Die Magie des Dirigierens

Der musikalische Leiter des TU-Orchesters, Christian Weidt, im Porträt

20.12.2022 von

In der musikalischen Lehre tätig zu sein, war der Berufswunsch von Christian Weidt. Als Dirigent vor einem Orchester zu stehen sein Traum. In seinem Leben hat beides mittlerweile einen festen Platz.

Christian Weidt und das TU-Orchester bei einer Probe im Oktober 2022.

Schon als kleines Kind war Christian Weidt von Musik fasziniert. „Das Klavier war früher für mich wie ein Spielzeug“, erzählt er. „Ich habe mich hingesetzt und gespielt, einfach Töne zusammen ausprobiert. Zu Anfang ganz spielerisch. Im Alter von acht Jahren begann ich mit Klavierunterricht, später spielte ich Klavier in einer Meisterklasse der Musikschule im Rheingau. Dort hat sich bald mein Interesse am Dirigieren herauskristallisiert.“ Mit 16 Jahren leitete Weidt sein erstes Jugendorchester, mit 17 Jahren seinen ersten Kirchenchor. „Inzwischen stehe ich schon seit über 20 Jahren vor Erwachsenen und vermittle Musik“, sagt der 39-Jährige.

An der Staatlichen Musikhochschule Mannheim studierte er von 2008 bis 2011 Orchesterdirigieren und Chorleitung. Vorher absolvierte er bereits ein Studium in Musik und Germanistik. Den Hinweis auf die Stelle in Darmstadt bekam er über seine Musiker des Schriesheimer Kammerorchesters, das er ebenfalls dirigiert: Das TU-Orchester suche einen neuen musikalischen Leiter. Neben seinem musikalischen Talent und der Leidenschaft fürs Dirigieren verhalf ihm sicher auch eines seiner schönsten Erlebnisse zur Stelle an der TU.

„Als Student durfte ich einen hervorragenden Kurs in Südkorea bei der dortigen Dirigiergröße Professor Hun-Joung Lim besuchen. Ein Erlebnis, das ich nie vergessen werde und mit dem Dirigieren verbinde“, erinnert sich Weidt. „Am Ende der zwei Wochen haben wir mit dem Orchester der Seoul National University ein Konzert gegeben, und dabei ist ein Bewerbungsvideo entstanden. Alle meine Stellen als Dirigent habe ich damit erhalten. Wenn ich dirigiere, in Proben oder einem Konzert, wenn ich Programme auswähle, trage ich diese Erinnerung immer in meinem Herzen.“

„Kaum in Worte fassen“

Christian Weidt

Seit rund zwölf Jahren leitet Weidt, der als Lehrer Musik und Deutsch an einem Wiesbadener Gymnasium unterrichtet, mit Freude das Orchester der TU Darmstadt: „Ein Teil des Dirigierens lässt sich in seiner Magie für mich kaum in Worte fassen“, sagt er. Mit großem Engagement entwickelt er seither jedes Semester ein Programm für die umfangreiche Orchesterbesetzung aus Studierenden, Lehrenden, Angestellten aus der Verwaltung, Ehemaligen und Interessierten aus dem Raum Darmstadt. Beim Konzert zum 75. Jubiläum am 17. Juli in der Pauluskirche in Darmstadt konnten sich die Zuhörer zuletzt von der großen klanglichen Qualität des Ensembles überzeugen.

Welche Musikstücke das Orchester aufführt, entscheidet meist der Leiter. „Die Werke müssen eine ganze Reihe von Kriterien erfüllen“, erklärt Weidt, der auch als Ausbilder im Bereich Fachdidaktik Musik am Studienseminar tätig ist. „Alle Mitglieder sollen sich im Konzert wiederfinden und etwas zu tun haben. Es soll unser Niveau herausfordern, aber nicht über- und nicht unterfordern. Natürlich muss man auch auf das Publikum schauen.“

Kurz bevor ein Semester beginnt, startet für Weidt die Hochplanungsphase. Er legt das musikalische Programm fest. Schaut welche Instrumente zur Verfügung stehen. Neue Mitglieder stellen sich vor. Falls nötig, erweitert er das Orchester mit Solisten oder besonderen Instrumenten. Die Orchestermitglieder erhalten ihre Noten und Probezeiten. „Die heiße Phase dieses Semester startet dann nach dem Jahreswechsel“, erklärt er. „Da geht es Richtung Auftritt und Planung des Auftritts.“

Semesterabschlusskonzert am 19. Februar 2023

Das Orchester und der Chor der TU Darmstadt

Der Termin für das nächste Konzert steht bereits fest: Am 19. Februar 2023 findet im Darmstadtium das Semesterabschlusskonzert statt. Dafür nehmen sich Dirigent und Orchester einiges vor. Aufgeführt werden das 2. Klavierkonzert von Sergei Rachmaninow sowie die 4. Symphonie von Gustav Mahler. „Zwei sehr berühmte und tolle Repertoirestücke. Das wird eine Herausforderung für uns“, sagt Weidt. „Ich weiß aber jetzt schon: Das Orchester wird es lieben und das Publikum auch.“

Die Arbeit mit den Musikerinnen und Musikern des TU-Orchesters begeistert Weidt. „Sie haben als Kinder angefangen ein Instrument zu spielen, teilweise mit großem Erfolg. Wir haben Leute, die könnten ohne Weiteres Profis sein.“ Ein Teil dieser TU-Geschichte zu sein, ist für den Dirigenten etwas ganz Besonderes: „Ich hoffe, dass die TU das Orchester noch viele Jahre unterstützt und dass noch viele Menschen die Möglichkeit haben, dort ihrer Leidenschaft nachzugehen.“

75 Jahre TU-Orchester: Ein Überblick

Das Orchester der TU Darmstadt wurde unmittelbar nach Ende des Zweiten Weltkriegs von Professor Karl Marguerre ins Leben gerufen. Der Professor für Mechanik an der damaligen Technischen Hochschule leitete das Ensemble bis zu seinem Tod 1979.

Seine Nachfolge als Dirigent trat später Martin Knell an, unter dessen 30-jähriger Leitung ein großes Sinfonieorchester heranwuchs. Das Orchester unternahm erfolgreiche Konzertreisen und begrüßte andere Ensembles zu Gegenbesuchen.

Seit elf Jahren hat Christian Weidt die musikalische Leitung des Ensembles aus Studierenden, Beschäftigen der Hochschulen in Darmstadt und Ehemaligen inne. Einige Mitspieler sind schon 40 oder mehr Jahre dabei. Regelmäßig tritt das Orchester zusammen mit dem 1951 gegründeten TU-Chor auf.

Gerspach/mih

Konzerte auf dem Parkdeck und im Wasserbecken

Kurioses und Wissenswertes aus der Orchestergeschichte:

Bei Konzerten des TU-Orchesters kamen im Laufe der Jahre teils ungewöhnliche Gegenstände und Instrumente zum Einsatz, etwa eine Schreibmaschine, ein Nebelhorn, eine Autohupe und eine Pistole (1989), das chinesische Saiteninstrument Pipa (1990) und ein Dudelsack (2001).

Auch an unkonventionellen Orten trat das Orchester auf, darunter im leeren Albin-Müller-Becken und im Platanenhain auf der Mathildenhöhe (2007) sowie in einer Live-Übertragung vom TU-Parkdeck an der Lichtwiese (2021).

2008 präsentierte das Ensemble das erste Konzert im neu eröffneten Darmstadtium, im gleichen Jahr fand ein Serenaden-Konzert im Innenhof des Regierungspräsidiums mit Chor und Balletttänzen des Staatstheaters Darmstadt statt.

- Das Orchester unternahm Konzertreisen unter anderem nach Zypern, Ungarn, Italien, Lettland, Rumänien, Russland und in die Türkei und begleitete namhafte Solisten, unter ihnen Rainer Sonne, Neidhart Resa sowie Jan Dieselhorst von den Berliner Philharmonikern.

Gerspach/mih

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