Historische Entwicklung von Auenlandschaften

DFG bewilligt interdisziplinäres Forschungsprojekt

30.03.2021

Die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) fördert in den kommenden sechs Jahren das Schwerpunktprogramm „Auf dem Weg zur Fluvialen Anthroposphäre“, das die Wechselwirkungen zwischen menschlichen Gesellschaften und vorindustriellen Auen Mitteleuropas analysieren soll. Die Universität Leipzig, die TU Darmstadt und die Universität Tübingen entwickelten gemeinsam das Rahmenprogramm, welches in der ersten Phase von drei Jahren mit rund 5,5 Millionen Euro gefördert wird.

Auf den ersten Eindruck in einem naturnahen Zustand, aber seit Jahrhunderten stark durch Menschen beeinflusst: Die Aue der Unteren Havel in Brandenburg.

Auen sind besonders dynamische Landschaften und Kernzonen des Kultur- und Naturerbes Europas. Strategien für Landgewinnung und Risikominimierung, zum Beispiel die Abwehr von Hochwassergefahren, haben dafür gesorgt, dass bis zu 95 Prozent der mitteleuropäischen Auen umfassend überformt oder zerstört worden sind. Inwieweit und seit wann Menschen auf die Auenentwicklung Einfluss genommen haben, soll im Rahmen des Schwerpunktprogramms erforscht werden.

Kontrollierender Faktor Mensch

Prof. Dr. Gerrit Jasper Schenk

Die Federführung für die erste Phase des Projekts übernimmt Christoph Zielhofer, Professor für Physische Geographie an der Universität Leipzig: „Die Auen sind globale Brennpunkte früher menschlicher Eingriffe und sozioökologischer Mechanismen im Zusammenspiel von Mensch und Natur. Fallstudien zeigen, dass vom Menschen verursachte Veränderungen der Oberflächen und der Umwelt der Auen bereits lange vor der Industrialisierung, nämlich im Mittelalter und der vorindustriellen Neuzeit, begannen. Wir wollen ergründen, wann und warum der Mensch zum kontrollierenden Faktor der Auenentwicklung wurde und wie genau die Wechselwirkung zwischen der menschlichen Gesellschaft und der Natur funktionierte.“

Gerrit Jasper Schenk, Professor für Mittelalterliche Geschichte an der TU Darmstadt, betont: „Auenlandschaften sind die Wiege unserer Kultur. Ob in Mesopotamien oder am Rhein – Auenlandschaften sind ein Inkubator soziokultureller Entwicklungen und zugleich haben sie die Funktion eines Sensors für die Gefahren, die durch immer dominierendere menschliche Eingriffe entstehen.“

Ein deutschlandweites Förderprogramm mit Einbindung internationaler Expertise zur Erforschung der natürlichen Auenlandschaften hin zu menschlich stark überprägten Landschaften für die kommenden sechs Jahre zu bekommen ist für das gesamte Team phantastisch. (Professorin Natascha Mehler, Uni Tübingen und Professor Gerrit Jasper Schenk, TU Darmstadt)

Als Modellregionen für systematisch vergleichende Analysen dienen die früh transformierten und soziokulturell hochrelevanten Flusssysteme des Rheins, der Elbe und der Donau. „Durch den spezifischen räumlichen und zeitlichen Rahmen versprechen wir uns Rückschlüsse auch auf die Entwicklung weiterer Auenlandschaften Mitteleuropas und damit Erkenntnisse von globaler Relevanz zur Frage, ab wann und in welchem Ausmaß der Mensch potentiell riskant in die Entwicklung der Natur eingegriffen hat. Wir sprechen in diesem Zusammenhang von einer Anthroposphäre“, so Privatdozent Dr. Lukas Werther von der Universität Tübingen. Im Zusammenspiel von Archäologie, Geo- und Geschichtswissenschaften soll die Interaktion des Menschen mit seiner Umwelt „auf dem Weg zur Fluvialen Anthroposphäre“ multidisziplinär und mit innovativen Methoden erforscht werden.

Besondere Expertise der TU Darmstadt

Das Fachgebiet „Mittelalterliche Geschichte“ der TU Darmstadt mit seiner besonderen Expertise im Bereich der Umwelt- und Infrastrukturgeschichte, seinem Forschungsschwerpunkt im Spätmittelalter und seinen regionalen wie internationalen Kontakten steht im Fächerverbund besonders für die kulturwissenschaftlichen Fragen der spezifischen Mensch-Umwelt-Beziehung in Auenlandschaften: Welche wechselwirkenden Faktoren spielen im Verhältnis von Mensch und Natur eine Rolle? In den Blick genommen wird der Wandel von Wahrnehmungsmustern und Einstellungen gegenüber der Natur, die Rolle unterschiedlicher Akteursgruppen und Nutzungskonflikte. Welche Werte und Zielsetzungen formen den alltäglichen Umgang mit den natürlichen Ressourcen und welchen Rahmen setzen die natürlichen Bedingungen für die soziokulturelle Dynamik in Auenlandschaften? Welche Folgerungen können für einen guten Umgang mit dem natürlichen und kulturellen Erbe in Auenlandschaften gezogen werden?

Uni Leipzig/Schenk/feu