Zwischen Laborkittel und Wettkampfmontur

Chemie-Doktorand der TU feiert Spitzenerfolge im Degenfechten

2022/10/14 von

Peter Bitsch schafft es, wissenschaftliches Arbeiten und Hochleistungssport gut unter einen Hut zu bringen. Während der Promotionsstudent im Fachbereich Chemie mit Reagenzglas und Pipette hantiert, greift er in seiner Freizeit zum Degen. Der Spagat fällt nicht immer leicht.

Chemie-Doktorand Peter Bitsch

Wenn Peter Bitsch sich an den Beginn seiner großen Leidenschaft erinnert, geht auch nach mehr als 20 Jahren noch ein Strahlen über sein Gesicht. „Als ich vier Jahre alt war, habe ich mit meinen Eltern einen Musketier-Film gesehen – und seitdem wollte ich immer fechten“, erzählt der heute 26-Jährige. Inzwischen betreibt er den Sport längst auf Spitzenniveau, doch nicht nur das: Es gelingt ihm, das Degenfechten erfolgreich mit seiner Arbeit als Doktorand am Fachbereich Chemie der TU Darmstadt zu vereinbaren. Von Montag bis Mittwoch steht er mit Kittel und Schutzbrille im Labor, dann wechselt er für den Rest der Woche zu Fechtjacke und Degen.

Mit vier Jahren musste sich Bitsch allerdings zunächst noch gedulden, denn er war zu jung für den Kampfsport. Wenig später kam er erneut damit in Berührung: bei einem Grillfest, auf dem ein Fechtclub auftrat. „Ich habe den ganzen Tag zugeschaut“, erinnert sich Bitsch. Als Siebenjähriger wurde er Mitglied im Verein, zuerst in Bensheim, später in Darmstadt. „Und seitdem bin ich beim Fechten geblieben und habe nie etwas Anderes machen wollen. Es war und ist meine Hauptleidenschaft, und ich habe immer alles andere darum herum gebaut.“

Der Erfolg ließ nicht lange auf sich warten: Mit zehn Jahren wurde Bitsch Hessischer Meister in seiner Altersgruppe, als Jugendlicher qualifizierte er sich für die Europa- und die Weltmeisterschaft und wurde deutscher Vizemeister im Team und Dritter im Einzel. Seinen bislang größten Triumph feierte der Sportler 2015, als er im Team U-20-Weltmeister wurde.

Ich bewundere, wie es ihm gelingt, aufwändige chemische Forschung mit Hochleistungssport in Einklang zu bringen. Ich bin stolz darauf, so ein Ausnahmetalent in meiner Forschungsgruppe zu haben.

Chemieprofessor Harald Kolmar über seinen Doktoranden Peter Bitsch

Später in der Studienzeit an der TU Darmstadt, die als „Partnerhochschule des Spitzensports“ (s. Infokasten) studierende Kaderathletinnen und -athleten unterstützt, forderte der Spagat aber auch seinen Tribut. „Die Doppelbelastung aus Uni und Leistungssport hat mich an den Rand eines Burn-outs gebracht, weil ich mir zu viel Druck gemacht habe“, erzählt Bitsch. Er schraubte das intensive Training für einige Jahre zurück, beendete seinen Master in Chemie und fing mit seiner Promotion an.

Seit Anfang dieses Jahres trainiert Bitsch wieder fünf Mal pro Woche.

Nun will er es aber noch einmal wissen: Seit Anfang dieses Jahres trainiert Bitsch wieder fünf Mal pro Woche bei seinem früheren Bundestrainer in Heidelberg. „Meine Eltern haben mich auch darin bestärkt, es noch einmal zu versuchen“, sagt er. „Jetzt ist das noch möglich, später wahrscheinlich nicht mehr.“ Auch von seinem Doktorvater, Chemieprofessor Harald Kolmar, bekommt er vollen Rückhalt.

Bitschs Traum ist es, sich für die Olympischen Spiele in Paris 2024 zu qualifizieren. Dafür muss er mindestens die Aufnahme in das deutsche Nationalteam schaffen. Ein wichtiges Etappenziel hat er kürzlich erreicht – er erkämpfte sich Ende Juni die Bronzemedaille bei den Deutschen Meisterschaften. Nicht nur in sportlicher, sondern auch in wissenschaftlicher Hinsicht könnte 2024 ein wichtiges Jahr werden: Denn zum Jahresende will Bitsch auch seine Promotion abschließen.

Darin beschäftigt er sich mit einem biochemischen Thema und entwickelt neue Moleküle für die Krebstherapie. Hier sieht er auch Parallelen zwischen seinen beiden Standbeinen. „Man kann bei beidem sehr viel kombinieren und ausprobieren, um ans Ziel zu kommen“, erklärt Bitsch. „Im Gefecht kann ich verschiedene Aktionen kombinieren, um den Treffer zu erzielen, und genauso kann ich auch in der Chemie meine Wirkstoffe auf verschiedenen Wegen zur Tumorzelle bringen.“

So will er denn auch auf absehbare Zeit weder das eine noch das andere lassen. Am liebsten wäre ihm nach der Promotion eine Postdoc-Stelle für vier Jahre – auch um vielleicht noch einen Anlauf auf Olympia 2028 nehmen zu können. Für die Zeit danach ist der Sportler und Wissenschaftler, der nebenher auch noch Jugendliche im Fechten trainiert, für vieles offen. „Ich kann mir gut vorstellen, in der Forschung und Entwicklung in der Wirtschaft zu arbeiten oder sonst bei meinem Vater im landwirtschaftlichen Betrieb einzusteigen“, erzählt er. Und dann fangen seine Augen wieder an zu leuchten: „Aber da mein Herz so sehr am Fechten hängt, würde ich auch eine Arbeit als Funktionär im Sport nicht ausschließen.“

TU Darmstadt – Partnerhochschule des Spitzensports

Die TU Darmstadt ist seit 2003 „Partnerhochschule des Spitzensports“. Sie hat sich gemeinsam mit dem Olympiastützpunkt Hessen, dem Landessportbund Hessen und dem Allgemeinen Deutschen Hochschulsportverband verpflichtet, studierende Spitzensportlerinnen und Spitzensportler zu unterstützen, um ihnen die duale Karriere aus Spitzensport und Studium zu ermöglichen. Im Rahmen des Projekts fördert die TU alle Sportlerinnen und Sportler, die in ihrer Sportart einem Bundeskader angehören. Studierende Kaderathletinnen und -athleten können zusätzliche Leistungen und besondere Förderungsmaßnahmen erhalten, welche die Vereinbarkeit von Studium und Spitzensport unterstützen.

Für die Umsetzung der Förderleistungen ist das Unisport-Zentrum federführend verantwortlich und übernimmt zusammen mit dem Dezernat II die Koordinationsfunktion innerhalb der TU Darmstadt. Als Förderungsmaßnahmen können studierende Spitzensportlerinnen und -sportlern auf Nachfrage unter anderem ihre Studienplanung und Abwesenheitszeiten flexibilisieren, ein persönliches Mentoring sowie eine Fachberatung in Anspruch nehmen, Abgabe- und Prüfungstermine individuell abstimmen und ihr Studium sofern möglich in Teilzeit organisieren.

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