Psychologie des Grüns: Wie naturnahe Flächen unser Wohlbefinden stärken
10.03.2026 von Nils van Reem
Eine Auszeit in der Natur, ein Spaziergang durch den Park oder eine Pause in einem begrünten Hof: Viele empfinden den Aufenthalt im Grünen als entspannend und schätzen die Möglichkeit, dem oftmals unruhigen Alltag in der Stadt für einen Moment zu entfliehen. Forschungen zum Einfluss von Grünflächen auf die Psyche zeigen, dass die Verfügbarkeit und der einfache Zugang zu öffentlichen Grünflächen maßgeblich Stress reduzieren und Wohlbefinden steigern können.
Grüne Inseln im Stadtmeer
In den letzten Jahrzehnten ist die Anzahl der Menschen, die in Städten leben, drastisch gestiegen. Der Großteil der deutschen Stadtbevölkerung lebt in Stadtgebieten, sodass sich diese immer mehr verdichten, das Verkehrsaufkommen steigt und an vielen Stellen Platz gemacht werden muss, um Menschen Wohnraum zu bieten. Oftmals müssen im Zuge dessen Grün- und Naturflächen weichen. Daraus entstehen Folgen für das alltägliche Leben der Stadtbewohner: Der Lärmpegel steigt, die Luftqualität sinkt und der Platz für sportliche sowie soziale Aktivität im öffentlichen Raum wird verringert. Intakte Grünflächen in Städten sind daher nicht nur für urbane Ökosysteme und die örtliche Artenvielfalt relevant, sondern auch für die menschlichen Stadtbewohner, für die der Zugang zu urbanem Grün maßgeblich zu Gesundheit und Wohlbefinden beiträgt. Internationale Forschung zeigt, dass die Verfügbarkeit und Erreichbarkeit von Grünflächen ein breites Spektrum positiver Effekte für die menschliche Psyche mit sich bringt. Somit sind sich viele einig, dass genau dies in der Planung städtischer Räume unbedingt bedacht werden muss.
Im Rahmen des Grünen Campus-Projekts des Büros für Nachhaltigkeit wird die Verfügbarkeit von Grünflächen auf dem Campus der TU Darmstadt gesteigert.
Ruhe und Kühlung für den Kopf
Die meisten Menschen haben bereits selbst erlebt, dass der Aufenthalt im Grünen einen entspannenden Effekt hat. Die Gründe dafür sind vielfältig: Einer der offensichtlichsten Vorteile öffentlichen Grüns ist, dass der konstante Stadtlärm reduziert oder teils sogar gänzlich verschluckt wird. Wie wichtig dies ist, wird daran deutlich, dass der Großteil aller deutschen Städte einen konstanten Lärmpegel aufweisen, der die Grenze überschreitet, ab der Menschen aufgrund von Lärmbelastung physisch wie psychisch Stress erleben. Abgeschirmt von Bäumen und fernab des Verkehrsflusses bieten Grünflächen Rückzugsmöglichkeit im fortwährenden Lärm der Stadt.
Ähnlich wie Lärm wirkt auch Hitze nicht nur als körperliche sondern auch psychische Belastung. Aufmerksamkeit, Konzentration und unsere allgemeine Denkfähigkei leiden unter Hitzestress. Dies führt nicht nur während Lern- und Arbeitszeit oder Prüfungsphasen zu Problemen, sondern beeinträchtigt Menschen auch stark im Alltag. Der kühlende Effekt von Grünflächen, der als Kontrahent zum sogenannten urbanen „Hitzeinseleffekt“ fungiert, schützt dementsprechend körperliche sowie psychische Gesundheit.
Genug Platz, um aktiv zu sein
Eines der wohl am besten untersuchten Phänomene in der psychologischen Forschung ist der positive Effekt von körperlicher Aktivität auf das Wohlbefinden. Ob reger Sport oder leichte Bewegung, körperlich aktiv zu sein vermindert nachweislich Stress und reduziert negative Verstimmungen. Dafür braucht man Platz und insbesondere freie Grünflächen bieten den Raum für alle möglichen Sportarten – alleine oder mit anderen zusammen. Studien haben gezeigt, dass Personen deutlich mehr Sport treiben und eine höhere Motivation dafür aufweisen, wenn sie eine Grünfläche in erreichbarer Nähe haben.
Darüber hinaus ist erwiesen, dass soziale Kontakte und Beisammensein Stress verringern und als Schutzfaktor gegen vielerlei psychische Probleme wirken. Für soziales Aufeinandertreffen sind öffentliche Räume wie Grünflächen unabdingbar und vielseitig nutzbar. Wie wir unsere Freizeit gestalten, wird vom Vorhandensein von Grünflächen geprägt – Angewohnheiten wie Aktivitäten, die unsere mentale Gesundheit fördern, werden dadurch wiederum motiviert.
Vom Waldbaden bis zum virtuellen Grün: Ruhe in der Natur finden
Es hat sich durch verschiedenste Untersuchungen herausgestellt, dass die positiven Effekte von Grünflächen für den Menschen nicht nur darauf zurückzuführen sind, wovor sie schützen oder welche Aktivitäten sie ermöglichen: Der alleinige Aufenthalt im Grün und in der Natur wirkt laut Studien entspannend, stressmindernd und kann sogar den Blutdruck senken. Bevor das Thema überhaupt wissenschaftlich erforscht wurde, war das sogenannte shinrin-yoku (zu deutsch Waldbaden) bereits eine japanische Tradition, die schon seit Jahrhunderten als Entspannungsritual bekannt ist. Es wurde bestätigt, dass der bewusste, meditative Aufenthalt in Wäldern eine ganze Bandbreite an gesundheitlichen Vorteilen mit sich bringt – sowohl psychisch als als auch körperlich.
Dass Menschen den Aufenthalt im Grün als entspannend empfinden, scheint so tief verankert zu sein, dass sogar die Simulation von Naturlandschaften mit erweiterter oder virtueller Realität für Studienteilnehmer:innen ähnliche Verringerung von Stress bewirkt.
Gestaltung von Grünflächen an der TU Darmstadt
Angesichts der Vielfalt an positiven Effekten ist es essenziell, dass TU-Angehörige und Stadtbewohner:innen einen leichten Zugang zu gut angelegten Grünflächen haben. Der am Waldrand gelegene TU-Campus Lichtwiese bietet viele solcher Aufenthaltsorte. Durch Projekte des „Grünen Campus“ werden bestehende Flächen aufgewertet und neue Flächen weiterentwickelt. Aber auch am Campus Stadtmitte werden beispielsweise durch die Pflege des Schlossgrabens oder die Entsiegelung des alten Kirschbaumplatzes im Stadtzentrum grüne Oasen geschaffen: innerstädtische Erholungsräume für Anwohner und TU-Angehörige.
Angebote der TU Darmstadt
Zur Förderung des mentalen Wohlergehens aller Studierenden und Mitarbeitenden, hat die TU Darmstadt einige Angebote, um gesundes Studieren und Arbeiten zu ermöglichen.
Darüber hinaus gibt es Angebote für alle TU-Angehörigen, die aktuell mit psychischen Belastungen zu kämpfen haben oder Unterstützung bei der Bewältigung von Problemen haben, die über Studium oder Beschäftigung hinausgehen. Scheuen Sie sich nicht, nach Hilfe zu fragen!
Erste Hilfe für mentale Gesundheit
Weitere Infos zum Thema?
Im Nachhaltigkeits-Kompass,dem dynamischen Nachhaltigkeitsbericht der TU Darmstadt, finden Sie weitere spannende Projekte und Aktivitäten an der Universität.
Passt zum Bereich Gesundheitsförderung im Handlungsfeld Soziales und zum Bereich Campusgestaltung im Handlungsfeld Betrieb.