Starkes diplomatisches Instrument

Ökonom der TU Darmstadt zu Wirkung und Kosten von Sanktionen

21.04.2022

Professor Volker Nitsch forscht an der TU Darmstadt zu den ökonomischen Effekten von Sanktionen. Hier erklärt der Experte für internationale Wirtschaft, welche Wirkung sie entfalten und warum ihre Gestaltung so komplex ist.

Wirtschaftssanktionen sind ein starkes Instrument der internationalen Diplomatie.

Herr Professor Nitsch, welche Rolle spielen Wirtschaftssanktionen in der internationalen Diplomatie?

Das Spektrum diplomatischer Handlungsmöglichkeiten reicht von unverbindlichen Gesprächen und Verhandlungen bis hin zur militärischen Intervention. Wirtschaftssanktionen sind in diesem breiten Spektrum ein sehr starkes Instrument. Sie sind mit konkreten Maßnahmen verbunden, die sehr zielgerichtet eingesetzt werden, aber dennoch eine spürbare Wirkung auf die Wirtschaft des sanktionierten Landes haben. Allerdings verursachen sie auch Kosten für die Sanktionierenden. Und da muss sich die Politik fragen, wie weit sie gehen will. Diese Diskussion führen wir ja aktuell auch mit Blick auf Russland.

Welche Strategie steht hinter den EU-Sanktionen?

Die Europäische Union folgt mit ihrer Strategie einem typischen Dreiklang: Reisebeschränkungen, Finanzsanktionen und Exportbeschränkungen bis hinunter zum einzelnen Produkt und zur einzelnen Dienstleistung. Diese Maßnahmen betreffen konkrete Politikerinnen und Politiker, Organisationen, Unternehmen und Banken, die man mitverantwortlich macht für den Krieg mit der Ukraine. Aber das Ganze ist sehr komplex. Es kommt auf die Details an.

Professor Dr. Volker Nitsch

Inwiefern?

Sanktionen sollten so punktgenau wie möglich sein. Im ersten Schritt identifiziert man die Zielgruppen und -personen und schaut sich dann im Detail an, welche Maßnahmen sie besonders hart treffen – möglichst ohne humanitäre Kollateralschäden oder zu hohe Kosten für das sanktionierende Land zu verursachen. Und dabei geht es nicht nur um superreiche Oligarchen, sondern um Entscheidungsträger und -trägerinnen aus Putins innerem Kreis. Das ist ein ständiges Ausbalancieren.

Also Feintuning statt Gießkannen-Prinzip?

Genau. Sanktionen sollen smart sein. Entsprechend kleinteilig sind auch die Player und Produkte auf den Sanktionslisten in Brüssel definiert. Nehmen Sie zum Beispiel Hightech-Produkte, die in Panzern verbaut werden. Hier muss man sehr genau auf jedes einzelne Bauteil schauen und klären, ob es unter die sanktionierte Technologie fällt.

Sie beschäftigen sich schon länger mit der Wirkung von Sanktionen. Welchen Ansatz verfolgen Sie dabei?

Eigentlich sollen Sanktionen einen politischen Erfolg erzielen. Aber: Südafrika, Kuba oder Nord-Korea wurden über Jahrzehnte sanktioniert, ohne dass dies zu einem unmittelbaren Politikwandel geführt hat. Putin ist vor ein paar Wochen in die Ukraine einmarschiert in dem Bewusstsein, dass es Sanktionen geben würde. Welche Faktoren am Ende Regime verändern oder Kriege beenden, also politische Erfolge gebracht haben, ist schwer zu analysieren. Daher fokussieren wir uns auf die wirtschaftlichen Effekte und fragen nach den Wirkungen von Sanktionen auf Finanztransfers, Geschäftsbeziehungen, die Unternehmens-Performance und den Handel. Im Vordergrund steht die Frage: Führen smarte Sanktionen zu Einschränkungen, die sich auch im Aggregat bemerkbar machen?

Zu welchen Ergebnissen kommen Sie?

Auch wenn nur wenige Personen und Organisationen unmittelbar betroffen sind, gehen die Finanztransaktionen mit den sanktionierten Ländern insgesamt signifikant zurück. Das zeigt: Sanktionen erzielen eine breite ökonomische Wirkung. Mit Blick auf die wirtschaftlichen Folgen im Inland haben wir herausgefunden, dass die Kosten für die einheimische Wirtschaft unterm Strich überschaubar bleiben – auch wenn Unternehmen gerne beklagen, dass mit Sanktionen Marktanteile und Jobs verloren gehen. Man muss es dynamisch betrachten. Die Kapitalströme, die wir untersucht haben, zeigen klar, dass mit Finanzsanktionen zwar auch die Wirtschaftsbeziehungen in anderen Feldern zurückgehen, aber Unternehmen ihre Geschäftsbeziehungen erfolgreich in nicht sanktionierte Länder verlagern.

Kann man diese Schlussfolgerungen auf die Sanktionen gegen Russland übertragen?

Wenn man sich die Historie anschaut, sind die Länder, die sanktioniert wurden, häufig tendenziell klein und wirtschaftlich unbedeutend. Russland ist diesbezüglich ein anderes Kaliber. Daher können wir das wohl nur in der Rückschau bewerten. Aber unabhängig davon: Nichts zu machen wäre keine Option. Selbst, wenn man davon ausgeht, dass die Sanktionen gegen Russland nur eine begrenzte Wirksamkeit haben, würde das aus meiner Sicht nicht dagegen sprechen sie dennoch zu implementieren.

Halten Sie weitere Verschärfungen für möglich und sinnvoll?

Ein Energieembargo, die Unterbindung des gesamten Zahlungsverkehrs, ein kompletter Stopp des bilateralen Austauschs wären theoretisch möglich. Aber Sanktionen machen nur dann Sinn, wenn wir uns damit nicht selbst lahmlegen. Zudem können breite Sanktionen auch das Gegenteil bewirken und dazu führen, dass sich die Bevölkerung hinter einem Machthaber versammelt. Und ein weiterer Punkt kommt mir in der Diskussion bislang zu kurz. Russland ist ein großes und in weiten Teilen auch ein armes Land. Millionen von Menschen leben außerhalb der urbanen Zentren um Moskau und Sankt Petersburg. Wenn ich nur von Grundnahrungsmitteln lebe, ist mir egal ob McDonalds schließt oder ich keine Schweizer Schokolade mehr kaufen kann. Man sollte den Effekt von Wirtschaftssanktionen also nicht überschätzen.

Veröffentlichungen:

Mehr Informationen zum Thema bieten unter anderem die Forschungsbeiträge von Professor Volker Nitsch und Kollegen „You´re banned! The effect of sanctions on German cross-border financial flows“ und „Cheap talk? Financial sanctions and non-financial activity“ (wird in neuem Tab geöffnet).

Das Interview führte Dr. Jutta Witte