Internationale Master in Materialwissenschaften

Erneut fließen mehrere Millionen Euro an Fördergeldern für Studiengänge

2020/10/15 von

Im Fachbereich Materialwissenschaften der TU Darmstadt gibt es seit einigen Jahren drei von der Europäischen Union (EU) geförderte internationale Master-Studiengänge: „Functionalized Advanced Materials and Engineering” (FAME+), „Advanced Materials for Innovation and Sustainability“ (AMIS) und „Advanced Materials: Innovative Recycling“ (AMIR). Mit der Bewilligung der letzten beiden Anträge für AMIS und AMIR waren Dr. Joachim Brötz von der TU und seine Kollegen der internationalen Partneruniversitäten bereits zum zehnten Mal erfolgreich.

International gefragt: Studierenden der Materialwissenschaften forschen an ressourceneffizienten Materialien für eine Zukunft mit erneuerbaren Energien (Das Bild ist ein Symbolbild und vor der aktuellen Corona-Pandemie entstanden).

Der Master-Studiengang FAME+ des europäischen Exzellenzprogramms Erasmus Mundus legt den Fokus auf Funktionsmaterialien und Ingenieurwesen. Auch bei AMIS geht es hauptsächlich um Funktionsmaterialien, erweitert das Spektrum aber um Unternehmertum. Im Advanced Materials: Innovative Recycling (AMIR) dreht es sich in erster Linie um innovatives Recycling. AMIS und AMIR werden vom Europäischen Institut für Innovation und Technologie (EIT) gefördert.

Die drei internationalen Master-Angebote ziehen jedes Jahr zusätzlich bis zu 50 Studierende aus der ganzen Welt an den Fachbereich Materialwissenschaften. Die Hälfte davon sind Frauen – ein hoher Anteil für die TU.

Großes Portfolio an Wahlkursen

Studiert wird an zwei Universitäten des jeweiligen internationalen Konsortiums – derzeit selbstverständlich überwiegend auf digitalen Wegen. In Darmstadt laufen alle Veranstaltungen auf Englisch. „Wir versuchen alle Pflichtmodule, die wir für unseren regulären Master anbieten, auch im ersten Jahr der internationalen Master unterzubringen. Alle Studierenden haben somit am Ende das gleiche Grundwissen. Das ist insbesondere für die Industrie wichtig zu wissen“, sagt Brötz. Im zweiten Jahr liegt der Schwerpunkt auf spezialisierten Wahlkursen. Studierende, die von den Partneruniversitäten kommen, können in Darmstadt aus einer breiten Palette hochwertiger Kurse wählen.

Außer Vorlesungen, virtuellen Veranstaltungen und Konferenzen an den beteiligten hochrangigen Universitäten gibt es auch eine Summer School. Dort stellen die Industriepartner unter anderem Praktika und Jobs vor. Die Studierenden erhalten einen Einblick, welche Möglichkeiten ihnen neben einer wissenschaftlichen Karriere offenstehen und die Gelegenheit Netzwerke aufzubauen. „Die Zusammenarbeit mit der Industrie wird von der EU in allen Programmen als sehr wichtig angesehen. Studierende sollten mindestens ein Praktikum oder sogar ihre Masterarbeit in der Industrie absolvieren“, erklärt Brötz. Außerdem lernen sie, sich in Bewerbungsgesprächen bestmöglich zu präsentieren.

Zwei Universitäten, zwei Abschlüsse

Bei AMIS gibt es zudem zu „Normalzeiten“ jenseits von Corona eine Winter School in Finnland, bei der Studierende an der „Slush“ teilnehmen können, der führenden Tech- und Startup-Veranstaltung Europas. Startups haben dort die Möglichkeit, ihre innovativen Ideen vorzustellen und mit Investoren aus der ganzen Welt in Kontakt zu treten. Eine außergewöhnliche Erfahrung insbesondere für deutsche Studierende, die eine Selbstständigkeit selten im Blick haben.

Im vierten Semester schreiben die Studierenden an einer der beiden gewählten Universitäten ihre Masterarbeit. Erfolgreich abgeschlossen wird bei FAME+, AMIS und AMIR mit einem Double-Degree-Master der beteiligten Universitäten.

Finanzielle Unterstützung können Studierende über Stipendien erhalten: Bei FAME+ bis zu 49.000 Euro für die zwei Jahre und bei AMIS und AMIR 13.500 Euro. Die Stipendien bei FAME+ decken nicht nur die Studiengebühren und einen Teil der Lebenshaltungskosten, sondern ermöglichen, sobald sich die Pandemielage einmal bessert, auch Reisen zu Konferenzen, Workshops oder anderen Events in ganz Europa.

Dr. Joachim Brötz

Welche Kriterien müssen Master-Studiengange erfüllen, dass sie Chancen auf eine EU-Förderung haben?

Es gibt eine Ausschreibung von der EU – bei Erasmus Mundus zum Beispiel über „Horizont 2020“ bzw. „Erasmus+“, einem Förderprogramm für Forschung und Innovation. Das Konzept für den Projektantrag muss alle Anforderungen der EU genau erfüllen. Zudem muss die Qualität aller beteiligten Universitäten im betreffenden Fachgebiet natürlich sehr gut sein. Für die EU ist es wichtig, dass durch den Studiengang ein Mehrwert entsteht.

Bei FAME+ geht es um Funktionsmaterialien. Entsprechend haben wir uns mit Universitäten zusammengeschlossen, die auf diesem Gebiet besonders stark sind. Die Idee war, dass jede Universität aus ihrem Spezialgebiet Vorträge und Vorlesungen einbringt und so ein noch besserer Studiengang entsteht.

Außerdem müssen länderübergreifende, gemeinschaftliche Kurse durchgeführt werden. Bei AMIS gibt es zum Beispiel die Vorgabe, dass der Bereich Unternehmertum Bestandteil des Studiums ist. Mit den jeweiligen Universitäten haben wir entsprechende Kurse ausgesucht und auch neu generiert. Natürlich ist die Konkurrenz unter den Antragstellern hoch. Bei FAME, dem ersten Erasmus Mundus, wurden dem Vernehmen nach nur acht Prozent der Anträge bewilligt.

Welches Ziel verfolgen Sie mit den EU-geförderten Studiengängen?

Für uns ist das eine tolle Möglichkeit, gute Studierende aus dem Ausland an die TU zu holen – auch weil es die Stipendien gibt. Bei FAME+ sind die besonders hoch, aber auch bei AMIR und AMIS gibt es immerhin 13.500 Euro an Fördergeldern. Das ist natürlich ein großer Anreiz für Studierende aus dem Ausland. Durch ein Vollstipendium wie bei FAME+ kommen dann auch besonders gute Studierende, die sich das sonst nicht leisten könnten. Wir können dann die Besten auswählen.

Sie haben sich schon einige Male mit den drei Studiengängen des Fachbereichs Materialwissenschaften erfolgreich beworben, was spornt Sie an?

Über 60 Prozent aller Studierenden im Masterstudiengang kommen bei uns über die drei EU-Programme. Für unseren Fachbereich Materialwissenschaften sind diese zusätzlichen Studierenden sehr wichtig. Der Fachbereich Materialwissenschaft ist nicht so bekannt unter Schülern. Alle kennen natürlich Mathe und Physik. Auch dass es Maschinenbau und Informatik gibt, hat sich rumgesprochen. Aber Materialwissenschaften hat keiner auf dem Radar. Obwohl wir international toll dastehen, haben wir relativ wenige Studierende. Über die drei EU-Studiengänge bekommen wir eine große Zahl an guten Studierenden, ein Traum für unseren Fachbereich. Finanziell ist das natürlich auch interessant. Durch die Projekte bekommen wir mehr Geld, das wir zum Teil auch frei ausgeben können.

Für mich ist es natürlich viel Arbeit. Aber man freut sich über neue Projekte und darüber, etwas anzuschieben. Dass so viele Anträge, die ich mit meinen internationalen Kollegen bisher gestellt habe, bewilligt wurden – nicht nur die Masterstudien-Anträge – war schon überraschend.

Was sind die Vorteile der EU-Studiengänge gegenüber vergleichbaren Master-Studiengängen für die TU?

Wir bekommen mehr Studierende für unseren Fachbereich, höhere finanzielle Mittel und eine bessere Außendarstellung. Nur Studiengänge mit einem EU-Label werden auf den EU-Webseiten geführt. Und die meisten ausländischen Studierenden suchen dort nach Studiengängen, die gefördert werden. Das heißt, man wird nur so international sichtbar. Wenn man sich einfach mit einer Partneruniversität zusammenschließt und einen Double-Degree-Abschluss anbietet, hat man nicht dieses EU-Label, das heißt der Studiengang wird im Ausland weniger wahrgenommen.

Die Fragen stellte Martina Schüttler-Hansper

„Im Wintersemester 2018/2019 habe ich den AMIS Master begonnen. Das erste Jahr habe ich an der TU Darmstadt studiert, das zweite Jahr an der Universität Bordeaux. Darauf aufmerksam geworden bin ich durch Kommilitonen, die sich für diesen Master entschieden hatten.
Gereizt an AMIS hat mich, an zwei unterschiedlichen Universitäten zu studieren. Außerdem erhält man für die gesamte Dauer des Masters ein Stipendium, welches einen nicht nur finanziell entlastet, sondern auch Reisen zu Konferenzen, Workshops oder anderen Events in ganz Europa ermöglicht. Generell fand ich es auch sehr ansprechend, dass hinter dem AMIS Master nicht nur das Europäische Innovations- und Technologieinstitut (EIT) steht, sondern auch ein Konsortium aus Universitäten, Forschungsinstituten und Industriepartnern.
Die hohe Mobilität während des AMIS Masters ist eine tolle Sache. Man hat nicht nur die Summer und Winter School in unterschiedlichen Ländern, sondern das EIT organisiert auch regelmäßig Konferenzen oder andere Events, an denen man als AMIS Student meist kostenlos teilnehmen kann.“ Sten Gebel

„Nach meinem Bachelor in Materialwissenschaften habe ich einen Doppelmaster in FAME gemacht – jeweils für ein Jahr an der Grenoble INP – PHELMA und an der Universidade de Aveiro. Ich habe das Fach Materialwissenschaft gewählt, weil es eine gute Mischung aus Chemie und Physik ist. Der FAME Master war die perfekte Wahl, weil er zusätzlich zu dem fachlichen Studium Funktionsmaterialien auch noch den Auslandsaufenthalt mit allen Vorteilen wie andere Sprachen, Kulturen und Arbeitsweisen vereint hat. Nach erfolgreicher Promotion in Physikalischer Chemie möchte ich meine Kenntnisse jetzt in die Praxis umsetzen. Ich habe diese Woche ein Programm angefangen, in dem ich lerne, wie man erfolgreich ein Startup gründet. Jesse Riedl

„Ich habe 2015 im Bachelorstudiengang Materialwissenschaften an der TU Darmstadt angefangen und ihn 2020 beendet. Mein erstes Jahr des AMIS Masterprogramms habe ich in Darmstadt absolviert. Derzeit bin ich im zweiten Jahr des AMIS Masters an der Aalto University in Finnland. Ich fand und finde es besonders reizvoll, dass das AMIS Masterprogramm die Möglichkeit bietet, neben den naturwissenschaftlichen Fächern auch Wirtschaftsvorlesungen zu besuchen. Ich hatte das Gefühl, dass man dadurch aus seiner „Blase“ geholt wird und einen anderen Blick auf einige Dinge bekommt. Außerdem wird in diesem Programm viel Wert auf internationale Zusammenarbeit gelegt. Dadurch, dass das Studium ein Jahr an einer Partneruniversität stattfindet, werden neue Wege und Perspektiven aufgezeigt. Aber nicht nur im Rahmen des Auslandsstudiums bekommt man die Möglichkeit, Kommilitonen aus aller Welt kennenzulernen, sondern auch bei Projekten, Konferenzen und der Summer/Winter School. Ich glaube, es war nicht nur einer dieser Gründe, der mich dazu bewogen hat, dieses Masterprogramm zu machen, sondern die Fülle an Möglichkeiten. Nach dem Masterstudium würde ich gerne eine Promotion anfangen. Samira Kiefer

Organisatorischer Rahmen

Die EU-Studiengänge FAME+, AMIS und AMIR starten jährlich zum Wintersemester. Es gibt jeweils zwei Bewerbungsrunden. Studiert wird an zwei Universitäten. Unterrichtssprache ist Englisch. Die Studiendauer ist in der Regel 24 Monate. Abschluss bei Fame+, AMIS und AMIR ist ein Double-Degree-Master in Materialwissenschaften.

Bei FAME+ können sich Interessierte für ein Erasmus-Mundus-Stipendium der Europäischen Union bewerben. Bei AMIS und AMIR erhalten alle Studierenden Fördergelder über „EIT RawMaterials“ des Europäischen Institut für Innovation und Technologie.