Gene und das Gefühl fürs Geld

Studie der TU untersucht, was empfundene Einkommensgerechtigkeit beeinflusst

18.05.2020

Ob Menschen ihr Einkommen als fair empfinden, ist nicht nur für sie selbst wichtig, sondern unter anderem auch für den Arbeitsmarkt. Aber welche Faktoren – Umwelt oder Gene – haben Einfluss auf die empfundene Einkommensgerechtigkeit? Dieser Frage gingen Professor Michael Neugart und Doktorandin Selen Yildirim vom Fachgebiet Finanzwissenschaft und Wirtschaftspolitik am Fachbereich Rechts- und Wirtschaftswissenschaften der TU nach. Die teils überraschenden Ergebnisse ihrer Forschung veröffentlichten sie im Journal „Economics and Human Biology“.

Umwelt oder Gene – was beeinflusst empfundene Einkommensgerechtigkeit?

Für ihre Studie „What determines perceived income justice? Evidence from the German TwinLife study“ nutzten Selen Yildirim und Professor Michael Neugart Daten aus der deutschen Zwillingsstudie. 926 Zwillinge gleichen Geschlechts, davon 57 Prozent eineiig, beantworteten die Frage, ob sie ihr gegenwärtiges Bruttoeinkommen in Bezug auf ihre Tätigkeit als gerecht, ungerechterweise zu hoch oder ungerechterweise zu niedrig einschätzten. Im Interview spricht Selen Yildirim über die Ergebnisse der Forschungsarbeit.

Sie haben empfundene Einkommensgerechtigkeit erforscht. Warum haben Sie die Vererbbarkeit der Veranlagung dafür untersucht?

Ökonomische Vorlieben haben große Bedeutung für die individuelle Entscheidungsfindung, und wir wollten diesen Vorlieben auf den Grund gehen. Es ist wichtig zu verstehen, ob solche Präferenzen vererbt, also genetisch sind, oder ob sie durch Einflüsse aus der Umwelt geformt werden. Was wir wissen, ist, dass sie zwischen und innerhalb von Ländern beträchtlich variieren. Einige ökonomische Charakterzüge, wie zum Beispiel Risikofreude oder Sparverhalten, wurden bereits untersucht – hier stellte sich heraus, dass sie sowohl genetisch als auch durch die Umwelt geprägt werden. Obwohl sich gezeigt hat, dass empfundene Einkommensgerechtigkeit eine wichtige Rolle in der Arbeitswelt und darüber hinaus spielt, sind ihre Wurzeln noch unerforscht. Wir haben aktuelle Daten genutzt, um herauszufinden, ob die Neigung für empfundene Einkommensgerechtigkeit genetisch bestimmt ist.

Marcel Eckardt
Bild: Marcel Eckardt

Welche Ergebnisse hat Ihre Studie? Und gab es Überraschungen?

Wir haben herausgefunden, dass die Gene zu mehr als 30 Prozent dazu beitragen, ob Menschen ihr Einkommen als gerecht empfinden. Was uns überrascht hat, war, dass die restlichen 70 Prozent von individuellen, externen Umwelteinflüssen abhängen. Die familiäre Umgebung trägt überhaupt nicht zur Neigung bei, Einkommen als gerecht zu empfinden. Eigentlich sollte man erwarten, dass Eltern in der Erziehung die Vorlieben ihrer Kinder ähnlich zu ihren eigenen formen. Aber unsere Resultate zeigen, dass die gemeinsame familiäre Umwelt, in der Zwillinge aufwuchsen, keinen Einfluss darauf hat, als wie gerecht diese dann ihr Einkommen bewerten.

Gene beeinflussen, ob Menschen ihr Einkommen als gerecht empfinden. Gibt es also „geborene Niedriglöhner“, die mit wenig zufrieden sind? Oder spielen Einflüsse aus der Umgebung letztlich doch die entscheidende Rolle?

Unsere Studie zeigt, dass Gene eine wichtige Rolle dabei spielen, ob Menschen ihr Einkommen als gerecht empfinden. Allerdings muss man mit der Interpretation vorsichtig sein. Unsere Ergebnisse legen lediglich nahe, dass manche Menschen mehr dazu tendieren, ihr Einkommen unabhängig von dessen Höhe als unfair anzusehen. Es gibt also allenfalls Menschen mit angeborenem Bewusstsein für Einkommensgerechtigkeit. Man muss auch festhalten, dass die Neigung, das Gehalt als angemessen zu empfinden, zu 70 Prozent durch individuelle, nicht familiäre Umwelteinflüsse bestimmt wird. Das heißt, obwohl die Neigung teilweise vererbt wird, spielt doch die Umwelt eine viel größere Rolle dabei, dass die Zwillinge in der Stichprobe Fragen nach ihrer Einkommensgerechtigkeit unterschiedlich beantwortet haben.

Welche Bedeutung hat es für den Arbeitsmarkt und die Wirtschaft, ob Menschen ihr Einkommen als fair empfinden?

George Akerlof und Janet Yellen haben 1982 und 1990 eine Hypothese zu gerechten Löhnen vorgestellt. Sie bringen den Einsatz, den Arbeitskräfte zeigen, in Verbindung mit dem Ausmaß, in dem diese ihr Einkommen als gerecht empfinden. Wird das Einkommen als ungerecht bewertet, nimmt auch das Engagement für die Arbeit ab, so die These, die durch Experimente gestützt wird. Zudem wissen wir, dass das Gefühl, ungerecht entlohnt zu werden, auch zu mehr Kündigungen führt und sich negativ auf das Wohlbefinden auswirkt. Arbeitskräfte, die sich unfair entlohnt fühlten, haben eine höhere Wahrscheinlichkeit, Schlafstörungen, stressbedingte Krankheiten oder Probleme mit dem Herz-Kreislaufsystem zu entwickeln.

Die Personen, die die Daten für Ihre Studie lieferten, sind noch recht jung – die ältesten waren etwa 30 Jahre alt, das Durchschnittsalter lag bei rund 22 Jahren – und verdienten mit durchschnittlich um die 1400 Euro brutto deutlich unter dem Durchschnittseinkommen in Deutschland. Spielen Alter und Höhe des Einkommens beim Gerechtigkeitsempfinden eine Rolle?

Die Bedenken, dass ältere Personen in unserer Stichprobe möglicherweise zu anderen Ergebnissen geführt hätten, sind berechtigt. Die Literatur zeigt, dass die familiäre Umgebung mit der Zeit an Einfluss verliert und stattdessen das individuelle Umfeld für die Ausprägung von Eigenschaften wichtiger wird. In unserer Studie zeigte sich, dass der familiäre Einfluss keinerlei Rolle spielt, also die Untergrenze bereits erreicht hat. Unsere Arbeit vergleicht junge Menschen miteinander und nutzt deren beobachtetes Einkommen als Kontrollvariable. Es gibt also mit hoher Wahrscheinlichkeit keine andere Erklärung als die genetischen Anlagen, warum eineiige Zwillinge eine höhere Wahrscheinlichkeit dafür haben, ihr Einkommen gleichermaßen als fair zu bewerten als junge zweieiige Zwillinge.

Die Fragen stellte Silke Paradowski

Die Veröffentlichung

What determines perceived income justice? Evidence from the German TwinLife study. In: Economics & Human Biology, Vol. 36, Jan 2020.