Die Zusammenhänge von Mode, Technik und Industrie

Die Kunsthistorikerin Miriam Oesterreich wird Athene Young Investigator

2020/04/06

Mit der mexikanischen Avantgarde, dem Phänomen des „Indigenismus“ und seinen Verflechtungen von Kunst, Politik und Gesellschaft befasst sich Dr. Miriam Oesterreich in ihrer Forschung. Die Kunsthistorikerin arbeitet am Arbeitsbereich Mode & Ästhetik, wo Körpernormen und Moden kritisch reflektiert werden. Die Universität hat sie als erste Geisteswissenschaftlerin in das Athene Young Investigator-Programm aufgenommen.

Dr. Miriam Oesterreich wird als erste Geisteswissenschaftlerin in das Athene Young Investigator-Programm aufgenommen

Frida Kahlo ist sehr populär – die berühmte Malerin setzte sich in Selbstporträts in traditioneller Landestracht und leuchtenden Farben in Szene. Die Künstlerin ist eine bekannte Protagonistin der mexikanischen Avantgarde, die Dr. Miriam Oesterreich seit vielen Jahren fasziniert. Die Kunsthistorikerin forscht und arbeitet seit 2013 an der TU Darmstadt. Zurzeit schreibt die sie an ihrer Habilitation zu transkulturellen Verflechtungen mexikanischer Avantgarden zwischen 1920 – dem Ende der mexikanischen Revolution – und 1950. Das lateinamerikanische Land, erklärt Oesterreich, „war zu dieser Zeit ein Zentrum künstlerischer Moderne-Entwicklungen und als Zufluchtsort von Exilantinnen und Exilanten auch ein Ort internationalen Austauschs.“

Die TU-Wissenschaftlerin interessiert sich für das Phänomen des „Indigenismus“ als künstlerisches Konzept. Aspekte indigener Lebensweise erfuhren eine Aufwertung, indem modernistische Künstlerinnen und Künstler sie sich für ihre Werke, ihre Gemälde oder auch Literatur aneigneten. „Fragen zur Verknüpfung von ethnischen Zuschreibungen und Nationalität in kosmopolitisch geprägten Künstlermilieus sind für meine Forschungsarbeit maßgeblich und in diesem Zuge werden ästhetische Neu-Konzeptionen des Moderne-Begriffs diskutiert“, erläutert sie. Oesterreich nennt Frida Kahlo als Beispiel: Sie habe nicht nur die Darstellung von Indigenen in ihre Malerei integriert, „sie zog sich das Indigene buchstäblich in Form traditioneller Tracht an“. Die Mexikanerin sei Stilikone gewesen noch bevor sie als Malerin anerkannt wurde. „Und sie nutzte so ihren Künstlerinnenkörper zur Selbstinszenierung.“

Oesterreichs Projekt wurde 2016 mit dem Fachbereichspreis der TU Darmstadt als „besonders innovatives Forschungsprojekt“ ausgezeichnet. Auch international konnte die Kunsthistorikerin ihr Forschungsvorhaben im Rahmen der Transregionalen Akademien in São Paulo und Buenos Aires positionieren. Zudem war die Wissenschaftlerin im vergangenen Jahr Ansel-Adams-Fellow des Center for Creative Photography an der University of Arizona in den USA.

Dass sie sich mit Lateinamerika auseinandersetzt, hat seine Ursprünge schon im Studium: An der Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg und der Freien Universität Berlin hat sie Kunstgeschichte mit dem Schwerpunkt Lateinamerika belegt und ebenfalls Romanistik und Altamerikanistik studiert. Sie verbrachte Auslandssemester und Forschungsaufenthalte unter anderem in Kuba, Spanien und Mexiko. Für ihre Dissertation forschte sie zu exotistischen Körperbildern im damals neuen Medium der Bildreklame des deutschen Kaiserreichs. Mit Bildern, die Körpernormen in unterschiedlichen historischen wie zeitgenössischen Medien setzen, befasst sich Miriam Oesterreich auch heute als wissenschaftliche Mitarbeiterin am Arbeitsbereich Mode & Ästhetik im Fachbereich Humanwissenschaften der TU. Mit Darstellungen etwa in Gemälden, auf Fotografien oder auch in den sozialen Medien, erläutert sie.

Mode und Ästhetik an einer Technischen Universität

Mode & Ästhetik ist nicht gerade ein Fachgebiet, das man an einer Technischen Universität vermuten würde. Jedoch bereits in den 1960er Jahren richtete der damals in der Stadt ansässige Kosmetikkonzern Wella zuerst eine Stiftungsdozentur, dann eine Stiftungsprofessur an der TU ein; inzwischen ist daraus ein Fachgebiet der Universität geworden, das die Professorin Alexandra Karentzos leitet. Ästhetische Normen, so der Ansatz, sollen hier reflektiert und wissenschaftlich diskutiert werden. Wie entstehen gesellschaftliche Normen, welche Rolle spielen Körper, Haare, Mode oder Schmuck als individuelle und soziale Inszenierungspraktiken? Mit welchen Strategien konnte und kann man solche Normen auch dekonstruieren oder subversiv unterlaufen? Zum kritischen Ansatz, berichtet Oesterreich, gehören beispielsweise auch Fragen, auf wessen Kosten eigentlich Luxusprodukte und Haute Couture entstehen. „Mode, Technik und Industrie sind eng miteinander verwoben – in den Produktionsprozessen wie in der medialen Inszenierung“, betont sie. Als ein gesellschaftlich relevantes Feld sei der Studiengang daher gerade an einer Technischen Universität richtig verordnet, findet die Kunsthistorikerin.

Die Anerkennung ihrer Arbeit mit der Aufnahme ins TU-Nachwuchsförderprogramm Athene Young Investigator ehrt die Mutter zweier Töchter sehr, „zumal als erste Geisteswissenschaftlerin“, betont sie. Miriam Oesterreich strebt eine Professur an. Die Förderung durch den AYI unterstütze sie dabei. Sie möchte die Möglichkeit nutzen, um ihr nationales und internationales Netzwerk weiter auszubauen. In näherer Zukunft plant sie daher die Ausrichtung einer Konferenz zu ihren Forschungsthemen sowie eine Archiv- und Recherchereise nach Mexiko im kommenden Jahr.

Zurzeit arbeitet sie mit an einem Forschungsprojektantrag zu den kolonialen, geschlechtlichen und medialen Verflechtungen von Weltausstellungen aus kunst- und kulturwissenschaftlicher Perspektive. Sie hofft, in diesem Rahmen möglichst bald auch die Leitung einer Nachwuchsforschungsgruppe übernehmen zu können.

Athene Young Investigator

Die TU Darmstadt hat das Athene Young Investigator Programm eingerichtet, um die frühe wissenschaftliche Selbstständigkeit von besonders qualifizierten Nachwuchswissenschaftlerinnen und -wissenschaftlern zu fördern und um ihnen die Option zu eröffnen, sich durch die eigenverantwortliche Leitung einer Nachwuchsgruppe für die Berufbarkeit als Hochschullehrerin bzw. Hochschullehrer zu qualifizieren. Am Vorbild des Emmy Noether-Programms der DFG entwickelt, wurde das Athene Young Investigator Programm konzipiert als fünfjähriges, qualitätsgesichertes Programm, in dem die Nachwuchsgruppenleiterinnen und -leiter mit bestimmten professoralen Rechten und einem eigenen Budget ausgestattet werden.