„Ich würde gerne auch an der TU promovieren“

Die beeindruckende Lebensgeschichte von Ayoub Alhousin

04.12.2019

Der 28-jährige Masterstudent Ayoub Alhousin studiert im 5. Semester erfolgreich Bauingenieurwesen. Die TU Darmstadt unterstützte den syrischen Flüchtling von Beginn an mit Sprachkursen und Orientierungshilfen. Er war auch Stipendiat des HessenFonds.

Ayoub Alhousin.

Ayoub Alhousin war 25 Jahre alt, als sich für ihn die entscheidende Frage stellte: Mitkämpfen und sterben oder flüchten? Der Syrer aus Hama hatte während des seit 2011 anhaltenden Bürgerkrieges in seiner Heimat studiert und gerade seinen Bachelor-Abschluss im Bauingenieurwesen gemacht. Doch jetzt erwartete ihn der Pflichtwehrdienst und vermutlich der sichere Tod während irgendwelcher Kampfhandlungen. „Ich wollte weiterstudieren, wollte eine Zukunft haben“, erzählt er.

2015 entschied er sich zur Flucht über die Balkanroute. Zusammen mit zwei Freunden war Alhousin wochenlang unterwegs, landete schließlich in Flüchtlingslagern in Saarbrücken, Trier und in Kerzenheim, einem kleinen Dorf in Rheinland-Pfalz. Wo er studieren wollte, wusste er bereits genau. „Ich hatte mich im Internet über die besten Universitäten in Deutschland informiert und wollte in jedem Fall an die TU Darmstadt.“ Deutsch brachte er sich während der ersten Monate selbst bis auf B1-Niveau bei. Eine Sprachenschule gab es in der Kleinstadt nicht, wo er anfangs lebte.

Nachdem er für das Studium den Standort wechseln durfte, suchte er sich unter zunächst großen Schwierigkeiten in Darmstadt ein Zimmer. „Danach hat dann zum Glück die Zentrale Koordinierungsstelle für Flüchtlingsintegration der TU alles für mich gemacht.“ Diese vermittelte ihn in Uni-interne Sprachkurse und Orientierungsangebote, prüfte seine Zeugnisse und organisierte eine Studienbegleitung. Im Wintersemester 2017/18 nahm Ayoub Alhousin wie erhofft sein Masterstudium im Bauingenieurwesen auf.

Buddy als Begleiter

Er hatte Glück: Das syrische Bildungssystem ist gut, die Hochschulzulassung und Zulassung zum Masterstudiengang erfolgte direkt. „Ich musste nur einzelne Module nachholen, aber das klappte gut“, sagt der heute 28-Jährige. „Als ich mein Studium aufnahm, hatte ich bereits einen guten Überblick. Das war sehr hilfreich.“ Er war einem Buddy-Programm zugeteilt, das die TU für 2017/18 initiiert hatte. Ein Bauingenieur-Student begleitete den jungen Syrer, erklärte ihm den Unialltag, Vertiefungsrichtungen im Masterstudium „oder welcher Professor nett war“, sagt er und lacht. Mit seinem Buddy ist er heute befreundet. „Ich habe mich an der TU sehr gut aufgenommen und unterstützt gefühlt“, betont Alhousin.

In der Alltagssprache und auf dem Campus fand er sich zurecht. Eine Herausforderung waren hingegen Fachausdrücke, die Schriftsprache „und auch die hessische oder deutsche Bauordnung kannte ich nicht“, erinnert er sich. „Da habe ich mich zwei, drei Semester einarbeiten müssen.“ Eine Umstellung waren Studienstruktur und Lernsystem an deutschen Universitäten. „Ich musste erst lernen, wie ich mich effektiv auf Klausuren vorbereite und was da abgefragt wird.“ Anfangs rasselte er denn auch bei der einen oder anderen Prüfung durch, „doch die Motivation war groß“, betont Alhousin.

Heute ist er ein guter Student. Zwei Semester lang war er Stipendiat des HessenFonds, den das Land zur Unterstützung von Studierenden mit Flüchtlingshintergrund initiiert hat. Monatlich erhielt er 300 Euro. „Ich musste mir keine so großen Sorgen mehr machen, wie ich das Studium finanziere. Ich konnte mich aufs Lernen konzentrieren. Das hat sehr bei der Integration in der TU geholfen“, betont er.

„Alle wollten nur mit ihm sprechen“

Seit langem hilft Alhousin nun selbst anderen Flüchtlingen, sich an der Uni zurechtzufinden. Er hat ein Netzwerk mit aufgebaut, war mehrere Semester als studentische Hilfskraft bei der Zentralen Koordinierungsstelle für Flüchtlingsintegration (ZKF) angestellt. Dort konnte er seine Erfahrungen in seiner Muttersprache an Neuankömmlinge weitergeben. „Wenn er da war, war der ganze Flur voll mit Interessierten, die alle nur mit Ayoub sprechen wollten“, erinnert sich Aaron Szczerba, TU-Mitarbeiter für Flüchtlingsintegration. Für sein Engagement ist Ayoub Alhousin auf Vorschlag der ZKF jetzt mit dem DAAD-Preis 2019 ausgezeichnet worden.

Seine Familie hat er seit seiner Flucht vor vier Jahren nicht mehr gesehen. Die Eltern leben noch in Syrien, die Brüder sind in die Türkei und den Libanon geflohen. In die Heimat wird Alhousin vorerst nicht reisen können. In Deutschland hat er sich jedoch neue Ziele gesteckt. Mittlerweile arbeitet der 28-Jährige neben seinem Studium im Griesheimer Ingenieurbüro „aquadrat ingenieure“, sammelt dort berufliche Erfahrungen in der Wasserversorgung- und entsorgung. Nach seinem Master-Abschluss will Ayoub Alhousin promovieren, am liebsten ebenfalls an der TU Darmstadt. „Ich fühle mich sehr wohl hier.“

HessenFonds: Integrieren statt trennen

Die Stipendien des HessenFonds sind eines von vielen Angeboten, mit denen die TU Darmstadt Geflüchtete bei einem Neuanfang in Studium und Forschung unterstützt.

2015 war das große Fluchtjahr. In den folgenden Monaten kamen so viele Anfragen von Studieninteressierten, „dass wir schnell die dafür benötigten Strukturen aufbauen mussten“, erinnert sich Lars Hollmann, Leiter des Referates Willkommen und Wohnen im Dezernat Internationales der TU Darmstadt. 2016 richtete die Universität daher die Zentrale Koordinierungsstelle für Flüchtlingsintegration (ZKF) ein. Hier wird seither das Programm aus Sprachkursen, Orientierungsangeboten und studienbegleitenden Maßnahmen konzipiert und koordiniert, das geflüchteten Studierenden und Forschenden den Start an der TU Darmstadt erleichtern soll.

Entstanden ist daraus als erster Baustein der aufgebauten Hilfsstruktur das Angebot der Campusorientierung, eine Infoveranstaltung, die den Erstkontakt von Geflüchteten mit der Universität in gezielte Bahnen lenkt. Das war anfangs dringend notwendig. Lars Hollmann verdeutlicht, wie stark die Nachfrage war: Beraten wurden 2016 über 1000 Interessierte persönlich oder per Mail und am Telefon. Davon kamen 549 Geflüchtete 2016 auch zur Campusorientierung, die einen ganz praktischen Überblick über die Einrichtungen der TU gibt. 2017 nahmen an der Info-Tour noch 237 Menschen teil, zumeist aus Syrien. Aktuell in diesem Jahr waren es immerhin noch 116 Menschen mit Fluchthintergrund, die an der Technischen Universität ein Studium beginnen oder weiterführen wollten. „Die meisten besitzen die Voraussetzungen für ein Studium in Deutschland, aber keine oder zu geringe Sprachkenntnisse“, so Hollmann.

Für sie wurden daher auch ganz spezifische Sprachkurse vom ZKF in Kooperation mit dem Sprachenzentrum der TU modular entwickelt. Über 50 dieser studienvorbereitenden Kurse auf verschiedenen Niveaustufen wurden seit dem Wintersemester 2015/16 angeboten, sagt Aaron Szczerba, Projektkoordinator für Flüchtlingsintegration der ZKF. Durchschnittlich nahmen an den Sprachklassen pro Jahr rund 150 Studieninteressierte teil. 2019, berichtet er, waren es vier Kurse mit 77 geflüchteten Männern und Frauen, zumeist aus Syrien, aber auch aus dem Iran und der Türkei. Wer die DSH oder TestDaF-Sprachprüfung besteht, kann mit dem Bachelor- oder Masterstudium beginnen.

Die Zeugnisprüfung übernimmt ebenfalls die Zentrale Koordinierungsstelle der TU. In Einzelterminen, betont Benedetta Gennaro, Sachgebietsleiterin International Student Services & Flüchtlingsintegration, werden Hochschulzugangsberechtigung, Dokumente und Studienleistungen geprüft. Diese Gespräche sind für alle Pflicht. Syrische Geflüchtete, so Lars Hollmann, erfüllen die formalen Kriterien für eine direkte Hochschulzugangsberechtigung in den meisten Fällen. „Das dortige Bildungssystem ist sehr gut.“ Schwieriger haben es dagegen etwa viele Geflüchtete aus Afghanistan, für die sich oftmals ein Besuch des Studienkollegs empfiehlt.

Die Geflüchteten treffen in Darmstadt auf eine fremde Lernumgebung, Sprache und Kultur, müssen Fluchterlebnisse und die Sorge um die Familie daheim bewältigen. „Wer das schafft, ist wirklich herausragend“, betont Lars Hollmann. Die ZKF hat zur Unterstützung ein Netzwerk an Angeboten entwickelt. Dazu zählen Austauschplattformen speziell für Frauen (Brown Bag Lunch), Fachsprachkurse zum Beispiel für Mathematik oder auch eine Orientierungswoche mit Workshops und Kennenlern-Treffen. So bietet die Gruppe „Tutor International“ etwa gemeinsame soziale Events an wie Museumsbesuche, Kochabende oder Kulturreisen. „Wir wollen Geflüchtete in die bestehenden Strukturen der Universität eingliedern. Das Ziel ist Integration statt Separation“, so Hollmann.

Bestandteil der studienbegleitenden Angebote ist auch die Hilfe bei der Suche nach Praktika oder Nebenjobs sowie die gezielte Information über Studienfinanzierung und Stipendien. Dazu gehört seit 2016 der HessenFonds, das Begabtenstipendien-Programm der Landesregierung für geflüchtete Studierende, Promovierende und Wissenschaftler. 31 Stipendien für ein Jahr konnte die Zentrale Koordinierungsstelle für Flüchtlingsintegration seither für ihre TU-Angehörigen einwerben, berichtet Aaron Szczerba. Bei einem Austauschtreffen aller HessenFonds-Stipendiaten unlängst in Wiesbaden betonte Wissenschaftsministerin Angela Dorn (Grüne): „Es ist unsere Verantwortung, diesen Menschen einen Zufluchtsort zu bieten und es ihnen zu ermöglichen, ihre wichtige Arbeit fortzusetzen.“ Die Leiterin des TU-Dezernates Internationales, Regina Sonntag-Krupp, betonte bei diesem Treffen, dass die TU Darmstadt die Integration von Geflüchteten an der Universität als gesellschaftliche Aufgabe und als Teil ihres gesellschaftlichen Auftrags begreift und die wachsende Vielfalt und Internationalität als Bereicherung sieht.

Die Geflüchteten, die an der TU studieren und forschen, revanchieren sich in der Universität mit eigenem Engagement und einem selbstorganisierten Hilfssystem. Sie haben mittlerweile ein Netzwerk geknüpft, in dem sie ihre Erfahrungen und Tipps an andere Geflüchtete weitergeben. Ein anfängliches Buddy-Programm, bei dem ein deutscher TU-Studierender einem Flüchtling zur Seite stand, ist daher seit 2018 nicht mehr nötig. „Die Studierenden bringen in die Beratung ihre Sicht, Erfahrung und Glaubwürdigkeit ein. Das hat nochmals ein ganz anderes Gewicht“, freut sich Referatsleiter Lars Hollmann.

HessenFonds: Die nächste Bewerbungsrunde läuft

Den HessenFonds initiierte die Landesregierung 2016 auf Anregung der hessischen Hochschulen für hochbegabte und leistungsstarke Geflüchtete. Seither sind in neun Ausschreibungsrunden 206 Stipendiatinnen und Stipendiaten, darunter 188 Studierende, elf Promovierende und sieben Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler hessenweit ausgewählt worden. Die meisten kamen aus Syrien.

Die TU Darmstadt hat seit 2016 insgesamt 31 Stipendien für ihre Kandidatinnen und Kandidaten einwerben können, darunter waren vor allem Studierende, aber auch vier Promovierende und ein Wissenschaftler.

Das Begabtenstipendium unterstützt Studierende mit 300 Euro monatlich, damit sie sich auf den Neuanfang an der Hochschule konzentrieren können. Promovierende erhalten 1.150 Euro pro Monat; das Forschungsstipendium für Wissenschaftler umfasst 2000 Euro.

Die nächste Ausschreibung läuft. Geflüchtete, die an der TU studieren oder forschen, können sich bis 31. Januar 2020 bei der Zentralen Koordinierungsstelle für Flüchtlingsintegration (ZKF) der TU bewerben. Die ZKF schlägt dem Land ihre Kandidatinnen und Kandidaten für den HessenFonds vor.

Kontakt: Dezernat Internationales, Zentrale Koordinierungsstelle für Flüchtlingsintegration,