„Effizienteres Lernen“

Subjektive Zwischenbilanz: So erleben Studierende derzeit die Lehre

29.05.2020

Die ersten Wochen des digitalen Semesters zeigen: Die meisten Studierenden kommen gut zurecht und wünschen sich, dass auch künftig mehr E-Learning-Elemente in die Lehre einfließen und die positiven digitalen Erfahrungen über die Corona-Krise hinaus im Unialltag Bestand haben.

Digitale Lehre und Online-Studium prägen derzeit den Studierendenalltag.

Eigentlich muss Arijan Goharnia „nur“ noch seine Masterthesis schreiben. Der 25-Jährige studiert im letzten Mastersemester Umweltingenieurwissenschaften. Sein Problem: Zur Abschlussarbeit gehören zahlreiche Laborversuche, die er innerhalb einer Halbjahresfrist machen muss. Doch die TU-Labore waren über weite Strecken während der Corona-Krise geschlossen.

Goharnia schreibt seine Masterarbeit über das Schadstoffverhalten von Mikroplastik. Er untersucht unter anderem, wie viele und welche Schadstoffe sich auf Mikroplastikpartikeln anreichern, die von Fischen aufgenommen und so in die Nahrungskette von Menschen gelangen können. Im Labor wollte er Versuchsreihen zum sogenannten Sorptionsprozess anstellen. Ohne die Ergebnisse kann er seine Abschlussarbeit nicht schreiben. Doch jetzt kann er wieder hoffen. „Ich habe eine Mail bekommen, dass die Labore – mit beschränkten Zugang – demnächst öffnen“, freut er sich.

Themenschwerpunkt „Digitales Sommersemester“

In diesem Sommersemester ist vieles anders: Digitale Lehre und Online-Studium prägen den Campus-Alltag. Experimentierfreude und Neugierde, aber auch Pragmatismus sind in Corona-Zeiten gefragter denn je. Wie hat sich die TU Darmstadt auf die Herausforderungen vorbereitet, auf welche Erfahrungen im E-Learning setzt sie und was bietet sie an? Ein Themenschwerpunkt. Eine Serie.

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Versuchsvideos erklären viel, aber nicht alles

Goharnia arbeitet als Tutor. Er betreut Bachelorstudierende in Chemie. Die derzeit nicht im gewohnten Umfang möglichen Laborarbeiten zeigt der Fachbereich anhand von Erklär- und Versuchsvideos. Eine Lösung immerhin – „auch wenn es die physische Laborerfahrung nicht ersetzen kann“, findet er. Technisch klappt alles sehr gut. „Das hat mich ein bisschen gewundert“, lacht er. Per Link werden Studierende auf der Moodle-Lernplattform direkt zu ihren passenden Zoom-Meetings mit Lehrenden und Tutoren geleitet. „Das haben die Dozenteninnen und Dozenten sehr einfach gehalten. Das ist wirklich cool“, lobt er.

Fehlen ihm die Kommilitonen? Der 25-Jährige bleibt durch Videochats und Online-Meetings in Kontakt. „Daher ist es nicht ganz so tragisch. Die Gesundheit steht im Vordergrund. Wir sollten die digitalen Medien und ihre Vorteile wie Video-Calls oder Chatfunktionen nutzen.“ Er freut sich aber schon sehr auf die Zeit nach der Pandemie.

Schwieriger Einstieg

Kommilitone Janis Wilbert fand das Hin und Her zu Beginn der Pandemie, die Ungewissheit, ob und wann die TU schließt, schwierig. „Das hat bei einigen Mitstudierenden besonders während der Prüfungsphase Stress verursacht.“ Wegen der spontanen Schließung von Bibliothek und Uni fehlten ihm gewohnte Strukturen und Arbeitsabläufe. „Die produktive Arbeitsatmosphäre in der Bibliothek fällt weg“, bedauert er.

Den Einstieg in die digitale Lehre zu Semesterbeginn empfand der Masterstudent in Umweltwissenschaften ungewohnt und schwerer als üblich. Welches Modul geht wie vor? Wann ist Sprechstunde oder bis wann müssen Fragen für die kommende Vorlesung eingestellt werden? „Durch die spontane Situationsveränderung gab es kein einheitliches Vorgehen“, merkte er an. „Viele Lehrende schienen zwar vorbereitet, aber trotzdem erst einmal überfordert. Jetzt wird es aber immer besser“, lobt er. Offensichtlich gebe es kein „Handbuch“ zur Gestaltung einer digitalen Lehre. Jeder und jede ziehe Vorlesungen unterschiedlich auf. Wilbert fände es gut, wenn die Erfahrungen untereinander mehr geteilt würden.

„Viele lassen sich auf die Herausforderung angemessen ein und sorgen für ein funktionierendes, spannendes Semester.“

Insgesamt jedoch, so sein persönliches Fazit, ermöglicht die Digitalisierung ein effizienteres Lernen. Positiv findet der 25-Jährige, dass Raum- oder Campuswechsel sowie lästige Anfahrten und Zwischenwege entfallen und man sich nicht so gehetzt fühle. Auch bei einigen Lehrkräften kommen die Vorteile gut an. Er zitiert einen Dozenten, der lobt, dass er viel interessantere Fragen von den Studierenden erhalte, weil diese sich durch den Videocast besser vorbereiten konnten und nicht durch anderthalb Stunden Vortrag ermüdet waren.

Wilbert hofft, dass auch künftig mehr E-Learning eingesetzt wird und die Lehre nicht wieder in alte Muster zurückfällt. Durch das digitale Semester würden Lehrkräfte ihre Lehrveranstaltungen erstmalig wieder hinterfragen. „Viele lassen sich auf die Herausforderung angemessen ein und sorgen für ein funktionierendes, spannendes Semester“, findet er.

Erfahrungen in den Unialltag integrieren

Karolin Ludwig bereitet ihre Abschlussarbeit für den Bachelor of Education Körperpflege vor. Dass sie sich ihre Zeit selbst einteilen kann, gefällt ihr. „Gleichzeitig erfordert es eine höhere Selbstdisziplin, weil man sich zuhause sehr viel leichter ablenken lässt.“ Im Moment fühlt es sich für die 27-Jährige ein wenig an, als würde sie ein Fernstudium absolvieren.

„Vorteile sehe ich im Hochladen von Vorlesungsvideos, die man anhalten und im eigenen Tempo bearbeiten kann, was das Mitschreiben wesentlich vereinfacht.“ Das Arbeiten mit Online-Seminaren funktioniere soweit gut. Für Ludwig macht es jedoch einen großen Unterschied, „ob ich beim Halten eines Vortrags meinem Gegenüber in die Augen schauen, Reaktionen wahrnehmen und so besser interagieren kann.“ Angesichts der Kürze der Vorbereitungszeit, die Lehrkräfte und Uni für das digitale Semester hatten, klappe der Ablauf aber erstaunlich reibungslos und gut, findet sie. Meist seien es schlechte Programme oder unterschiedlich gute Internetverbindungen, die das Arbeiten online erschwerten. Wie viele Studierende wünscht auch sie sich, dass die neuen digitalen Erfahrungen künftig in den Unialltag einfließen.

Für Darya Kurdyukova, die ihren Master in Umweltingenieurwissenschaften macht, läuft bis jetzt alles ziemlich gut. Sie muss Module absolvieren, die kein Praktikum voraussetzen. Manche Lehrende, berichtet sie, haben den Frontalvortrag ohne Veränderungen in den digitalen Raum versetzt. Interaktion ist nur durch gelegentliche Fragen im Chat oder Umfragen möglich. „Da spüre ich den Umstieg auf „digital“ fast gar nicht, außer dass ich keinen langen Weg in die Uni habe – noch besser.“

In einem anderen Modul wurde die Vorlesung in eine Art digitale Sprechstunde umgewandelt. Mit dem Stoff müssen sich die Studierenden zuvor beschäftigen und ihre Fragen online stellen. „Diese Art finde ich sehr sinnvoll, da ich in Ruhe das Material durchgehen und verstehen kann, Fragen zeitnah geklärt werden. In der normalen Vorlesung ist dafür meistens keine Zeit.“ Die Studierenden arbeiten aktiv mit. Die Fragenrunde dient Kurdyukova zur Selbstkontrolle: „Das hilft mir sehr, den Stoff rechtzeitig zu bearbeiten“.

„Fühlt sich fast an wie normale Veranstaltungen“

In einer weiteren Veranstaltung lädt ein Lehrender jede Woche in Moodle einen Leitfaden mit Arbeitsaufträge hoch, darunter Folien, Literatur, reflektierende Fragen, kleine Recherchen oder Präsentationen. „So etwas könnte ich auch bei normalen Veranstaltungen sehr gut gebrauchen. So beschäftigt man sich tiefer mit dem Stoff. Das verbessert mein Verständnis und unterstützt meinen Lernprozess.“ Um dran zu bleiben, braucht es allerdings einen Austausch oder Fragerunde.

Exkursionen fallen wegen der Pandemie ganz aus, bedauert sie, hofft aber, dass sie nachgeholt werden können. Insgesamt fehlt das Praxis-Element. Um trotzdem gute Lernmöglichkeiten zu bieten, offerieren Lehrende zusätzliche Lehrtexte, Online-Tests oder Videos. Ein Angebot, auf dessen Fortbestand sie auch nach Corona hofft. „Das verbessert die Qualität der Lehre immens.“ Ihr Fazit: Das digitale Format fühlt sich fast so an wie normale Veranstaltungen, „aber es bietet die einzigartige Möglichkeit, viele neue Wege auszuprobieren, die längst zum Lernprozess gehören müssen.“