„Wir können deutlich mehr in die Tiefe gehen“

"Inverted Classroom"-Modell für die digitale Lehre

12.05.2020

Dr. Felicitas Rädel und Professor Jörg Lange lehren Stahlbau am Fachbereich Bau- und Umweltingenieurwissenschaften. Ihr Lehrkonzept stellten die beiden Wissenschaftler schon 2015 in einem Mastermodul auf den Kopf, als sie merkten, dass sich Studierende mehr Übungen und einen intensiveren Austausch mit Lehrenden wünschen – anstatt 90 Minuten Frontalunterricht. Für ihre Umsetzung des „Inverted Classroom"-Modells erhielten sie 2017 den Hauptpreis des Best E-Teaching Awards der Carlo und Karin Giersch Stiftung an der TU. Heute unterrichten zahlreiche Lehrkräfte der TU nach diesem Modell, das sich auch im digitalen Sommersemester bewährt.

Dr. Felicitas Rädel hat sich während ihrer Habilitation mit dem Modell des Inverted Classroom befasst.

Für Felicitas Rädel steht fest: Nur ein Bruchteil der Studierenden kann sich eineinhalb Stunden lang intensiv auf einen Vortrag konzentrieren – weder in Präsenz- noch in digitalen Lehrveranstaltungen. Irgendwann lässt die Konzentration nach und der Inhalt rauscht vorbei. Daher mahnt die Bauingenieurin auch im digitalen Sommersemester, die Lehrformate für die Studierenden abwechslungsreich zu halten und nicht nur Livekonferenzen, sondern auch flexibel abrufbare Übungsaufgaben oder Lernmaterialen anzubieten. „Keiner kann Stunden am Stück konzentriert in den Laptop schauen“, sagt sie.

Lehren aus der Unzufriedenheit gezogen

Felicitas Rädel und Jörg Lange waren schon 2015 Vorreiter für neue Lehrmodelle. Ihre Lehrveranstaltung „Ausgewählte Kapitel aus dem Verbund- und Leichtbau“ im Masterstudiengang Bauingenieurwesen wurde in der Evaluation gut bewertet, aber Studierende beklagten regelmäßig die großen Stoffmengen, die sie zu bewältigen hatten. Sie wünschten sich mehr Übungen und eine intensivere Kommunikation mit den Lehrkräften. „Diesen Zustand der Unzufriedenheit bei Studierenden, aber auch Lehrenden wollten wir gerne ändern“, berichtet sie.

Themenschwerpunkt „Digitales Sommersemester“

In diesem Sommersemester ist vieles anders: Digitale Lehre und Online-Studium prägen den Campus-Alltag. Experimentierfreude und Neugierde, aber auch Pragmatismus sind in Corona-Zeiten gefragter denn je. Wie hat sich die TU Darmstadt auf die Herausforderungen vorbereitet, auf welche Erfahrungen im E-Learning setzt sie und was bietet sie an? Ein Themenschwerpunkt. Eine Serie.

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Während ihrer Habilitation hat sich Felicitas Rädel mit dem Modell des Inverted Classroom, der umgedrehten Lehrveranstaltung, befasst. Danach bereiten sich Studierende mit Texten und Materialien, die vorab auf einer Lernplattform bereitgestellt werden, auf die Lehrveranstaltung vor. Bei der eigentlichen Präsenzveranstaltung dann können sie den Stoff mit den Lehrenden diskutieren, Fragen stellen oder die Inhalte in Gruppen durcharbeiten.

Diese Verschiebung der Lernaktivitäten hat laut Rädel den Vorteil, dass sich die Studierenden den Lernstoff zuvor in ihrem Tempo und in der von ihnen gewählten Zeit und Intensität aneignen können. Die anschließende Live-Lehrveranstaltung wird für eine wesentlich intensivere Vertiefung und Anwendung des Lernstoffes genutzt.

Rädel und Lange entwickelten ihr eigenes Inverted Classroom Modell (ICM). Den Lerninhalt stellen sie in Form von Texten, Bildern, Grafiken, Vorlesungsaufzeichnungen oder Videos auf Wiki-Seiten im Internet bereit. Zu jeder ihrer ICM-Lehrveranstaltungen existiert eine solche Seite, an deren Ende immer auch Verständnisfragen gestellt werden, damit die Studierenden ihr selbsterlerntes Wissen überprüfen können.

In der Präsenzveranstaltung werden offene Fragen geklärt und der Stoff durch Übungen, Abstimmungstools oder Gruppenarbeit vertieft. Als semesterbegleitende Studienarbeit, die in die Note einfließt, müssen die Studierenden eine eigene Wiki-Seite zu einem freigewählten Thema erstellen, die von Kommilitonen und Kommilitoninnen bewertet wird und anschließend auch als Vorbereitungsmaterial für eine ICM-Veranstaltung dient. Das fördert nicht nur das Fachwissen, sagt Rädel, sondern auch die Medienkompetenz der Studierenden.

Mehr Eigeninitiative abverlangt

ICM-Veranstaltungen fordern von Studierenden mehr Eigeninitiative, sagt Felicitas Rädel, aber „sie fühlen sich auch besser eingebunden und können sich mehr einbringen“. Die Kommunikation ist intensiver, das Verständnis für die Inhalte wächst. „Das merken wir ganz klar“, betont die Stahlbau-Expertin. Die Rückmeldungen sind durchweg positiv und der Lernerfolg ist greifbar. „In den mündlichen Prüfungen können wir heute ganz andere Fragen und Aufgaben stellen, die besser beantwortet werden als vorher. Wir können deutlich mehr in die Tiefe gehen“, freut sich Rädel.

„Die Methode […] ist so, wie ich mir persönlich das Studium vorgestellt habe. Ich habe das Gefühl, dass ich […] bei Weitem mehr mitgenommen habe, als wenn es eine Vorlesung gewesen wäre.“ (Studentin Im Rahmen der Evaluation)

Insgesamt bewerteten die Studierenden die Veranstaltung in allen Bereichen besser bewertet als vor der Umstellung, berichtet die Dozentin. Ein positiver Effekt liege auch in der Abwechslung der Lehrmethoden, daher hat das Fachgebiet seit 2015 bewusst nicht alle Lehrveranstaltungen auf ICM umgestellt. Neben der Veranstaltung „Ausgewählte Kapitel aus dem Verbund- und Leichtbau“ unterrichtet Professor Lange seit 2017 auch das Modul „Korrosions- und Brandschutz“ als ICM.

Seit dem Semesterstart und der Umstellung auf rein digitale Formate wird nunmehr die Präsenzveranstaltung in Form einer Live-Videokonferenz per Zoom abgehalten. In den Gruppenarbeiten finden sich um die 20 Teilnehmende zusammen, die am Whiteboard ihre Fragen für alle sichtbar stellen können. „Das klappt bisher sehr gut“, sagt Felicitas Rädel. „Die Studierenden geben uns ein sehr positives Feedback.“

alu