Interview

DER BLICK VON AUSSEN

Anna Lehmann-Brauns, 11. Darmstädter Stadtfotografin 2017

Fotografische Assoziationen zur Kulturellen Mitte

3. Februar bis 15. April 2018

 

Anna Lehmann-Brauns im Gespräch mit Julia Reichelt, Kunstforum der TU Darmstadt

Nach Gay- und Swinger Clubs in San Francisco, Filmsets und einer verlassenen Fabrik in Polen jetzt Darmstadt: Welche Orte inspirieren Dich?

Es gibt da keine eindeutige Zuschreibung. Oft ist es ein visuelles Interesse, in manchen Fällen steht am Anfang einer seriellen Arbeit aber auch ein Konzept. So war es in San Francisco, da habe ich mich für die Geschichte der LGBT Bewegung interessiert und programmatisch die entsprechenden Clubs abgeklappert. In jedem Club entstand ein ultimatives Bild. Bei meiner Serie, die ich in der polnischen Fiberglasfiguren-Fabrik fotografiert habe, stand das Interesse an der Visualität dieses ungewöhnlichen Ortes zwischen Märchen und Albtraum am Anfang der Arbeit.

In Darmstadt inspirieren mich diverse Orte. Interessant finde ich sowohl die moderne Architektur des Theaters, der Universität oder der Kunsthalle, aber auch die Nachkriegsarchitektur der 1950er Jahre. Ich bin in Frankfurt am Main mit dieser Architektur groß geworden. Sie beruhigt in ihrer Klarheit und Bescheidenheit einer typischen westdeutschen Stadt. Natürlich ist Darmstadt geprägt von der wunderbaren Architektur eines Georg Mollers aber das wurde ja schon so oft fotografiert, dass ich da nichts Neues hinzufügen konnte und wollte.

Eigentlich fotografierst Du ja mit Vorliebe Innenräume, die auch in gewisser Weise abgeschieden sind. Wie war es für Dich im Außenraum zu arbeiten?

Der Außenraum bildet ja auch wieder einen Raum. Manchmal ist es etwas schwieriger, ein komponiertes Bild zu entwerfen, weil es keine natürliche Begrenzung gibt, andererseits hat man beispielsweise diesen fantastischen Mond am Himmel über der «Krone». Das ist für mich wichtig, denn Licht und Farbe spielen eine große Rolle in meinen Arbeiten. Der Außenraum ist ein spannendes Sujet und auch in meiner ganz neuen Arbeit, die ich just begonnen habe, verlagere ich mich dorthin.

Wenn ich an Stadt denke, assoziiere ich viele Menschen, Verkehrschaos – etwas Stressiges oder zumindest Belebtes.

Auf meinen Bildern fehlt der Mensch meist, bei den Darmstadt-Bildern gelang das nicht immer, weil ich eben im belebten Außenraum unterwegs war, er spielt aber auf den Bildern eine untergeordnete Rolle. Der Stress ist also bei meinen Bildern quasi wegretuschiert.

Stadt kann stressig sein, aber Darmstadt ist für mich gemütlich, belebt, überschaubar… Das mag an meiner Herkunftsstadt Berlin liegen, die definitiv viel anstrengender ist.

Wie war Deine Annäherung an Darmstadt? Wie hast du deine Motive gefunden?

Ich habe die Stadt zu Fuß erkundet und habe mich treiben lassen. Das ist nach meiner Erfahrung der beste Weg, eine Stadt kennen zu lernen, beziehungsweise eine Idee dafür zu bekommen, wie eine Stadt funktioniert. Ich habe mich auch belesen. So hat sich ein Bild zusammengefügt.

Graffiti, Bauzäune, ein angelehntes Fahrrad sind die Relikte, die Spuren, die der Mensch hinterlässt in Deinen Fotos. Auch die sonst belebten Straßen sind leer…

Der Mensch hat die Stadt entworfen, gebaut, lebt in den Räumen und gestaltet sie.

Meine menschenleeren Bilder sind immer auch Porträts. Sie lassen aber Raum für Assoziationen. Was ist hier passiert? Wer lebt hier? Wie lebt man hier etc. Mich interessiert ausschließlich der von Menschen gestaltete Raum, ich würde niemals Landschaften im klassischen Sinne fotografieren.

Eigentlich fragwürdig, was du an Sehenswürdigkeiten fotografierst: die Passage «Istanbul», die kleine Eisbude am Friedensplatz, das mit einem Bauzaun versehene oder zugewucherte Schloss, das leerstehende Gebäude «Waben», die Eisdiele «Roth» – keine «Vorzeigearchitektur» ist das…

Vorzeigearchitektur interessiert mich nicht und ist ja schon hundert Mal abgelichtet worden. Ich bin ja kein Geo-Fotograf. Mich interessieren die – oft ungewollt komischen – Details, die gelebte, heruntergerockte und doch wunderschöne Architektur. Die Passage mit dem leuchtenden Istanbul-Schild ist doch wunderbar und hat so schöne Farben! Das Eiscafé «Roth» leuchtet golden in der Abendsonne…

Das besondere liegt im Detail: In der unterkühlten Betonarchitektur des Theatervorplatzes bahnt sich ein Fitzelchen Grün den Weg, ein buntes Windrädchen im Blumenkasten, zwei leere Bierflaschen vor der Centralstation. Durch die Spiegelungen und das Spiel mit Licht und Schatten wird die (strenge) Architektur aufgelockert und belebt – obwohl scheinbar menschliches Leben fehlt.

Stimmt!

Menschenleer aber beseelt, so empfinde ich Deine Bilder.

Was Du machst, ist alles andere als Dokumentarfotografie – dennoch fixierst Du «Zwischenstadien»: Der Bauzaun am Mollerhaus ist inzwischen verschwunden, am Friedensplatz hat er sich verändert. Melancholisch, marode: das «Waben».

Ja, das sind Moment-Aufnahmen, Ist-Zustände – keine wirkliche Dokumentation einer Stadt, dazu ist es viel zu unvollständig. Mich interessiert immer ein besonderes Licht, eine verrückte Farbigkeit, ein komponiertes Bild als Ergebnis.

Frühe Morgenstunden oder nachts – welches sind Deine bevorzugten Tageszeiten zum Fotografieren?

Jedes Licht hat seinen Reiz, auch das Abendlicht ist wunderbar. Das flache Licht des Tages kann genauso interessant sein. Knallendes «Kaiserwetter» ist vielleicht am schwierigsten.

In der Nacht bekommt man ganz besondere Farbstimmungen, genauso morgens und abends, wenn sich bestimmte Lichtquellen – z.B. natürliches und künstliches Licht mischen.

Das ist spannend!

Manchmal bewusst verblasste «Retrofarbigkeit», manchmal knallig, wie beim Mollerhaus und beim Preußisch Blauen Bauzaun am Friedensplatz, welche Bedeutung hat Farbe für Dich?

Farbe ist ein ganz zentrales Gestaltungsmittel in meiner Arbeit. Ich liebe ungewöhnliche Farbsituationen. Beeinflusst bin ich hier vermutlich von den amerikanischen Fotografen William Eggleston und auch Joel Meyerowitz und Stephen Shore, um nur einige zu nennen.

Ihre Lichtstimmungen sind legendär und haben meine Art, die Welt zu betrachten, geprägt.

Eine Vorliebe kann ich nicht benennen. Kunstlicht und die damit verbundene Farbigkeit kann so wunderbar sein wie ein rötliches Abendlicht. Ich denke, die Poesie, die die Farbkombinationen schaffen, ist hier von Bedeutung.

Hast Du mal in Schwarz-Weiß fotografiert?

Ja, das habe ich ganz am Anfang auch mal probiert. Aber die Schwarz-Weiß-Fotografie ist natürlich immer eine Reduktion. Ich habe mich relativ früh entschieden, dass ich diese Reduktion nicht möchte. Selbstverständlich gibt es aber viele Fotografen, die ich sehr verehre und die immer nur Schwarz-Weiß fotografiert haben. Dass Farbe wichtig ist, gilt nur für meine eigene Arbeit.

Nach der Farbe die Komposition: Wie Du geometrische Formen herauskristallisierst, fällt ins Auge. Was reizt Dich an der Strenge?

Ich bin ein altmodischer Fan des komponierten Bildes. Das hat für mich Vorrang. Es soll ein gutes Bild entstehen. Ich arbeite ja mit Stativ und Mittelformatkamera und bin kein Knipser. Es dauert ein bisschen, bis alles ausgerichtet und aufgestellt ist und ich arbeite mit Belichtungsreihen. Daraus ergibt sich, dass dann auch auf den Bildaufbau ein größeres Augenmerk gelegt wird. Störendes wird, wenn möglich, ausgeblendet, sodass das ausgewählte Objekt seine ganze Kraft entfalten kann.

Dir gelingt es immer, über das jeweilige Motiv hinaus eine Vielschichtigkeit darzustellen. Die in kühl-bläuliches Licht getauchte Unterführung, die sonnenbeschienene Eisdiele, die Passage in der Rheinstraße. Du fängst flüchtige Momente ein, wie beispielsweise das Spiel mit Licht und Schatten auf dem Audimax-Gebäude oder auf den Treppen der TU.

Wie Du Räume inszenierst, ist in gewisser Weise auch «theatralisch». Du entlockst selbst dem unwirtlichsten Ort noch einen Zauber! Das sind emotionale Bilder. Ist Nostalgie ein Begriff, der Dir gefällt? Oder Opulenz?

Der Theatervorplatz hat etwas Surreales für mich. Dort könnte gleich ein Ufo landen. Ja, Bühne und Inszenierung spielen in meiner Arbeit eine große Rolle und das in mehrfacher Hinsicht. Zum einen thematisiere ich Bühne, Fake und Kulisse, zum anderen inszeniere ich die Sujets und löse sie in meiner Darstellung aus der Umgebung heraus, werte sie damit auf und hole sie in den Vordergrund. Die Bilder sind immer eine Hommage. Das liegt auch an der Arbeit mit der Mittelformatkamera.

Ich würde es vielleicht eher als eine Sehnsucht nach dem «Jetzt» beschreiben, was gleich vergangen sein wird. Diese Erinnerung ist ein ganz wichtiger Punkt für mich. Darmstadt rührt mich ja eben auch, weil es mich an meine Kindheit und Jugend erinnert und um es mit Paul Cézanne zu sagen: Man muss sich beeilen, wenn man etwas sehen will, alles verschwindet.