Ein sensationeller Fund

20.07.2018

Ein sensationeller Fund

TU-Student entdeckt antiken Mauerziegel mit einem Text von Homer

Während eines Praxisseminars am Fachgebiet Klassische Archäologie nahe des antiken Olympia findet TU-Student Florian Roßbach einen römischen Mauerziegel mit langer Inschrift. Damit ist zum ersten Mal belegt, dass ein römischer Mauerziegel als Textträger für Homerverse verwendet wurde. Professorin Franziska Lang schildert die Umstände des Fundes und seine Bedeutung für die Wissenschaft.

Römischer Mauerziegel mit Inschrift. Bild: Franziska Lang
Römischer Mauerziegel mit Inschrift. Bild: Franziska Lang

Es war ein heißer griechischer Tag, die Forschungsarbeiten schritten gut voran, als ein Student in dem Mauerversturz einer antiken Grabanlage eine bedeutende Entdeckung machte. Aber gehen wir zurück zum Anfang: 2015 startete das von der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) finanzierte interdisziplinäre Projekt “Der multidimensionale Raum Olympia – landschaftsarchäologische Untersuchungen zu Struktur, Interdependenzen und Wandel räumlicher Vernetzungen” am Fachgebiet Klassische Archäologie des Fachbereichs Architektur der TU Darmstadt. Seit 2015 fanden vier Feldkampagnen im Gebiet um Olympia statt. Während der Forschungsarbeit im Umland von Olympia fielen architektonische Überreste aus der Römerzeit auf, die näher untersucht und im Rahmen eines von der Regula Pestalozzi Stiftung finanzierten Praxisseminars am Fachgebiet Klassische Archäologie systematisch vermessen wurden. Neben der präzisen Erfassung der Architektur übten sich Studierende in der Praxis antiker Architekturforschung.

Während der letzten Kampagne machte der Student Florian Roßbach einen auf den ersten Blick unscheinbaren, wie sich jedoch bald herausstellen sollte, singulären Fund. Er entdeckte einen römischen Mauerziegel mit einer ungewöhnlich langen Inschrift. Nach der Reinigung des Mauerziegels durch den Restaurator des griechischen Landesdenkmalamts konnte die Inschrift durch die hinzugezogenen Epigraphiker gelesen und identifiziert werden: Es handelt sich um die ersten 13 Verse des 14. Gesangs der Odyssee von Homer.

Erstmals Mauerziegel als Textträger für Homerverse

Homer schildert die Ankunft des Odysseus, der nach zehnjähriger Irrfahrt endlich in seiner Heimat Ithaka bei seinem treuen Diener – dem Schweinehirten Eumaios – landet, und beschreibt dessen Hof. Nach dem derzeitigen Forschungsstand ist der Fund aus folgenden Gründen sensationell: Im Gegensatz zu den mehr als 500 überlieferten Papyri und zahlreichen Tonscherben mit Versen aus der Odyssee ist mit dem neuen Fund der erste Fall belegt, dass ein Mauerziegel als Textträger verwendet worden ist.

Für den zweiten Grund muss man sich die Überlieferungsbedingungen der homerischen Epen vergegenwärtigen: Ursprünglich zogen Sänger durch die damalige Welt und trugen die homerischen Epen mündlich vor. Aufgeschrieben wurden sie aber erst Jahrhunderte später, und eine verbindliche Textedition kam im dritten und zweiten vorchristlichen Jahrhundert durch die Philologen an der berühmten Bibliothek von Alexandria zustande. Dieser Homertext, aber mitunter auch in Details abweichende Fassungen, wurden zunächst vor allem auf Papyri, später in mittelalterlichen Handschriften kopiert und überliefert.

Doch zurück zu den Versen auf dem Mauerziegel: für die Verse 9–13 stellt ein Papyrus des dritten/vierten Jahrhunderts nach Christus den frühsten Textzeugen dar, während die Verse 1-8 bislang überhaupt nur in den mittelalterlichen Homer-Handschriften überliefert sind. Aufgrund der Buchstabenformen könnte der entdeckte Mauerziegel bereits im dritten Jahrhundert nach Christus (vielleicht auch früher) beschriftet worden sein und stellt beim derzeitigen Kenntnisstand für die Verse 1-8 das bislang älteste Textzeugnis dar. Und vor allem: Der Mauerziegel weist noch weitere Besonderheiten auf, die intensiver philologischer und epigraphischer Forschung bedürfen.

Rätselhaft ist, warum ein Mauerziegel mit diesen Versen beschriftet wurde und welche besondere Beseutung ihm zukam. Über den Schreiber kann man wenig sagen, nur dass er offenbar geschult und jedenfalls kein Anfänger war. Sicher ist aber, dass die Archäologie und die Homerforschung mit diesem Zeugnis vor neuen Herausforderungen stehen, dass forschendes Studieren die Wissenschaft voranbringt, und antike Mauerziegel und eine Technische Universität kein Paradoxon darstellen.

Mehr Informationen:

Das DFG-Projekt
DFG-Projekt “Der multidimensionale Raum Olympia –landschaftsarchäologische Untersuchungen zu Struktur, Interdependenzen und Wandel räumlicher Vernetzungen”, geleitet von: Archäologie: Prof. Dr. Franziska Lang (Fachgebiet Klassische Archäologie, Fachbereich Architektur TU Darmstadt), Dr. Birgitta Eder (Österreichische Akademie der Wissenschaften, OREA), Dr. Erofili Kollia (Direktorin des Ephorie für Altertümer von Ilia) – Alte Geschichte: Prof. Dr. Dr. h.c. Hans-Joachim Gehrke (Universität Freiburg) – Geoarchäologie: Prof. Dr. Andreas Vött (Universität Mainz), sowie in Kooperation mit dem Deutschen Archäologischen Institut Abteilung Athen.

Das Praxisseminar
Prof. Dr. F. Lang, Bauforscher Dr.-Ing. Clemens Brünenberg (Fachgebiet Klassische Archäologie) und die Studierenden vom Fachbereich Architektur: Valerie Kronauer, Jascha Lenz, Nelly Meyer und Florian Roßbach.

Die Epigraphiker
Prof. Dr. Klaus Hallof und Dr. Daniela Summa (Berlin-Brandenburgische Akademie der Wissenschaften Berlin, Inscriptiones Graecae); Restaurator: Panos Kalpakos (Olympia).

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