Botschaft der Solidarität

TU Darmstadt engagiert sich für die Wahrung der weltweiten akademischen Freiheit

24.04.2020

Weltweit werden Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler aufgrund ihrer Forschungen und Ideen bedroht und in ihrer akademischen Arbeit eingeschränkt. Die TU Darmstadt setzt sich im Rahmen verschiedener Initiativen für gefährdete Forschende und die Wahrung akademischer Freiheit ein. Ein Interview mit Aaron Szczerba, Projektkoordinator Flüchtlingsintegration an der TU Darmstadt.

Solidarität mit gefährdeten Studierenden und Forschenden: Die TU Darmstadt ist Mitglied des internationalen Scholars at Risk (SAR) Netzwerks.

Ein Hinweis in eigener Sache: Dieses Interview ist vor dem Ausbruch der Corona-Pandemie entstanden.

Warum ist die Wahrung akademischer Freiheit der TU Darmstadt ein wichtiges Anliegen?

Jegliche Einschränkungen und Angriffe auf akademisches Arbeiten – also Forschung, Publikation, Lehre und Lernen – behindern den freien Austausch von Ideen, die für eine qualitativ hochwertige Forschung und Hochschulbildung sowie für eine globale Zusammenarbeit von zentraler Bedeutung sind. Internationalität gehört zu den Leitlinien der TU Darmstadt und wird daher in all ihren Facetten betrachtet und ernst genommen. In diesem Sinne zählt es zum Selbstverständnis der TU, sich für Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler einzusetzen, deren Freiheiten und Menschenrechte in Gefahr sind.

Ist die akademische Freiheit heute mehr in Gefahr als noch vor einigen Jahren?

Wo immer Extremismus und politische Konflikte herrschen, steht auch die akademische Freiheit in Gefahr. Laut »Free to Think«, einem jährlich von Scholars at Risk (SAR) veröffentlichten Bericht, sind Forschende und Studierende in aller Welt aufgrund ihrer akademischen Arbeit und der freien Meinungsäußerung regelmäßig bedroht. Diese Bedrohungen reichen von Reisebeschränkungen und Entlassungen bis hin zu Inhaftierungen und – teilweise tödlicher – Gewaltausübung. Auch wenn sie sich regional und in ihrer Art unterscheiden, konnte über die letzten Jahre eine geringe, aber kontinuierliche Zunahme der Bedrohungslagen festgestellt werden. Hinter diesen Angriffen steht meist die Motivation, kritisches Denken einzudämmen.

Aaron Szczerba, Projektkoordinator Flüchtlingsintegration an der TU Darmstadt

Die TU Darmstadt ist Gründungsmitglied der deutschen Sektion des internationalen Netzwerks »Scholars at Risk« (SAR). Wie unterstützt die TU hier konkret?

Mit dem Beitritt zu Scholars at Risk sendet die TU nicht nur eine deutliche Botschaft der Solidarität an alle Mitglieder von Universitäten, deren akademische Freiheit eingeschränkt und unterdrückt wird, sondern setzt sich auch aktiv dafür ein, gefährdeten Forschenden einen sicheren Forschungsplatz in Darmstadt zu gewährleisten. Am Dezernat Internationales arbeiten die Zentrale Koordinierungsstelle für Flüchtlingsintegration und das Welcome Centre eng mit den Fachbereichen zusammen, um das Ankommen und Arbeiten für die Forschenden an der TU Darmstadt möglichst reibungslos zu gestalten. Durch Netzwerk- und Öffentlichkeitsarbeit soll das Thema zudem für alle Hochschulmitglieder greifbarer gemacht werden.

Mit der Philipp Schwartz-Initiative (PSI) erhalten Universitäten die Möglichkeit, gefährdete Forschende für einen bestimmten Zeitraum bei sich aufzunehmen. Wie viele Stipendiaten hat die TU bereits aufgenommen? Warum mussten die Betroffenen ihr Heimatland verlassen?

Bisher konnten vier Forschende über PSI-Stipendien der Alexander von Humboldt-Stiftung aufgenommen werden. Beweggründe, warum sie sich gezwungen sahen, ihre Heimat zu verlassen, sind äußerst unterschiedlich und individuell. Was sie jedoch alle gemeinsam haben, ist die berechtigte Angst vor Bedrohungen durch Krieg und/oder Verfolgung. Teilweise war es erst nach der Zusage zum Stipendium möglich, die Forschenden und ihre Familien aus der konkreten Gefährdungslage heraus und mit einem entsprechendem Visum nach Darmstadt zu holen. Ein wichtiger Aspekt unserer Arbeit ist es, die Bedürfnisse der Stipendiatinnen und Stipendiaten ernst zu nehmen. Dazu zählt beispielsweise sehr häufig der Schutz ihrer Persönlichkeitsrechte.

Im Rahmen der Vortragsreihe »Academia, Interrupted« berichteten gefährdete Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler über ihre Erfahrungen mit Einschränkungen in Forschung und Lehre. Was ist das Besondere an diesem Konzept?

Das Besondere für mich persönlich ist, dass das Publikum hier die Möglichkeit hat durch die Vorträge und Diskussionen in entspannter Atmosphäre über den eigenen »Tellerrand« hinauszublicken. Forschende berichten sowohl von ihren Erfahrungen als auch von ihrer Forschung. In unserem Alltag an der TU oder in Deutschland stellen wir unsere eigene akademische Freiheit in der Regel nicht infrage. Wie schnell jedoch vermeintlich Selbstverständliches ins Wanken geraten kann, war für alle Anwesenden überraschend und lehrreich.

Scholars at Risk und Philipp Schwartz-Initiative

Scholars at Risk ist ein globales Netzwerk von über 500 Hochschulen, Forschungs- und Wissenschaftsinstitutionen, das sich für die Wahrung von wissenschaftlicher Freiheit einsetzt. Die deutsche Sektion von Scholars at Risk hat zum Ziel, Unterstützung und Schutz für gefährdete Forschende an den Mitgliedsinstitutionen zu gewährleisten.

Mit der Philipp Schwartz-Initiative der Alexander von Humboldt-Stiftung erhalten Hochschulen und Forschungseinrichtungen in Deutschland die Möglichkeit, gefährdete Forschende im Rahmen eines Vollstipendiums für 24 Monate aufzunehmen.

Die Fragen stellte Bettina Bastian.