Veränderungen im XXL-Format

Alumnus Bastian Wibranek: Von der TU Darmstadt an die University of Texas

13.07.2022 von

Noch bevor Bastian Wibranek seine Promotion in Architektur an der TU Darmstadt 2021 abschloss, hatte er bereits eine Stelle in den USA in der Tasche. Als Assistant Professor lehrt der 38-Jährige heute „Digital Design and Fabrication“ an der University of Texas at San Antonio (UTSA). Es war die erste Stelle, für die er sich bewarb und gleich ein Traumjob. Als „nahezu perfekt“ beschreibt er die Konditionen in seiner neuen Heimat.

Dr.-Ing. Bastian Wibranek

Fast scheint es so, als würde er sich immer noch wundern. „Ich hatte gar nicht geplant, in die USA auszuwandern“, sagt Bastian Wibranek. Darmstadt und San Antonio sind seit 2017 Partnerstädte. Die deutsche Pionierstadt in Sachen Digitales und die texanische Großstadt, eine der am schnellsten wachsenden Metropolen in den USA, haben viele Gemeinsamkeiten – darunter auch einen regen akademischen Austausch. Als sein Doktorvater Professor Oliver Tessmann ihn 2019 auf das Stellengesuch der University of Texas at San Antonio (UTSA) aufmerksam machte, passte die Ausschreibung exakt zu seinem Profil und mit seiner Doktorarbeit war er auch fast fertig. Er schrieb eine Bewerbung, „aber irgendwie habe ich nicht daran gedacht, dass es wirklich klappt“, erzählt der 38-Jährige, der auf Digitales Gestalten spezialisiert ist.

Unterricht zunächst virtuell

Rund drei Jahre später sitzt Bastian Wibranek morgens in seinem Büro an der Universität knapp 8700 Kilometer Luftlinie entfernt von Darmstadt. Im Zoom-Hintergrund sind die Fahnen der UTSA zu sehen. Fahnen und das Logo der Universität sind überall auf dem Campus präsent. Corporate Design, Marketing, Finanzen – die Uni ist straff organisiert, „fast wie ein Unternehmen“, sagt der junge Professor. 2021 trat der TU-Alumnus seine Stelle in den USA an – zunächst virtuell. Eigentlich hatte er schon 2020 beginnen sollen, aber Covid-19 hatte die Welt im Griff. Wibraneks Promotion hatte sich wegen der Pandemie und verspäteter Laborversuche verzögert, Einreise und Visum gestalteten sich schwierig. Daher unterrichtete er zunächst ohne Doktortitel als „Instructor“ online aus Deutschland und gab Tutorials für seine neuen Studierenden in den USA per Zoom und YouTube.

2021 wurde dann das „ereignisreichste Jahr“ seines Lebens, erzählt er lachend. Er schloss nicht nur seine Promotion erfolgreich ab, wechselte den Kontinent und nahm seine Lehrtätigkeit als Assistant Professor in Texas auf. Er wurde auch Vater einer Tochter und heiratete seine Lebensgefährtin, die einen amerikanischen Pass besitzt und ihm nach San Antonio folgte.

Digitale Ästhetik

Bastian Wibranek Schwerpunkt ist die Digitale Gestaltung. „Wir sind die Informatiker in der Architektur“, sagt er. Er forscht daran, wie sich Computerprogramme oder computergestützte Fertigungsprozesse für das Entwerfen und die Konstruktion einsetzen lassen, beispielsweise Algorithmen für die Fassadengestaltung oder zur Optimierung von Grundrissen. Was müssen diese Programme können, wie Maschinen oder Roboter angepasst werden?

Der Ehemalige der TU ist spezialisiert auf digitales Design und Fertigung. Er nennt gedruckte 3D-Modelle, computergesteuerte Fräsen oder den Einsatz von Robotern auf Baustellen oder für die Vorfertigung von Bauteilen als Beispiele. Wichtig ist ihm, neue Technologien so zu entwerfen und einzusetzen, dass die Potenziale der digitalen Technologien sich voll entfalten können. Der 38-Jährige, der an der Frankfurter Städelschule seinen Master in Advanced Architectural Design machte und auch mit renommierten Künstlern zusammengearbeitet hat, spricht von „digitaler Ästhetik“.

Die will er auch seinen Studierenden vermitteln. Im ersten Jahr unterrichtete der gebürtige Essener eine Klasse mit rund 16 angehenden Architektinnen und Architekten, im nächsten Semester werden es zwei so genannte Design Studios sein. In Darmstadt lag der Fokus mehr auf Forschung, in San Antonio hält er nahezu jeden Tag Vorlesungen, Sprechstunden oder Kurse ab. Den Kontakt mit seinen Studierenden sei intensiv, berichtet er.

Motivierte Studierende

Die Stadt unweit der mexikanischen Grenze ist hispanisch geprägt, die Universität legt Wert auf Inklusion und Diversität, weshalb sie ihre Lehrenden anhält, etwa auch mexikanische oder südamerikanische Architekturbeispiele im Unterricht zu integrieren. Wibranek hat seine Promotion auf Englisch verfasst, doch hier sitzt er vor Hochschülerinnen und Hochschülern, die die Sprache besser sprechen als er. „Meine Kenntnisse bei Fachausdrücken sind gut, aber manchmal hakt es noch etwas“, sagt er. Das Studium kostet Geld. „Für meine Kurse müssen einige der Studenten hart arbeiten. Nicht alle haben ein Stipendium.“ Das erhöht bei ihm den Druck, ihnen etwas bieten zu wollen. Der junge Professor hat bis jetzt aber auch die Erfahrung gemacht, dass die meisten sehr motiviert sind und die Abbrecherquote niedrig ist.

Tenure-Track-Professur

Seine eigenen Erfahrungen aus der Promotionszeit an der TU Darmstadt kommen Bastian Wibranek an seiner neuen Heimatuniversität zu gute. Als er als junger Doktorand nach Darmstadt an den Fachbereich Architektur kam, war das Fachgebiet Digitales Gestalten gerade erst eingerichtet worden. „Wir waren nur zu viert – Professor Tessmann, eine Sekretärin und zwei Doktoranden.“ Er habe das Fachgebiet mit aufgebaut und alles von der Pike auf gelernt, erinnert sich Wibranek. Davon profitiere er heute sehr, befinde er sich mit seinem Lehrstuhl nun in einer ähnlichen Position. Der TU-Alumnus hat eine Tenure Track Professur inne. Fünf Jahre lang wird seine Arbeit als Professur evaluiert und kann bei guter Bewertung in eine dauerhafte Stelle, vergleichbar mit der Verbeamtung in Deutschland, münden.

Schnelle Umsetzung

Seine Lehrtätigkeit und Forschung ist interdisziplinär. Der junge Professor arbeitet mit Kolleginnen und Kollegen aus der Materialwissenschaft, Informatik, Robotik und dem Ingenieurwesen zusammen. Darunter sind auch viele internationale Forschende und Lehrende aus Europa oder Asien. Das Uni-Leben und die vielen Möglichkeiten begeistern ihn. Dieses Semester habe er etwa mit einem großen Immobilienunternehmen in San Antonio zusammengearbeitet. Im Rahmen der Kooperation entwarfen und bauten seine Studierenden eine schattenspendende Struktur für einen prominenten Platz im Stadtzentrum. „Die Unterstützung von allen Seiten war riesig und der Bau konnte bald umgesetzt werden. Das wäre in Deutschland nie so schnell zustande gekommen“, sagt er. Aktuell forscht er mit der Stadt an der Wiederverwendbarkeit von Baumaterialien mit Hilfe digitaler Technologien. „Ein Thema an dem ich bereits an der TU Darmstadt geforscht habe.“

Fast perfekt

Die Texaner beschreibt er als sehr freundlich und offen. Wibranek war zuvor nie länger im Ausland. Er wollte immer in einem warmen Land leben. In San Antonio sind es an diesem Morgen schon 40 Grad. Seine Frau und er fühlen sich wohl in der Stadt, in der die amerikanische und mexikanische Kultur zu einer spannenden Mischung verschmelzen. Alles ist „nahezu perfekt“, sagt er. Fast. Die Waffenliebe vieler Amerikaner und immer wiederkehrende Amokläufe wie zuletzt in der texanischen Grundschule in Uvalde sind jedoch ein Teil des neuen Alltags, die die Familie beunruhigt. Die Vorstellung, dass ihre kleine Tochter einen Ort besuchen könnte, an dem sich ein solches Drama abspielt, trübt die Freude an der neuen Umgebung. „Das geht mir schon sehr nah“, sagt Wibranek. Auch an der Uni werden Studierende und Lehrende mit Verhaltenstrainings und Übungen für den Notfall geschult. Laptops und Handys sind mit einem Warnsystem vernetzt.

Eine Sorge, die wachsam macht, aber nicht das Leben dominieren soll. Das Fazit des TU-Alumnus fällt nach fast zwei Jahren als Uni-Professor daher positiv aus: „Es gefällt mir sehr gut“.