretation der darwinschen Evolutionslehre ist Evolution Part II (2018). Der Weg zum „aufrech- ten Gang des Menschen“, wie er von Darwin postuliert wird, konterkariert AdeY durch die komische Aneinander- reihung von gekauerten bis stehenden Menschen, von denen die letzte Person kopfüber und eben nicht aufrecht steht. AdeYs Fotos vermeiden das Individuelle. Er zeigt die Gesichter der Beteiligten nicht und erreicht so eine stärkere Identifikation mit den Betrachtenden. Das Recht auf Unterschiede treibt seine Bilder an. Humorvoll und experimen- tell visualisieren sie die menschliche Verwundbarkeit und Einsamkeit, aber auch die Stärken. In Devotion (2017) ist das „Heim“ bereits zusammengebrochen und zur Ruine verkommen. Am letzten Balken klammern sich zwei Perso- nen aneinander – was bleibt ist die Bindung als letzter Strohhalm inmitten einer zusammengebrochenen Welt.

AdeYs Werke sind politisch motiviert. Sie erkunden, wie die Gesellschaft definiert ist, wer wir sind und wie wir wahr- genommen werden. Der Mensch wird in äußere Strukturen eingepasst – ob es ihm entspricht oder nicht. Die Empfindsamkeit der ungeschützten Haut kontrastiert die Unwirtlichkeit der zivilisatorischen Umgebung. Sei es die Waschküche mit ihren kühlen Kacheln und der Waschmaschine oder die eckigen Fächer des vorgefertigten leeren Regals. Der verletzliche Körper wird darin eingepfercht und das Gefühl des Andersseins verstärkt. Doch zum Glück gibt es ja noch die Anderen, an die man sich kuscheln kann. Ein Plädoyer für Toleranz.

Der Blick fällt zunächst auf die Beilagen: pralle Trauben und eine Gurke, dann die gelb leuchtenden Zitronen, das blitzende Goldgeschirr.

Aber die ungute Ahnung, dass Großmutter hier nicht zum Sonntagsbuffet eingeladen hat, macht sich so breit wie das weiße Geistertuch. Man will dieses Etwas ignorieren. Oder zumindest als Decke glattziehen, um wieder Ordnung auf den Tisch zu bringen. Hat man den Geist einmal als nackte Frau enttarnt, eingehüllt in eine dünne Plastikdecke, ist der Blick verdorben.

Nichts, was hier glänzt, ist gold: Kantinengeschirr und Pappteller, die Fake-Goldtassen, zerbrochen, die Ananas ungenießbar, das Ei: so gut wie erledigt. Alles wird zur Fassade oder Vordergrund, vergänglich und fragil. Katrin Binner spielt in dieser Fotoarbeit die klassischen Genres der Kunstgeschichte gegeneinander aus. Rückenakt schlägt Stillleben.

Anna und Bernhard Blume: “Ein Psychopathetischer Vorgang” (1985 – 1990) Bild: Anna und Bernhard Blume / VG Bildkunst

Anna und Bernhard Blume gehören zu den Pionieren der Experimentalfotografie. Weit entfernt von digitaler Bild- bearbeitung und Photoshop bringen sie sich selbst und diverse Alltagsgegenstände in irrwitzige Situationen und Positionen.

In ihren Fotografien gerät die häusliche Welt aus ihren Fugen: Schon in der 1984 entstandenen Serie Im Wahn- zimmer entledigt sich stabiles Mobiliar seiner Schwerkraft, fliegt Bernhard Blume mit einer Vase durch die Luft. In Küchenkoller (1986) sind es Kartoffeln, jongliert mit unsichtbarer Hand, und mitten im Kartoffel-Punkte-Chaos eine mit dem Stuhl stürzende Anna Blume. In den Bildsequenzen der Serie Trautes Heim. Ein psychopathetischer Vorgang (1985/86) werden sowohl die Küche als „Keimzelle der Hausfrau“ als auch das Wohnzimmer zum Tatort spieleri- scher Demontage der kleinbürgerlichen Ordnung.

In diesem „trautem Heim“ ist nichts mehr sicher und stabil. Immer passiert etwas, immer gibt es eine Geschichte und eine Übertragung ins Symbolische, ein Spiel mit der Kunstgeschichte und ein Spiel mit dem Leben an sich. Das „traute Heim“ wird zum Experimentierfeld für den Umgang mit tradierten Rollen und spielt mit kunsthistorischen Strömungen wie Avantgarde und Konstruktivismus.

„Doch beim Betrachter überwiegt nicht das Gefühl der Bedrohung, sondern die Lust am Befreiungsschlag. Seit über 30 Jahren kämpfen Anna und Bernhard Blume mit ihren Zeichnungen und Fotografien gegen die „Versteinerung der Körper, der Seele und des Geistes, erzwungen und geworden durch verinnerlichte Umstände“. Indem sie den ver- meintlich vertrauten Dingen aus unserer Umgebung ein Eigenleben geben, zeigen sie die Wirklichkeit als Wahnsystem. Ihre Fotos parodieren unseren Alltag – und wecken damit die Lust am Chaos.“ (Martina Müller, WDR über die Aus- stellung Anna & Bernhard Blume: Trautes Heim im Museum Ostwall, Dortmund, 2011)

Ren Hang (*1987 in Chang Chung, †2017 in Peking) gehört zu den profiliertesten zeitgenössischen Fotografen in China. Seine überwiegend im Schutz der eigenen vier Wände entstandenen analogen Fotografien von Freunden, später auch Fans, sind eine Hommage an die Freiheit nackter Körper. „I rarely leave my house unless necessary. I don‘t wander out- side, I only go to my destination.“ erzählt er im 2014 entstandenen Kurzfilm Getting close to Ren Hang über sich.

Ren Hangs Fotografien sind hoch ästethisch und virtuos komponiert – aber nicht beschönigend. Sie sind unterkühlt und brutal direkt – und fühlen sich an wie die Szene im Andalusischen Hund (1929) von Luis Buñuel und Salvador Dalí als mit einem Rasiermesser durchs Auge geschnitten wird. Hangs visuelles Universum speist sich aus dieser ersten großen Glanzzeit der Fotokunst: dem Surrealismus mit seinen kühnen Verbindungen ungleicher Elemente und den skurrilen Requisiten. Aber auch von der Bauhausfotografie und ihrem Umgang mit dem menschlichen Kör- per ist er beeinflusst. Etwa wenn er hintereinander gereihte Körper wirken lässt wie eine Wüstenlandschaft.

Experimentierfreudig und überraschend ist Ren Hangs Umgang mit dem menschlichen Körper. Kompromisslos und dennoch intim. An ihnen erxerziert er wie Nobuyoshi Araki die existentiellen Themen des Menschen: Leben, Liebe, Schmerz und Tod. Es ist der geworfene Mensch, den er darstellt, auch wenn er knallrote Lippen hat oder mit stark farbigen Accessoires wie Blüten oder Tieren geschmückt ist. Denn trotz verspielter, farbenfroher Szenen junger und schöner Körper, die gleichberechtigt wirken, zeigen seine Bilder menschliche Zustände, die von Einsamkeit und Verletzlichkeit geprägt sind.

Daher erinnert Hang auch an die Schwarz-Weiß-Fotografien Francesca Woodmans und deren Auseinandersetzung mit sich selbst und ihrem Körper. Ihre 1981 kurz vor ihrem Selbstmord mit 22 Jahren publizierten Selbstporträts Some disordered interior schlägt sich nieder in Motiven von Ren Hang. Auch bei ihm treten Attribute wie ein Koffer auf, in dem ein weiblicher Körper verschwindet. Morbide und betörend.

„Sometimes words can‘t leave my mouth But it‘s not because I have nothing to say Sometimes I can‘t go out But it‘s not because there are no more roads to wander Sometimes I just want to lie down quietly for a while.“ (Ren Hang | I don’t feel like talking | 10.01.2013)

Quelle: Elena Rebaudengo, Yogurt Magazine in Kooperation mit Photography of China.

Andy Kassier: “Work Out” (2018)

Inmitten der aktuellen Debatten um Gender und Diversität erstellt der Konzeptkünstler Andy Kassier eine Typo- logie der Darstellung von Männlichkeit im Internet. Aus dutzenden Selbstdarstellungen in den sozialen Medien kristallisiert er heraus, wie der „normale“ Mann heute mit Vorliebe gesehen werden will. Im Vergleich zu früheren Zeiten hat sich nichts geändert. Es ist immer noch ein patriarchalisches Wertesystem, in dem der Mann durch seine Attribute vor allem eins präsentiert: Macht. Das Credo „Die Welt ist mir untertan“ übernimmt Kassier und treibt sie in einer seiner frühen Fotografien ad absurdum: Sie zeigt den Künstler, lediglich mit einem Pelzmantel bekleidet, hoch auf einem Gipfel sitzend – im Hintergrund der Blick auf die weite Bergwelt. Der Fotograf weiß, wie man Effekte erzielt und sich am besten vermarktet. „Ich habe früh gemerkt, dass sich die Leute im Internet ganz anders darstellen, als sie real sind, und das habe ich dann sofort versucht, komplett auf die Spitze zu treiben.“ (Andy Kassier)

2013 kreiert er sein Alter Ego, das ebenfalls „Andy Kassier“ heißt, aber ein fiktives Luxusleben führt. Denn wo ist Macht heute besser ablesbar als an den Insignien des Erfolgs? Dieser andere Andy Kassier ist ein gut gekleideter, hoch motivierter Geschäftsmann, immer damit beschäftigt, sein bestes Leben zu leben. Die Figur Kassier ist die Personifikation des falschen Versprechens, Geld, Macht und Sorglosigkeit seien für alle erreichbar. success is just a smile away nennt er dies Kunstprojekt, das er ausschließlich digital auf Instagram betreibt. Es ist eine Persiflage auf die erhöhte Selbstdarstellung von Männern im Netz, die er seitdem auf Instagram betreibt und mit immer wie- der neuen Posts bestückt: Sie zeigen ihn auf einem Schimmel perfekte Strände entlang reitend, mit dem Golf- schläger in der Hand, sich auf teuren Yachten sonnend und vor Luxuslimousinen stehend. Ironisch verkörpert er die Narrative von Erfolg und Glück in der heutigen kapitalistischen Gesellschaft.

Auch auf das eigene Heim wird seines ursprünglichen Sinnes beraubt. Kein Geborgenheit verheißender Rückzugsort mehr, sondern ein minimalistisch reduzierter Raum ohne Seele, zur Fassade reduziert. Blitzblank sauber, wie aus einem Edelmöbelkatalog. Alles hat Kassier im Griff, nichts liegt herum oder lässt auf echtes Leben schließen. Dandy- haft inszeniert er sich im Swimmingpool, um ein Jet-Set-Leben zu fingieren, das es in der Realität nicht gibt.

Nicht nur die Welt, auch der Körper ist ihm untertan, signalisiert der perfekt trainierte und makellos attraktive Künstler in work out. Es ist eine aalglatte Schönheit, die hier zur Schau gestellt wird. Das Bild zeigt die Figur Kassier beim morgendlichen Sport. Ein Arm reicht ihm für die Liegestütze, ihm scheint alles zu gelingen. Die Pose ist perfekt – findet auch Kassier, der sich selbst im Spiegel betrachtet. Andy Kassier führt vor, wie dieser virtuellen Welt das Entscheidende fehlt. Echtes Leben macht sich durch Brüche spürbar, Schönheit wird erst durch das Unvoll- kommene schön. Der Bruch, das Seltsame, verleiht der Welt das wahre Leben. „Das Schöne ist immer bizarr“. (Charles Baudelaire, Curiosités esthétiques, 1855)

Pixy Liao: “Things We Talk About” (2013)

Als eine Frau, die in China aufgewachsen ist, war ich daran gewöhnt zu glauben, ich könnte nur jemanden lieben, der älter und reifer als ich wäre, der seine Rolle als mein Beschützer und Mentor einnehmen würde. Dann traf ich Moro, meinen jetzigen Freund. Da er fünf Jahre jünger als ich war, merkte ich, wie sich das gesamte Kon- zept von Beziehung veränderte, sich vollkommen umkehrte. Ich wurde zu einer eigen- verantwortlicheren und stärkeren Person.

Einer meiner männlichen Freunde stellte sogar in Frage, wie ich mir auf dieselbe Weise einen Freund auswählen konnte so wie es Männer mit ihren Freundinnen täten. Und ich dachte mir „Verdammt richtig. Das ist genau das, was ich mache. Und warum auch nicht!“

Ich begann mit dieser Beziehung zu experimentieren. Immer wieder inszenierte ich alle möglichen Situationen für Moro und mich, in denen wir für Aufnahmen posierten. Meine Fotografien untersuchen dabei alternative Möglichkeiten heterosexueller Be- ziehungsmodelle. Sie stellen die Norm solcher Beziehungen in Frage. Was geschieht, wenn Mann und Frau ihre Geschlechterrollen und Machtverhältnisse miteinander tauschen?

Da mein Freund Japaner ist und ich Chinesin bin, beschreibt das Projekt Experimental Relationship gleichzeitig eine Liebes- und Hassbeziehung. Es ist auf Dauerhaftigkeit angelegt und wächst zusammen mit unserer tatsächlichen Beziehung. Niemals hat das Projekt jedoch den Anspruch, eine Dokumentation unserer Partnerschaft zu sein.

Alexey Shlyk: “The Vase” aus der Serie “The Appleseed Necklace” (2016)

In seiner jüngsten Arbeit The Appleseed Necklace verarbeitet Alexey Shlyk Erinnerungen an die einst vorherrschende DIY-Kultur in seiner Heimat, die sich in seiner frühen Kindheit entwickelt hat. Inspiriert vom Einfallsreichtum und handwerklichen Geschick der Menschen, die unter Bedingungen ständiger Knappheit leben, entdeckt er darin eine gewisse Schönheit und reinszeniert alltägliche Dinge seines Zu- hauses, um sichtbar zu machen, wie die postsowjetische Gesellschaft heute funktioniert.

Alexey Shlyk wurde 1986 in Weißrussland geboren, als der Staat noch Teil der Sowjetunion war. Der Zu- sammenbruch des sowjetischen Kommunismus im Jahr 1991 ist nach wie vor eines der bedeutendsten und turbulentesten Ereignisse der jüngeren Geschichte, dessen Schockwellen weltweit zu spüren waren. Die Länder des Ostblocks durchliefen einen Übergang vom kommunalen zum individualistisch, markt- wirtschaftlichen Denken. Familien sahen sich gezwungen, kreativ und eigenverantwortlich zu sein, wenn sie über die Runden kommen und überhaupt überleben wollten.

Die Serie The Appleseed Necklace basiert auf den Kindheitserinnerungen von Alexey Shlyk. In diesem Werk werden kleine persönliche Anekdoten zu sozio-historischen Untersuchungen über menschliche Flexibilität, Kreativität und Überlebensinstinkt. Ein Fahrradrad wird zu einem Kronleuchter, eine zerbro- chene Vase wird mühsam wieder zusammengeklebt und ein Hühnerstall wird aus Altholz gebaut.

Sorgfältig baut Shlyk Faksimiles aus Erinnerungen: Sie sind also nicht die Dinge selbst. Diese Objekte haben den komplexen Filter der Zeit durchlaufen, der bestimmt, was übrig bleibt und was verloren geht. Seine Bilder sind tatsächlich so subjektiv wie die Fotografie selbst, die die Zeit zerhackt und verändert, während sie vorgibt, die Realität zu zeigen.

Alexey Shlyks fotografisches Werk versetzt sich gleichzeitig in die Gegenwart und in die Vergangenheit und bildet eine Ode an die winzigen Akte, die das Gewicht der Geschichte tragen.

Exhibited works


Paper Hat
Mainly used by constructors, it was a number one toy for the kids’ war games.

The Lamp
Based on the story that was told by a friend, this lamp is a reconstruction of the traditional wheel chandelier, which was destroyed during one of the crazy wedding parties that where held in the house.

Weight Lifter
Cheering up the people during one of the financial crisis Lukashenko (president at that time) stated: You don't have enough of money for the gym? Take the bricks, and exercise at home!

The Vase
I don't remember exactly who broke the vase, weather it was my brother or I. It took my grandmother almost a week to glue it together from the small pieces. At the moment it is still standing there, at my parent's house.

The Dress
Re-styling and re-shaping the clothes that were previously worn by the parents has been one of the few means to actually have a fashionable dress.

Medical Matches
Activated charcoal was used to treat food poisonings and prevent hangovers. An urgent measure was to swallow the burned matches. Be sure to discard the “heads”!

The Potato Picker
It is still quite normal in Belarus to send students to summer job of collecting potatoes on almost obligatory basis. My classmate came unprepared for that dusty work and the crafty tractor driver made the protective glasses out of the available material – a plastic bottle and a rubber string. This ability to make something vital out of nothing has really surprised me.

The Horse
It has been a great moment in my life to own that wooden horse that my father made. I have tried to carefully reconstruct it from my nostalgic feelings of that moment.

The Chair
Nothing was thrown away, even if there was no evident need to keep it at the moment. Later those still working pieces were used to repair another objects.

Umbrella
Inner bicycle tires were a kind of a treasure material. The thin and light rubber was used to fix various things – from umbrellas to inflatable boats.

Flower Pot
The similar flowerpots can be seen today in almost every city of the post-Soviet region. I don't have a clear explanation for those objects, but I guess that it was one of the means of recycling the material and at the same time the source of joy to the owners.

The Patchwork
Old clothes were never thrown away. They were recycled in any possible way –starting from the ropes that were used to support the tomatoes in the garden to the beautiful patchwork blankets and curtains.

Fishing Shrimp
One summer we went for a vacation to the seaside. At very moment when we came to the water my father saw that it was full of shrimp, and he ran to the apartment that we stayed at, and came back with a pillow cover. It was a delicious dinner that day!

Mayonnaise Hair Nest
Inspired by the rare western movies, high hairstyles became very popular. To obtain that look all different kinds of objects were hidden in the women's hair. Some people say that empty mayonnaise cans were the best.

The Chicken House
'Dachas' or the summer cottages are a specific cultural phenomenon for the post-Soviet region. Those tiny islands of freedom mostly feature constructions built out of the accessible material.

Moonshine
Home made alcohol at all times was an important product and in most of the cases it could even replace money. I think that pretty much every family was at different points making either house wine or ‘samogon’.

Baby Bed
My very first bed was made from chairs that were put together. I do not remember much of it except that I was trying to escape from that little cage.

Green Corner
Back in the days green corners could be found in schools, polyclinics or other institutions. Perhaps they were aimed to teach kids how to take care of nature but later some plants were replaced by the plastic ones.

Storage Car
As nothing could be thrown away in 90s, car was a great place to store material on the way to the summer cottage.

Iiu Susiraja: “Garden Party is Over” (2018)

Die Selbstporträts der finnischen Künstlerin Iiu Susiraja sind in der Ausstellung TRAUTES HEIM die künstlerische Antwort auf die „Selfies“ von Andy Kassier. Der Kontrast könnte nicht größer sein. Im Gegensatz zu der makello- sen und als perfekt simulierten Welt Andy Kassiers unterläuft Susiraja gängige Schönheitsideale und umgibt sich mit kleinbürgerlichem Ambiente. Sie täuscht nichts vor, beschönigt nichts. Sie nimmt das, was ist und treibt es ad absurdum. Darin entfaltet sich ihre künstlerische Wirkung und Kraft. Wie Kassier ist sie selbst die Grundlage des kreativen Schaffens, sind ihre Inszenierungen bis ins kleinste Detail perfekt. Sie verwendet jedoch keine Palmen oder Luxusjachten als Insignien der Macht, sondern Kettensägen, Luftballons oder Brathähnchen. Ihre Macht ist, so zu sein, wie sie ist. Und die demonstriert sie im Umgang mit alltäglichen Accessoires in absurd inszenierten Posen. „Ich trete selbst in meinen Bildern auf. Das ist praktisch, denn ich bin immer verfügbar und kann mich allen mögli- chen Sachen unterziehen“, sagt sie über ihr künstlerisches Vorgehen. Und das geht weit über Kategorien von Männ- lich oder Weiblich hinaus, auch wenn sie auf zwischenmenschliche Verhältnisse explizit Bezug nimmt mit Titeln wie Happy bride , Fair play with ex oder Goodbye playboy cover. „Komischerweise denken die Leute, ich wollte Schönheits- ideale kritisieren oder irgendwelche sozialen Probleme ansprechen. Das ist aber nicht meine Absicht.“

Susiraja weiß, dass ein guter Komiker Requisiten braucht. Die Objekte selbst müssen Charakter haben. „Es fängt alles mit dem Objekt an.“ Und die sucht sie sich dezidiert aus auf Flohmärkten, Second Hand oder Recycling Shops. Sie ist die Herrin über ihre Welt und deren Dinge, mit denen sie sich ablichtet. Furchtlos und manchmal brutal. Sie spießt ein rohes Hähnchen auf eine Kettensäge und präsentiert sich damit in Lovely wife (2018). Mit einem Rasen- mäher ist sie kurz davor, das Teegeschirr „zu mähen“ in Garden party is over.(2018), trennt Fußball und Gummiente in zwei exakt gleiche Hälften in Fair play with ex (2019). Sie spielt mit ihrem Prozedere an die One Minute Sculptures von Erwin Wurm an, geht aber in ihren Inszenierungen weiter. Denn entscheidend ist der direkte Blickkontakt, den sie einfordert, während sie mit Accessoires wie einem Regenschirm, High-Heels, einer Schere, Kissen, Kuchen, Fischen posiert. Und dieser Blick ist mehrdeutig, schwer einzuordnen. Einsamkeit schwingt mit, denn stets ist sie allein mit all diesen Objekten. Der Platz im Bett neben ihr ist leer oder besetzt mit einem Brathähnchen auf einem Silbertablett (Dinner, 2017). Nicht mit einem Menschen, mit einem Klodeckel flirtet sie in Flirting with toilet seat cover (2018) zwischen Lampenschirm und Zimmerpflanze, eine türkise Klobrille über dem Kopf. Das könnte clown- esque sein, wenn es nicht etwas Bitteres hätte. Doch die drastische Komik verhindert das Rührselige. Es ist, was es ist. Nicht der Mensch, der sich was vormacht, sondern derjenige, der sich annimmt, wie er ist und damit anarchisch Schabernack treibt. Darin liegt ihre Stärke.

„Der Humor ist nicht resigniert, er ist trotzig, er bedeutet nicht nur den Triumph des Ichs, sondern auch den des Lustprinzips, das sich hier gegen die Ungunst der realen Verhältnisse zu behaupten vermag.“ (Sigmund Freud).

Erwin Wurm: “Das ist falsch” (2018)

„Kann der Begriff der Lächerlichkeit eine Skulptur sein? Kann der Begriff der Peinlichkeit eine Skulptur sein? Darüber denke ich seit Jahren nach.“. (Erwin Wurm)

In seiner so symbolhaften wie skurrilen Auseinandersetzung mit dem alltäglichen Leben ist Erwin Wurm einer der erfolgreichsten Künstler der Gegenwart. Neben den Pionieren der Experimentalfotografie Anna und Bernhard Blume ist Wurm der wichtige Ausgangspunkt innerhalb der Ausstellung TRAUTES HEIM. Seinen Witz setzt er ein, um den „Alltag aus einer anderen Perspektive“ zu zeigen. „Humor ist eine Waffe der Seele im Kampf um ihre Selbsterhaltung“, schrieb schon der Psychiater Viktor Frankl.

In seiner 2016 entstandenen Fotoserie Nudelskulpturen geht er der Frage nach, ob auch gekochte Spaghetti zum skulpturalen Objekt werden können. Das ist richtig. steht als Bildtitel unter dem mit einer Nudel verzierten beigen Lampenschirm – Das ist falsch. unter einer ebenso dekorierten dunklen Lampe. Diese willkürlichen Zuschrei- bungen besitzen einen moralischen Duktus, der durch das absurde Motiv hinterfragt wird.

Mit der ungewöhnlichen Darstellung des täglichen Lebens nimmt Erwin Wurm die kleinbürgerliche Enge der Konsumgesellschaft aufs Korn. „Ich bin ein sehr politischer Mensch.“, sagt er im Interview. „Besonders interessiert mich aber das paradoxe Verhältnis zwischen Realität und Abbild beziehungsweise Vorstellung der Realität.“

Der Körper und die körperliche Erfahrung stehen im Fokus seines überbordenden Schaffens – etwa wenn er sein Elternhaus mit allen Details samt Innenräumen und Inventar nachbaut und betretbar macht. Narrow house (2010) macht die beklemmende Enge dieses elterlichen Zuhauses physisch erlebbar, auf eine Breite von 1,1 Metern zusammengestaucht. Das 2003 zuvor entstandene, ebenfalls begehbare Fat House wird zum Symbol einer verfetteten Wohlstandsgesellschaft gegen die Wurm immer wieder künstlerisch angeht. Ein Vorstadthaus mit Satteldach gerät aus den Fugen, die Wände sind aufgequollen. Im Video beginnt es, wie ein lebendiges Wesen zu sprechen und sich in Frage zu stellen: „Wer bin ich eigentlich?“ Ein Hinweis darauf, dass wir besser dieser existentiellen Frage nachgehen sollten, statt sie mit Konsum zu übertünchen?

„Mein Werk handelt vom Drama der Belanglosigkeit der Existenz. Ob man sich ihr durch Philosophie oder durch eine Diät nähert, am Ende zieht man immer den Kürzeren.“ (Erwin Wurm).